Young Hearts Run Free

Migrationsstopp, EU-Austritt und zuletzt sogar die Bibel. Die Themen der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) beharren auf Vergangenheit, die Vorfeldorganisationen sind vieles außer stark, das Durchschnittsalter der Abgeordneten liegt bei 50. Trotzdem ist Blau bei jungen Menschen die erste Wahl. Eine Reise in das junge Herz der FPÖ.

Text: Lukas Matzinger
Fotos: Patrick Rieser

Er wollte immer schon für die Menschen da sein, die um ihn herum sind, sagt Manuel. Deshalb hat er sich schon in der Schule politisch engagiert, deshalb ist er dem Ring Freiheitlicher Jugend beigetreten. Im billigen Discolicht des Lindenwirts in Gössendorf, wenige Kilometer südlich von Graz, erzählt er von der Enttäuschung über die Großparteien, vom Charisma HC Straches, der Zukunftsgewandtheit seiner FPÖ und dass man „immer zuerst auf Unsere schauen“ muss.

Die FPÖ ist heute bei den Unter-30-Jährigen die führende Partei. Bei der Nationalratswahl 2013 war man mit 23 Prozent erstmals seit Jörg Haider wieder die stärkste Kraft bei jungen ÖsterreicherInnen. Eine Generation, die von einem harten Arbeitsmarkt, schwindender Pensionsaussicht und so vielen anderen Bedrohungen geplagt scheint, hat den Glauben in die „alten“ Parteien verloren — und wählt Opposition. Die, deren Eltern traditionell Rot gewählt haben, lassen sich heute von HC Strache begeistern. Die FPÖ ist für die meisten jungen Wähler keine radikale Partei mehr.

Und will so auch nicht gesehen werden. Beim „Blauen Ball“ in Gössendorf zeigt sich die FPÖ von ihrer zahmen Seite. EU-Parlamentarier Georg Mayer ist da, die als „nicht nur fesche, sondern auch sehr fleißige“ vorgestellte Nationalratsabgeordnete Petra Steger auch, Landesparteiobmann Gerhard Kurzmann und „Hausherr“, Nationalratsabgeordneter Mario Kunasek sowieso. Zu schiefen Tönen der Band „Showmusic“ wird unter bunten Girlanden getanzt, geredet, Bier getrunken und Schnitzel gegessen.

Auch viele junge Menschen sind heute gekommen. In Tracht und schlecht sitzenden Anzügen feiern sie ihre Partei und finden einhellig, „dass der Umschwung bald kommen wird“, wie es der junge Lederhosenträger Christian nennt. Er interessiert sich vor allem für Gemeindepolitik und wünscht sich oft eine gemäßigtere Politik seiner FPÖ. „Mich zieht es selbst noch manchmal zusammen“, wenn er Parteiobmann Strache etwas sagen hört. Und trotzdem: „Schlechter, als es jetzt ist, kann es nicht werden.”

Der steirische RFJ-Landesobmann Stefan Herrmann (rechts) und sein Stellvertreter Jürgen Werner (“links”) beim Selfie-Machen

Dabei ist die politische Agenda der FPÖ weder am ersten noch am zweiten Blick allzu jugendlich: Im neusten Parteiprogramm kommt das Wort „Jugend“ dreimal vor, im 288 Seiten starken „Handbuch freiheitlicher Politik“ ist der Abschnitt zum Thema Jugendpolitik ein wenig länger als drei Seiten — etwa gleich lang wie das Kapitel „Jagd und Fischerei in Österreich“. Bildung hat ein bisschen mehr als fünf Seiten bekommen.

„Wenn etwa eine SPÖ nur mehr für PensionistInnen, für ihre KernwählerInnen plakatiert, darf sie sich nicht wundern, wenn eine andere Partei die Jungen abholt“, sagt Politologe Reinhard Heinisch. Das Vakuum, dass von der Tristesse der großen Koalition übrig bleibt, hat die FPÖ zu einer sexy SPÖ werden hat lassen. Aber: „Ich empfinde die FPÖ als weit weniger stark, als sie schon war, als weit weniger aggressiv. Wir sehen eine massive Schwäche der anderen Parteien, die die FPÖ mit nicht sonderlich originellen Strategien ausnützt.“

Eine davon ist der „Faktor Disco“. Im Geiste Jörg Haiders streift HC Strache regelmäßig mit seiner Entourage durch die Großraumdiscos Österreichs. Er liebt es, sich als atypischer Politiker, als „einer von uns“ zu präsentieren. „Und ich glaube, ich verrate kein großes Geheimnis, wenn ich sage, dass das auch der nächste Parteiobmann wieder so machen wird“, sagt Michael Klug, Pressesprecher des steirischen FP-Landtagsklubs, über die Party-Tradition seiner Partei.

„Diese jungen WählerInnen wollen als Politik eine Mischung aus konkreten, nützlichen Lösungen, die ihnen persönliche Vorteile bringen und erregender Gladiatorenkämpfe, die man aus sicherer Distanz beobachten kann. Natürlich freut man sich, wenn dann ab und an einer der Gladiatoren vorbeikommt und eine Runde Bacardi-Cola spendiert und für Selfies zur Verfügung steht“, sieht Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier die Positionierung von mittvierzigjährigen Politikern zwischen Party und Politik.

Und sagt weiter: „Im Kern wollen die jungen WählerInnen ein nettes kleines bürgerliches Leben mit ein wenig Abwechslung und ein paar Charismatikern, die sie mitreißen und begeistern.“ Zum Beispiel HC Strache, zum Beispiel auf Facebook. Dort hat der FPÖ-Obmann 229.000 Likes und damit fast ein Social-Media-Monopol unter Österreichs Politikern. Auf Rang zwei rangiert der zwar spätgeborene, aber im Image der Jugendlichkeit mit Geilomobil und Co groß gescheiterte Sebastian Kurz mit 68.000 Fans. Dazu noch ein Youtube-Kanal mit aktuell zwei bis drei FPÖ-TV-Shows pro Woche und den feschen Moderatorinnen Marlies Gasser und Lisa Ullmann — und der Vorsprung, den man in dieser Umgebung gegenüber den anderen Parteien hat, ist mächtig. „Bei wenig politisch gebildeten Menschen kann man mit so etwas natürlich punkten“, sagt Politologe Heinisch.

Überhaupt gilt die FPÖ als Königin der „bildungsfernen Schichten“ — in den Berufsschulen gefeiert, in den Gymnasien geschnitten. „Eine Theorie dafür ist, dass Lehrlinge schon fester im Leben stehen und die echten Probleme besser kennen als SchülerInnen in der AHS-Traumwelt“, erklärt Pressesprecher Klug. Aber dann muss er zur Tombola, er hat fünf Lose gekauft

Ein junger Mann bekommt zum 18. Geburtstag Wodka und Energy Drinks

„Wer mit seinem Los noch dabei ist, bitte kurz die Hand heben“, macht Mario Kunasek die Vergabe des Thermengutscheins als Hauptpreis spannend. „Aber aufpassen, wir haben heute die ÖH hier, also bitte die linke Hand.” Szenenapplaus. Danach wird ein junger Mann vor die Bühne gebeten. Er ist gerade 18 geworden und bekommt, weil er das seit zwölf Minuten darf, einen Kübel mit einer Großflasche Stolichnaya Wodka, ein paar Dosen Red Bull und gezündeten Sprühkerzen von seinem Firmpaten Kunasek geschenkt. „Lass es dir schmecken“, wird der Bursch gefeiert. Schließlich übernimmt ein Mann mit Gitarre für die „Mitternachtseinlage” die Bühne. Das Licht wird ausgemacht. „I Am From Austria”. Stöhnen im Saal.

„Wir sind eine Familie“, wird der junge Gemeinderatskandidat Andreas später sagen, als er neben der hohen Politik an der verrauchten Schank lehnt. In seinem Dorf gibt es eigentlich nicht viele Ausländer, sagt er. Da ist ein Türke, „der gute Pizza macht“ und „angeblich eine Asylantenfamilie“, die hat er aber selbst noch nie gesehen. „Hier hat ja niemand etwas gegen Ausländer, keiner von uns.“ Der Rosenverkäufer erntet trotzdem böse Blicke.

Dieser Text erschien in leicht gekürzter Fassung in der März-Ausgabe der Libelle.

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