“Schaffa schaffa Häusle baua”

Württemberg ist heiß zur Zeit. Richtig heiß und in. Vor fünf Jahren war dies anders. Damals scherte sich niemand großartig “ums Ländle“. Doch wenn mittlerweile sogar das (speziell in den U.S.A) populäre Magazin PUNCH, Schwaben als “nächste große Wein Region Europas” preist, kann nicht mehr wirklich von einer “unter dem Radar” Region gesprochen werden. Als gebürtigem Schwaben ist mir diese erfreuliche Veränderung nicht verborgen geblieben und ihr soll hier etwas Raum gegeben werden.

Württemberg ist mit ca. 11.400 Hektar Rebfläche das viertgrößte Anbaugebiet Deutschlands. Von den geernteten Trauben gehen etwas mehr als drei Viertel in genossenschaftliche Projekte, die noch immer das Gesicht Württembergs dominieren. Mit Sicherheit 90% der lokalen “Viertelesschlotzer” haben einen Wein von diesen Genossenschaften im Glas.
Lange stand man im Innerdeutschen Vergleich im Schatten von Größen wie Rheinhessen, Nahe, Mosel oder der Pfalz. Seit geraumer Zeit verschieben sich dieses Kräfteverhältnisse aber zunehmend. Gemäß dem schwäbischen Motto “Schaffa schaffa Häusle baua” legen sich einige Winzer richtig ins Zeug um diese Lücke zu schließen.

©Carpe Noctem GbR

Christian Dautel vom Weingut Dautel ist dabei einer der Kämpfer an vorderster Front. Er ist neben u.a. Jochen Beurer, Andi Knauß und Hans Hengerer einer derjenigen die maßgeblichen dafür verantwortlich sind, dass das Resümee seitens vieler Weinfreunde im Hinblick auf Württemberg absolut positiv ist. Vor kurzem ergab sich dank der erfolgreichen Mithilfe des Weinfachhändlers Andreas Herrmann (Carpe Noctem), die Möglichkeit einen Großteil der aktuellen Kollektion sowie einige gereifte Schätze des Weingutes im Beisein des Winzers zu probieren.

Bevor wir aber zum trinken übergehen, gilt es zunächst Christians Vater Ernst Dautel zu erwähnen. Ein Querdenker und Vorreiter in Württemberg. Beispiele gefällig? Einsatz von Barriques im Keller, Chardonnay (erster Winzer in BW) im Versuch anbauen, experimentieren beim Verschnitt verschiedener Rebsorten. Diese Liste ließe sich noch um einiges länger gestalten.
Von diesen Maßnahmen profitiert sein Sohn heute noch. Er, der nach seinem Studium in Geisenheim rund um die Welt (Burgund, Österreich, Südafrika, USA) tingelte um Erfahrungen (und Dreadlocks) zu sammeln. Diese halfen ihm, nach seiner Rückkehr 2010 ins Schwabenland, die Qualitäten im Weinberg sowie Keller nach oben zu schrauben. Dabei möchte Dautel keine dicken Fruchtbomben erzeugen sondern stellt die Eleganz ins Rampenlicht.

Das merkt man schon beim einfachen Gutsriesling aus dem Jahr 2014 der komplett im Stahl ausgebaut wurde. Frisch & sauber, mit der richtigen Kombination aus Spaß und Ernsthaftigkeit. 
Ein ganz anderes Kaliber ist sein Riesling Großes Gewächs aus der Lage Bönnigheimer Steingrüben. Die Reben auf diesem von Schilfsandstein dominierten Südhang sind knapp 50 Jahre alt. Der 2014ner präsentierte sich blutjung und muss sich noch etwas finden. Merkmale dafür ist bspw. die leicht spitze Säure die sich noch besser integrieren sollte. Ein sehr saftiger, dichter Riesling mit ordentlich Zukunftspotential der für mich im gesamten Sortiment weit oben mitspielt.

Interessant war der darauf folgende Vergleich der beiden Rebsorten Chardonnay sowie Weißburgunder (mengenmäßig nach dem Riesling die meist angebaute Weißwein-Rebsorte). Von beiden Rebsorten gibt es im Angebot von Dautel eine Variante -S-. Sie steht (Weiß wie Rot) neben den Lagen-Weinen in der Qualitätspyramide ganz oben und trägt eine goldene Kapsel. Der Ausbau verläuft bei beiden Weißweinen genau gleich. Spontangärung, dann 1 Jahr Ausbau im Holz. Dabei wird jeweils 1/3 des späteren “Cuvees” in Fässer (300 Liter Barriques) als Erst-, Zweit- und Drittbelegung gefüllt. Am Ende kommt der ganze Saft wieder zusammen um entsprechend auf die Flasche gezogen zu werden.
Dabei wirkt der Weißburgunder -S- aus 2014 noch deutlich zu jung und nicht beisammen. Hefe und Holz sind die dominierenden Faktoren in Nase und Mund. Dazu gesellt sich am Gaumen eine vitale Säure die auf mehr hoffen lässt.
Dautel erwähnte, dass der Wein erst seit ca. 2 Wochen auf der Flasche sei und sich dementsprechend noch finden muss. 
Im Kontext dazu konnte der Chardonnay -S-, ebenfalls aus 2014, mich hingegen voll überzeugen. Es wird deutlich, dass Dautel sich während seines Praktikums im Burgund bei Großmeister Dominique Lafon einige Kniffe abschauen konnte. 
Der noch von deutlichen Reduktionsnoten geprägte Wein, wirkt aufgeräumt, dicht & in sich ruhend. Daneben findet das Holz in der Nase kaum statt, kommt maximal am Gaumen etwas durch. Die ideal ausbalancierte Säure kreiert einen ordentlichen Trinkfluss und trägt den Wein in ein langes Finale. Prädikat: Bester Weißwein des Abends, der erst in fünf Jahren sein volles Können zeigen wird.

©Carpe Noctem GbR

Nächste Station waren die Rotweinen, für die das Weingut eigentlich bekannt ist. Fun Fact: Der Anteil der bepflanzten Fläche mit Weißwein-Rebsorten ist in der Gesamtbetrachtung größer als der des roten Pendant.

Los ging es mit Deutschlands bekanntester roten Rebsorte, dem Spätburgunder. Dautels Schilfsandstein aus 2014, der mit nahezu 0 Schwefel abgefüllt wurde, zeigt sich unheimlich offen, fruchtig, leicht süßlich im Antrunk sowie ohne wirkliche Länge. Doch recht banal und für mich mit der schwächste Wein des Abends.
Die Ehre der so feinen Traube konnte allerdings das Große Gewächs 2012 aus der Lage Kalkschupen (Südhang, Gipskeuper als Untergrund) retten. Sehr schöne Nase mit einem Mix aus wilden Walderdbeeren, Zimt und Kirsche. Hinzu gesellt sich eine leichte Note von gerösteten Haselnüssen. Am Gaumen kann dieses Große Gewächs eine gewisse Extraktsüße wiederum nicht verbergen. Die Säure, die sich auf einem recht hohen Level einpendelte, gefällt mir ausgesprochen gut. Ein leichter Holzton sowie etwas fehlende Länge trüben das Bild dieses guten Weines nur geringfügig ein.

Darauf folgte ein Lemberger Trio. Der maischevergorene und im großen Holzfass ausgebaute Gipskeuper 2013 präsentierte sich mit einer schöne Mischung aus Frucht (Brombeere, Schwarzkirsche) und Würze (weißer Pfeffer). Das Holz ist im Mund noch recht präsent, wird sich aber sicher mit der Zeit besser einbinden. 
Kurz danach drehte sich der Lemberger Sonnenberg 2011 im Glas. Erstaunlicherweise kam mir der Wein sehr verschlossen vor (obwohl 2011!). Die Nase gab nicht viel von sich Preis. Am Gaumen dominierte eine straffe Säure, die neben der festen Struktur sowie doch deutlich wahrnehmbaren Gerbstoffen auf eine lange Lagerfähigkeit hindeuten. 
Das Große Gewächs aus dem Jahre 2012 von der Cleebronner Lage Michaelsfeder rundet das tolle Bild der Lemberger ab. Und wie. Der Wein zeigte schon beim riechen eine wunderbare Tiefe. Zur obligatorischen schwarzen Kirsche gesellen sich Holunder, viel weißer Pfeffer, gegrillte Paprika, Rauchspeck sowie ein Schuss Espresso. Erinnerte fast ein wenig an einen Syrah von der Nördlichen Rhone. 
Im Mund fällt wiederum eine lebendige Säure auf. Ohne sie würde der Wein zu fett wirken, denn er hat eindeutig breite Schultern. Druck und Zug sind zur Genüge vorhanden. Das Tannin ist ebenfalls da, allerdings reif, fein und keinesfalls störend. Ein wunderbarer Lemberger der zeigt was aus dieser Rebsorte in Württemberg im optimalen Fall entstehen kann. Reifepotential locker 10–15 Jahre.

Das Ende des roten Reigens und ein echtes Highlight war die darauf folgende “Minivertikale” der Kreation -S- rot aus den Jahren 2012, 2011 und 2010. Die Rebsorten-Zusammensetzung bei diesem Wein liegt bei etwa 2/3 Lemberger, das restliche Drittel teilen Cabernet Sauvignon und Merlot unter sich auf. 
Während das jüngste Exemplar sich noch etwas eckig, aber mit ausgezeichneten Anlagen, präsentierte, ließ der 2010ner wenig Wünsche offen. Sehr feine Nase mit roter Herzkirsche, schöner Würze sowie einer leicht “rostigen” Komponente. Am Gaumen ist das Tannin durch die fortgeschrittene Reifung sehr schön eingebunden. Die Säure wirkt aber keinesfalls müde sondern hält den Wein im Finale schön zusammen. 
2011 setzt dann noch einen drauf. Er vereint alle positiven Aspekte des Vorjahres auf sich, wirkt im Mund aber noch runder, weicher, feiner bei gleichzeitig mehr innerer Spannung und Druck im Abgang. Die etwas höhere Säure gibt den letzten Kick. Langes Finale, an dessen Ende man sein Glas aber gleich wieder an die Lippen setzen will.

Den Abschluss der Probe bildete eine wunderbar stimmige Riesling Auslese aus 2014, zu der ich mir allerdings keine großen Notizen mehr gemacht habe.

Christian Dautel steht in seinem jungen Alter sicherlich mit an der Spitze in Württemberg. Er ist noch nicht ganz oben angelangt, dafür hat er aber noch jede Menge Zeit. Seine Weine sind in jedem Fall über jeden Zweifel erhaben. Speziell das Lagerpotential der nahezu gesamten Kollektion hat mich schwer erstaunt. Die verkosteten 2012, 2011,2010 wirkten durch die Bank noch recht jung und werden sich mit Reife auf der Flasche steigern können. Preislich liegt alles Rahmen. Ich kann nur wärmstens empfehlen sich die ein oder andere Flasche zu Gemüte zu führen.

Die Weine vom Weingut Dautel gibt es u.a. hier. Spezielle Abfüllung und Jahrgänge einfach erfragen.

Die Probe habe ich selber bezahlt und keinerlei Geldzuwendungen vom Händler oder Winzer bekommen.

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