Warum meiner Meinung nach aus Sender nichts wurde

Lorenz Matzat
Jul 4, 2016 · 3 min read

Eineinhalb Jahre sind es her, dass wir Sender ankündigten. Für alle offensichtlich ist aus dem Vorhaben nichts geworden. Ein „offizielles“ post mortem, eine Nachbetrachtung des Teams gibt es bislang nicht, deswegen kommt hier als eine Art „Minderheitenvotum“ eins von mir. Ich bin jetzt so oft darauf angesprochen worden, was eigentlich los sei, dass ich denke: Es braucht zumindest etwas Klarheit für die vielen Unterstützer/innen und Interessierten.

Wir hatten ein überaus ambitioniertes Vorhaben skizziert: Ein „Sender“ im Netz mit Audio- und Videoberichten, mit einem hoffentlich schlauen Website- und Communitykonzept nebst Genossenschaftsansatz; nicht zuletzt war das auch eine Idee davon, wie wir uns ein öffentlich-rechtliches Medium im 21. Jahrhundert vorstellen. (Die Debatte darüber ist quasi nicht existent und deswegen hoffe ich, dass sich auch andere dieser wichtigen Leerstelle annehmen.) Im Herbst 2015 beendete ich dann meine Mitarbeit bei Sender; das Projekt lief dann noch bis Anfang diesen Jahres und seitdem ist von Senders Seite nichts mehr veröffentlicht worden.

Wir hatten seit Sommer 2014 über diese Idee nachgedacht und waren dann Anfang 2015 an die Öffentlichkeit gegangen. Die Resonanz war besser als wir erwartet hatten; nicht zuletzt angesichts des geschlossenen Ansatzes des Krautreporterprojekts hatten wir einen offenen gewählt — in Buzzword-Bingonisch würde man wohl von „open innovation“ sprechen. Das funktionierte erstaunlich gut und ist mit das Positivste, was ich von Sender mitnahm. Bei einem ähnlich gelagerten Vorhaben würde ich es immer wieder so machen: Durch recht transparente Schilderungen unserer Prozesse und durch zwei Workshops bekamen wir viel Unterstützung, einiges (meist) hilfreiches Feedback und konnten manche Mitstreiter/innen gewinnen. An dieser Stelle noch einmal ein Dankeschön dafür.

Woran ist das Ganze gescheitert? Letztlich daran, dass wir uns nicht getraut haben, zu „springen“. Also wirklich zu starten. Ursächlich dürfte dafür gewesen sein, dass wir als Team nicht in der Lage waren, unsere Vision auf einen Nenner zu bringen. Sie blieb zu diffus. Wir wollten mit einem Crowdfunding bzw. bei einem Mischfinanzierungskonzept (etwa mit gesponserten Sendungsformaten) erst an den Start gehen, wenn wir konkret unser Produkt beschreiben konnten — Unterstützer/innen sollten also zumindest eine deutliche Idee von der Katze im Sack bekommen.

Im Sommer 2015 wäre wohl für einige Monate das Zeitfenster gewesen, das Ding zu starten. Denn es gab ein Momentum, sowohl von der Aufmerksamkeit her als auch von der Dynamik im Team. Für eine kurze Zeit waren wir auch fast soweit: Wir hatten uns überlegt, einen Sender-Tag einzuführen. Alle Sendungen sollten an einem Tag an einem Ort, der auch für die Community als Anlaufpunkt dienen sollte, live am Stück produziert werden. Wir versprachen uns einiges von diesem Happening-Charakter. Das alles wäre live im Netz gesendet und die einzelnen Sendungen dann anschließend zum Abruf bereitgestellt worden. (Die Konzeption der Sendungsformate — wir waren gewarnt worden — hatte sich zwar als schwieriger als erwartet erwiesen, war aber in Teilen mit einigen fähigen externen Leuten durchaus weit gediehen).

Schade, dass es nicht geklappt hat. Es wäre spannend gewesen, dabei zu sein, wenn ein Vorhaben dieser Art sich entfaltet. Etwa mitzukommen, ob wir in der Lage gewesen wären — nicht zuletzt aufgrund der zeitweise sehr prominenten Geflüchteten-Thematik — unser doch recht weißes bildungsbürgerliches Team aufzubrechen.

Nach zahlreichen Monaten mit vielen Treffen habe ich dann im Herbst 2015 intern meinen Ausstieg erklärt. Die zu dem Zeitpunkt vom Team verfolgte Strategie hielt ich für falsch und ein Kompromiss schien keine Option zu sein. Zudem gab es wohl auch eine politische Komponente bzw. selbstverständlich gab es die: Wenn man vorhat, ein Medium zu starten, das auch Nachrichten und eine politische Talksendung bringen wollte, wird man in gewissem Grad politischer Akteur. (Der Podcast “Lage der Nation” sollte in anderer Form eine Sendung von Sender werden.)

In meinem Selbstverständnis als progressiven und kritischen Menschen hatte ich da vermutlich auch andere Vorstellungen als andere im Team. Es gab aber eben keinen offenen Konflikt, sondern wir waren nicht in der Lage, diesen nicht formulierten Dissens auszufechten, um dann wieder Gemeinsamkeit herzustellen

Wir haben einige Zeit sehr produktiv gearbeitet — das hat mir Freude bereitet. Und wie immer gab es einiges zu lernen. Ich bin überzeugt, dass diese Gesellschaft weiterhin etwas wie Sender braucht: Ein modernes Netzmedium jenseits reiner Audio-Podcast und der Gemengelage der etablierten Medien.

    Lorenz Matzat

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    Politik & Journalismus

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