Die Geographie des Drogenmarkts im Görlitzer Park

Über Dealer als informeller Teil der Tourismuswirtschaft und den kommenden “Balloneffekt”

Kartenmaterial: OpenStreetMap

Warum im Görlitzer Park in Berlin-Kreuzberg ein offener Drogenmarkt entstand, hat einiges mit seiner geographischen Lage zu tun. Wenn jetzt der Berliner Innensenator Frank Henkel (CDU) meint, er könne einen “solchen Sumpf trockenlegen”, verkennt er völlig die Situation. Und legt beredetes Zeugnis von der Einfältigkeit des Prohibitionsansatzes ab, der seit Jahrzehnten völlig versagt.

Henkel und auch nicht wenige Stimmen in diversen Berliner Presseerzeugnissen (inkl. deren Kommentarspaltenbewohner) scheinen zu meinen, die Dealer würden vom Himmel fallen oder seien aus purer Lust am Ungemach in den Park gekommen. Und habe man sie alle verhaftet oder vertrieben, wäre alles wieder in Ordnung. Ein Zusammenhang zu einer Drogenpolitik, die letzendes die Bundesregierung zu verantworten hat, wird nicht hergestellt.

Der Drogenmarkt funktioniert nach so purer marktwirtschaftlicher Logik, dass jeder Neoliberale in Frohlocken verfallen müsste: Es ist das ungeschminkte Wechselspiel von Angebot und Nachfrage inklusive der damit einhergehenden Ausbeutung von Abhängigkeitsverhältnissen, Notlagen, Diskriminierungen, Verdrängungskämpfen und Suchtverhalten.

So ist es äußerst bigott, wie seitens vieler Politiker mit dem Drogenthema umgegangen wird. Denn es ist selbstredend jedem klar, der nicht ganz auf dem Kopf gefallen ist (und eine Nacht in Kneipen und Clubs unterwegs war): Der Ruf Berlins als Kultur-, Musik- und Partystadt - des “anything goes” - hat nicht unwesentlich mit der Verfügbarkeit von legalen und illegalisierten Drogen zu tun. Der Drogenmarkt im Görli ist informeller Teil der Tourismuswirtschaft. Und eigentlich müssten Hoteliers, Gastwirte und Clubbetreiber sowie auch Politiker den Dealern im Park für ihre Dienstleistung dankbar sein (plus deren Großhändlern, die den Stoff in großen Mengen herbeischaffen und den Straßenvertrieb organisieren).

Denn der Görlitzer Park liegt inmitten von mehreren losen verbundenen Ausgehgegenden: Südlich grenzt Nordneukölln an, davor erstreckt sich noch der “Reiche-Kiez” (Reichenberger Str.), weiter südwestlich Kreuzberg 61. Der Park selbst ist umgeben vom ehemaligen Postzustellbezirk SO36 (die Wrangelstraße, das Schlesische Tor mit seinem “Technostrich”, die Oranienstraße) und schließlich findet sich nördlich Friedrichshain.

Wer von dort kommt, läuft südlich — erzwungen durch die Spree — über das Nadelöhr Oberbaumbrücke unmittelbar auf den Park zu. Zudem führt die U-Bahnlinie 1 direkt an ihm entlang; die bringt Publikum aus dem westlicheren Teil der Stadt bzw. aus der anderen Richtung vom S-Bahnhof Warschauer Straße, wo auch die Straßenbahn M10 aus dem Prenzlauer Berg anlangt.

Quelle: go-berlin.net kein Anspruch auf Vollständigkeit; Kartenmarterial: OSM

Bekannte Clubs wie das Berghain, das Watergate, das Yaam und der Tresor (und früher Kater Holzig) liegen in maximal dreißigminütiger Laufweite vom Park; andere deutlich näher, wie auch Musikstätten, Galerien und Kinos. Ganz zu Schweigen von zahllosen Kneipen, Imbissen und Restaurants.

Im Radius von vielleicht drei Kilometern des “Görli” sind an einem Wochenende im Sommer zehntausende Menschen zum Feiern unterwegs. Das liegt zum einen daran, dass die Touristenzahlen in der Gegend stetig steigen— in 2013 gab es knapp 3,5 Millionen Übernachtungen (etwa 13 Prozent derer in ganz Berlin). Dabei leben “nur” 275.000 Personen in dem Bezirk, also ca. 8 Prozent der gesamten Berliner Bevölkerung. Man muss sich verdeutlichen: Friedrichshain-Kreuzberg als eigenständige Stadt fände sich auf Platz 25 der größten Städte in Deutschland — in der Liga von Wiesbaden und Augsburg.

Die viele Feierei hat ebenfalls damit zu tun, dass in Kreuzberg — aber auch im angrenzenden Nordneukölln — sich die Wohnbevölkerung in Teilen weiter austauscht; ein studentisches, junges, internationales und manchmal bohemehaftes Milieu hat dort Fuß gefasst. Neu-Zugezogene und Touristen haben in der Regel keinen “Hausdealer” und müssen ihre Drogen auf offenen Drogenmärkten kaufen. Das bedeutet: Die Nachfrage wird nicht schwinden, auch wenn das Angebot im und um den Görli zerstreut wird.

Die Polizei hält Wache am U-Bhf Görlizter Bahnhof (18.11.14)

Derzeit setzt die Kälte ein; die Zahl der Dealer nebst ihrer Gehilfen, die offensichtlich ein Meldesystem im Park betreiben, nimmt eh ab. Wie auch die Zahl der Touristen im Winter schwindet (die ihre reinen Partydrogen wie Ecstasypillen und MDMA-Pulver, Koks und Speed eh direkt in den Clubs erhalten — gekifft dagegen wird im Sommer gerne draußen). So wird sich also erst ab kommenden Frühjahr richtig zeigen, wie es im Görli weitergeht. Klar ist, die Arbeitszeit der Berliner Polizisten wird weiter für sinn- und weitgehend erfolglose Einsätzen vergeudet. Dieses Jahr hat sie offenkundig ohne Effekt schon dreimal mal mehr Einsätze im Görli erledigt — weit über 400 - als im vergangen Jahr (pdf).

Am 19.11.2014 rückt die Polizei mit Flutlicht im Park an

Wie dem auch sei: Werden mit massiver Polizeispräsenz die Dealer aus dem Görli verdrängt, dürften die sich weiter auf Straßen in der Gegend verteilen. Z.B. die Ohlauerstraße herunter Richtung Kanal und entlang der Reichenberger Straße bis hinauf zum “Kotti”. Vielleicht lebt auch die Hasenheide als Drogenmarkt wieder richtig auf oder das RAW-Gelände in Friedrichshain wird noch mehr Handelsort. Als Folge eines Phänomens, das so alt ist wie die Drogenprohibition: Der Balloneffekt — drückt man an einer Stelle drauf, dehnt er sich an anderen Stellen aus.

So manche Anwohner des Görlitzer Parks wird es wahrscheinlich freuen, wenn die Dealer in anderen Straßen und Parks stehen. Politiker werden sich mit “Erfolgen” brüsten. Weniger Drogen werden nicht genommen werden. Und der Irrsinn der Prohibition wird in die nächste Runde gehen.


Eine Idee, wie es anders gehen könnte, erzählt dieses Märchen:

http://youtu.be/csnTAz0Sth8
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