“Der Wanderer über dem Nebelmeer” von Caspar David Friedrich 1818

Sehnsucht

Wenn es eins zur Sehnsucht zu sagen gibt, dann, dass sie krank macht.

Sehnsucht ist dir vielleicht ein Begriff. Jeder, auch ich, ist ihr schon öfters, mehr oder weniger Bewusst, gegenüber gestanden.

Sie wird manchmal besungen in Liedern, beschrieben in gefühlvollen Büchern oder dargestellt in Filmen. Diese romantischen Verharmlosungen nehmen ihr den Schrecken. Im falschen Schein wirkt sie so süß, nur ein wenig bitter, aber doch so legitim. Fast wie ein gültiger Gefühlszustand.

Das wahre Gesicht der Sehnsucht hat nichts Gutes zum Ziel. Die Sehnsucht will einzig und allein dich vereinnahmen.

Sie lenkt deine Aufmerksamkeit. Ganz im Gegensatz zur Konzentration, die deine Aufmerksamkeit auf das Jetzt fokussiert, wirst du in die Ferne gezogen. Du wendest dich dem Unerreichbaren zu. Die Sehnsucht lässt dich spüren, was nicht in deinem Besitz ist. Du spürst was nicht hier ist.

Das ist das teuflische an der Sehnsucht, das Gefühl des Verlangens nach dem was nicht in deinem Besitz ist.

Eine weitere Heimtücke, die sich die Sehnsucht zu Nutze macht, ist, dass sie so plötzlich verschwindet. Sobald du das Unerreichbare erlangst ist sie wie vom Winde verweht. Gestern war sie noch da, schmerzhaft und kraftvoll und heute — puff, weg.
Rückt jedoch das Objekt der Begierde außerhalb deiner Reichweite, schlägt sie wieder zu. Erstmal sehr süß, gehüllt in den Gewändern der Erinnerung. Schon bald spürst du auch wieder den bitteren schmerzhaften Beigeschmack. Das Spiel der Sehnsucht geht wieder von Vorne los.

Sehnsucht lässt sich lösen.

Der springende Punkt ist Besitz.
Solange du im Glauben lebst, etwas besitzen zu können, kann es dir passieren in den Strudel der Sehnsucht gezogen zu werden. Je mehr dir durch Betrachtung der Dinge klar wird, eigentlich nichts besitzen zu können, desto schwieriger wirst du für die Sehnsucht zu greifen sein.

Weiters führt auch das Streben nach Konzentration direkt zu einer Entfernung von Sehnsucht. Sie erlaubt dir das Sein durch dich durch zu lassen, ohne festzuhalten, dein Blick stets auf das Hier und Jetzt gerichtet.

Für und Wider

Was wieso sollte ich mich von der Sehnsucht lösen? Sie ist doch eine der Triebfedern des Mensch… Blah!!!

Die Sehnsucht erzeugt ein Gefühl in dem dein jetziger Zustand als schwieriger, schwerer, schlechter empfunden wird als der Zustand nach dem du dich sehnst. Wie gemein kann es denn bitte noch werden?

Du willst zum Sport, aber es macht heute gar keinen Spaß, weil da gibt es ja diesen Moment aus der Erinnerung… Natürlich, da steht der aktuelle Moment da wie ein Pudel im Regen.

Du möchtest schlafen, aber nein, dir ist nicht wohl, etwas fehlt. Obwohl du in deinem gemütlichen Bett liegst, ist ja diese eine Vorstellung so prächtig! Geruhsamer Schlaf wär mächtig langweilig. Also geh dich ablenken, ja genau, schau noch eine Folge und beraub dich deines Schlafes.

Wer auch immer Sehnsucht als ein süßes melancholisches Gefühl verkaufen will, NEIN!

Sehnsucht macht dein Jetzt kaputt. Es zerstört dir den Augenblick. Sehnsucht haut dich übers Ohr, und eigentlich schöne, motivierende, erbauende, entspannende, glückliche, lustige, müde Momente in deinem Leben fühlen sich plötzlich fremd, leer und schwer an. Zum Teufel mit der Sehnsucht!

Ab ins Museum

Du kannst Sehnsucht genießen. Aber bitte nicht in deiner aktuellen Beziehung oder im vohrweihnachtlichen Kaufrausch.

Nimm dir lieber eine kleine Auszeit und schau dir eine Ausstellung zur Romantik an.
Kraftvolle starke emotionale Bilder sind in der Zeit entstanden, und vielleicht erinnert dich das eine oder andere an dich selbst. An einem Moment, den du ganz woanders verbracht hast als du warst.

“Kreidefelsen auf Rügen” von Caspar David Friedrich 1818

Spannen wir mal den Bogen, und betrachten das später entstandene Aquarell des selben Malers.

“Kreidefelsen auf Rügen” von Caspar David Friedrich nach 1825

Ich sag dir, das ging nicht gut aus.