Klassisch-traditionelle Architektur und die europäische Stadt

Warum wir einen Paradigmenwechsel brauchen — eine Serie in sechs Teilen

von Hohnhorst Brothers
Nov 4 · 5 min read

Lange Zeit hat mich das Thema Architektur kaum interessiert. In den vergangen Jahren haben mich jedoch einige Dinge nachdenklich gemacht. Warum wirken fast alle Gebäude, die wir heute bauen, leblos und charakterlos? Warum steigt das Verkehrsaufkommen ständig, wenn durch kluge Raumplanung Distanzen verkürzt und lokale Angebote verbessert werden könnten? Warum werden in Zeiten, in denen wir wohlhabender sind als je zu vor und auf eine ganze Palette technischer Hilfsmittel und Maschinen zurückgreifen können, fast ausschließlich geistlose Kisten aus Stahl, Beton und Glas gebaut, bei denen die Bezeichnung schön irgendwie gänzlich fehl am Platz wirkt? Schlimmer noch, nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt ist dieser Trend zu beobachten. Der Reichtum an Stilen, Materialien, Mustern und Ornamenten scheint vollständig durch kubische, kreisförmige oder komplett beliebige Formen ersetzt worden zu sein. Lokale Techniken, Materialien und Baustile, die über Jahrhunderte gewachsen sind und Bestand hatten, werden nun von einer globalen Welle der Eintönigkeit überschwemmt.

Gleichzeitig erzählen die Touristenzahlen und Vorzüge der Bevölkerung eine ganze andere Geschichte: Danzig, Florenz, Rothenburg ob der Tauber, Brügge, Tübingen, Amsterdam, Prag und viele weitere Städte dieser Art werden von Besuchern überrannt und bewundert. Die Menschen zieht es in die Cafés, Restaurants und Läden der fußgängerfreundlichen und verwinkelten Altstädte mit einer Vielzahl bunt zusammengewürfelter Häuser, Kirchen, Mauern und Gärten aus mehreren Jahrhunderten.

Diese Serie geht auf mehr als ein Jahr an Beobachtungen, Recherchen und Überlegungen zurück. Die dabei eingenommene Position ist nicht neutral. Im Gegenteil: Die Art und Weise, wie in den vergangenen Jahrzehnten gebaut wurde, und auch, wie wir heute bauen, wird darin heftig kritisiert, der Zeitgeist von Anthrazit-Vorgärten, überdimensionierten Bauprojekten und weißen, bewohnbaren Schuhkartons vehement bekämpft. Ich bin der Meinung, dass wir im Bereich des Bauens und der Architektur eine ganze Reihe großer Fehler begehen, die uns noch für Jahrzehnte beschäftigen werden. Die Lösung vieler Probleme liegt nicht in immer neueren, komplexen Materialien, “smarten” High-Tech-Lösungen oder futuristischen Konzepten wie vertical farming oder mit viel Aufwand begrünten Außenfassaden. Vielmehr liegt sie hinter uns. Die europäische Stadt, die sich bis in das ausgehende 19. Jahrhundert entwickelt hat, ist einer der größten Schätze unseres Kontinents. Ich möchte nicht der Generation angehören, die dieses Erbe verspielt.

Prag
Danzig
Edinburgh
Florenz
Breslau

Ziel der Serie ist es jedoch keinesfalls, sich in Nostalgie zu schwelgen. Das Ziel ist ein Umdenken in der Art und Weise, wie wir unsere Dörfer und Städte bauen. Dabei stehen die Chancen im Mittelpunkt, die das mit sich bringen kann. In Zeiten gesellschaftlicher Spaltung und globaler Vereinheitlichung, in denen uns immer weniger zusammenhält, kann die Architektur Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft schaffen. In Zeiten von Umweltverschmutzung und heftiger Debatten um Mobilität in den Innenstädten kann die Architektur die Probleme des Verkehrs zu großen Teilen lösen. In Zeiten ungleich großen Ressourceneinsatzes kann die Architektur durch bewährte lokale Lösungen Abhilfe schaffen. Die Architektur kann eine lokal-konkrete Lösung global-abstrakter Probleme sein.

Überblick

Diese Serie ist eine Reise durch die Welt der Architektur und durch wichtige Bereiche, die sie beeinflusst. Sie führt von der Vergangenheit über die Gegenwart bis hin zu einer Zukunft, die sein könnte.

Teil 1. Die Reise beginnt aus der Vogelperspektive und bei der größten Einheit, die von der Architektur beeinflusst wird: der Stadt. Der erste Teil widmet sich somit der Stadtplanung. Welchen Einfluss haben Zonenbildung, Straßenlayout und Proportionen der Gebäude auf Leben und Alltag in der Stadt? Der Fokus liegt hier auf den Problemen der Gegenwart: Distanzen, Luftverschmutzung, Lärm, Atmosphäre und Skalierung.

Teil 2. Im zweiten Teil begeben wir uns auf die Ebene einzelner Gebäude und ihrer Ensembles. Nach einer kurzen Stilkunde wird der Frage auf den Grund gegangen, ob Schönheit rein subjektiv ist. In welchem Verhältnis stehen die Entwicklungen der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart zu dieser Frage? Kennt Schönheit universelle Regeln?

Traditionelle Fachwerkhäuser in Rothenburg ob der Tauber
Backsteinhäuser in Brügge

Teil 3. Nach dem Betrachten des Äußeren, geht es nun um die Substanz. Sind die Materialien, die wir heute in großem Stil einsetzen nachhaltig? Wie wurde früher gebaut? Welche Alternativen gibt es? Hier wird schnell klar, dass ein Teil der Antwort womöglich darin liegt, einfachere, statt komplexere Lösungen zu suchen. Zudem könnten handwerkliche Methoden bei der ein oder anderen Aufgabe von Vorteil sein.

Teil 4. Auch das Material selbst will wohlgeformt sein. In diesem Teil geht es um die Ornamentik, die kleinste Ebene der Gestaltung in der Architektur. Hier wollen wir erkunden, welchen Einfluss sie auf die Gesamtwirkung eines Raumes, Gebäudes oder Ortes haben kann. Welcher Motive bedient sie sich und was kann sie uns mitteilen?

Terrakotta-Verzierungen am Prudential (Guaranty) Building in Buffalo, New York des Architekten Louis Sullivan

Teil 5. Über Jahrhunderte hinweg waren Dörfer und Städte auf ihr direktes Umland und die Schätze der Natur angewiesen. Zudem wussten die Menschen, die Vorteile eines natürlichen Umfelds zu nutzen — die Natur wurde integriert. In diesem Teil der Serie geht es deshalb um das Zusammenspiel von Kultur und Natur. Heute scheint es oft so, als breiteten sich unsere Städte wie Kraken über das Umland aus. In den Städten passen Pflanzen und Bäume immer weniger in das von Beton, Stahl und Glas dominierte Bild. Wie kann Architektur in Zukunft die Natur integrieren, anstatt sie auszuschließen?

Blick auf die Tübinger Altstadt von der Eberhardsbrücke (auch Neckarbrücke genannt)

Teil 6. Im letzten Teil der Serie werden alle bisherigen Punkte aufgegriffen. In ihrem Zusammenspiel können sie zu einer Identität des Ortes und der Menschen die dort leben beitragen. Mit diesem Erbe sollte behutsam umgegangen werden.

von Hohnhorst Brothers

Written by

Lukas (Uni Mannheim) und Michael (Uni Ulm) teilen ihr Interesse in Lesen, Schreiben, Philosophie, Gesellschaft und neue Technologien.

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