Kleiner Rant am Rande

Maria Herrmann
Nov 26, 2019 · 5 min read
Photo by Eric Ward on Unsplash

Gestern Abend habe ich sie wieder geführt, diese Diskussion. Auch vorletzte Woche. Und davor bestimmt schon duzende Male: FreshX — (zu) evangelikal. Zu freikirchlich. Zu hören ist manchmal auch: Geht nicht ohne die Volkskirche, ohne Pfarrei, die Parochie. Plötzlich werden Fragen wichtig, die im »normalen Gemeindealltag«, sollte es ihn denn geben, gar nicht mehr so wichtig sind: Ist das alles überhaupt theologisch anständig und richtig (!) reflektiert? Ein fast schon klassisches Aufheulen: Was sollen wir noch tun? Historisch durchaus begründbare Argumente erschweren dazu häufig den Diskurs: Missionieren — wollen wir nicht! Und schließlich eine Totschlagargumentation schlechthin — für all sowas brauche es erst mal: ein angepasstes Kirchenrecht, eine entsprechende Ekklesiologie, die geeignete Ausbildung. Zwei entscheidende Details fehlen mir in solchen Diskursen.

1. Die Entstehungsgeschichte der Bewegung der Fresh Expressions of Church:

Die FreshX Initiativen selbst sind nicht entstanden, weil sich jemand in einer Theologischen Bibliothek, in einem Generalvikariat oder in einer Synode eine Ekklesiologie ausgedacht und passend dazu rechtliche Strukturen und Rezepte entwickelt hat, die dann befolgt wurden. Die häufig bezeichnete »Geburtsurkunde« der Bewegung, ist eigentlich keine: Der Bischofs- oder Synodenbericht (in der Church of England kann man vermutlich beides dazu sagen, was selbst schon viel aussagt) 2004 wurde bewusst induktiv entwickelt. Man hat sich Abbrüche angesehen und soziologisch bewertet, aber eben auch Aufbrüche dokumentiert und theologisch reflektiert. So ist der Begriff der Fresh Expression of Church, und so sind die ekklesiogenetischen Frameworks entstanden, also die Bilder, die dabei helfen zu verstehen wie sich Kirche entwickelt.

Dies ist aus verschiedenen Gründen wichtig: Diese Aufbrüche waren bereits da — lange bevor es eine Theorie dazu gab. Es gab für sie kein Kirchenrecht, keine Ekklesiologie, keine »hauptamtlich« verantwortete Zuständigkeit. FreshX entstanden und entstehen nicht selten intuitiv, wenngleich jede angemessene Reflexion hilfreich und sinnvoll ist. Engagiert dabei vor allem Ehrenamtliche, die als Verantwortliche in Milieus verwurzelt sind, die fern vom kirchlichen Bildungsbürgertum kaum einen Quereinstieg in das Theologiestudium zulassen würden. Es kann gleichzeitig auch nicht davon ausgegangen werden, dass Fresh Expressions sich ausschließlich aus einer bestimmten Spiritualität oder Denomination speisen. Auch das lässt sich bis heute statistisch in England, wie in den Niederlanden oder in Deutschland nachweisen. Ich glaube, sowohl die konfessionelle und denominationale Vielfalt und der die Entstehungsgeschichte der Bewegung zeigen, dass sich mit den Frameworks der FreshX Grunddynamiken einer Vielfalt an Kirchenentwicklungen beschreiben lässt. Interessant wäre daher, was passieren würde, wenn man sich einmal generell durch die (ökumenische) Kirchengeschichte arbeitet und so das Framework deutlich allgemeiner, grundlegender kommunizieren würde, als dies bisher der Fall ist. So lohnt es sich z.B. mal Ordensgründungen nach den FreshX Grunddynamiken zu überprüfen. Oder die Entstehung der Christlichen Arbeiterjugend. Entsprechend können die Erkenntnisse zu den FreshX dann nicht nur im Bereich der Gemeindegründung, sondern viel umfangreicher in Bezug auf Kirchenentwicklung zur Reflexion stimulieren.

2. Die sogenannte Journey:

Eines der Frameworks, das in der Didaktik der Bewegung immer wieder eine entscheidende Rolle spielt ist die sogenannte Journey — die »Reise«, die Entwicklung und Dynamik der Entstehung einer Fresh Expression. Sie ist in verschiedener Weise dokumentiert. Das, was man als FreshX bezeichnet beginnt mit einem umfangreichen Wahrnehmungsprozess: im Sozialraum, in der Tradition, in der Spiritualität. Darauf folgt ein Dienst. Rev. Dr. Mike Moynagh, einer der Theologen der Bewegung, formuliert dazu immer: eine neue Form die Welt zu lieben. Aus und in diesem Dienst entsteht Gemeinschaft — Community ein nächster, ein dritter Schritt. Viertens kommt Gott in einer besonderen Weise ins Spiel: Im Englischen Original ist die Rede von »Jüngerschaft« — making disciples — Menschen entdecken ihre Form von Glaube und Nachfolge. Dies mündet in einen fünften Schritt ein, der bedeutet, dass Kirche entsteht und sich z.B. in kontextualisierten Formen von Liturgie ausdrückt. Ein nächster, sechster Schritt kann darin bestehen, in einer neuen Art und Weise den Prozess von vorne zu beginnen.

Für deutsche Kontexte ließ sich zu jedem dieser Schritte in bestehenden Strukturen reflektierend arbeiten. Manchmal vertrete ich in Vorträgen oder Workshops, je nachdem wie provokativ mir zumute ist, die These, dass meiner Beobachtung nach deutsche Pastoral eher von hinten beginnt: Man denkt sich ein neues liturgisches Angebot aus, »beruft« Ehrenamtliche, trommelt diese ein, zwei Mal zur Abstimmung zusammen, vollzieht seinen Dienst — und nimmt am Ende wahr, ob das Ganze wirklich Sinn ergeben hat — oder eben nicht. In der Begleitung und Beobachtung neuer Sozialgestalten von Kirche ist das Framework sehr hilfreich. Und in der Reflexion bestehender Strukturen ebenso.

Dieses Framework und der vorher angedeutete induktive Ansatz der FreshX sind Hauptgründe, warum die Theologie der Fresh Expressions allgemein für die Kirchenentwicklung interessant ist. Mit Blick auf diese beiden Punkte lassen sich weiterführende Gedanken formulieren:

  1. Durch die Journey werden mindestens zwei Aspekte deutlich, die auch für die schon sehr nahe Zukunft der Kirche(n) in Deutschland entscheidend sein werden. Zum einen: Wie kommen Erwachsene zum Glauben? Wie werden sie dabei begleitet? Welche missionarischen Prozesse lassen sich im 21. Jahrhundert anthropologisch wie theologisch vertreten? Wem überlassen wir gerade diese Diskurse, und wie werden sie geführt? — Zum anderen: Wie entstehen neue Sozialgestalten von Kirche? Wie wird das begleitet, unterstützt, »freigegeben«? Wie wird für Nachhaltigkeit gesorgt? Wie haben diese neuen Formen Platz im bestehenden System? Wie werden sie nicht als Sprungbretter in »richtige« Gemeinden betrachtet? Wie kann neben den »missionarischen Projekten«, die ein Ende und eine Grenze haben, auch so etwas wie Verbindlichkeit vereinbart, eingeübt werden?
  2. Mehr aber noch scheint mir wichtig zu sein, die Kontextualität und gleichzeitig Emergenz dieser Prozesse wahr- und ernstzunehmen. FreshX Initiativen sind einzigartig, lassen sich nicht verpflanzen, sind in ihren Kontext so eingebunden, dass sie sich nicht daraus lösen lassen. Und: sie lassen sich auch mit dem besten Projektmanagement nicht »machen«. Auch wenn es Frameworks wie die Journey gibt, existieren keine Rezepte, die man befolgen kann. Systemisch oder organisationsentwickerlisch könnte man vielleicht von Innovationsexperimenten sprechen, die komplexe Anforderungen mit sich bringen: Es existiert kein Best, nicht mal Good Practice. Sie sind vielmehr »Emergente Praxis«. Aus einer anderen Perspektive, nämlich vom Komplexitätsdiskurs her habe ich hier schon einmal darüber geschrieben. Theologisch müsste man dazu formulieren, dass es sich ja dezidiert um einen missionarischen Kontext handelt, also Machbarkeiten und Linearität sowie Zwang und forcierte Strategien entschieden zu hinterfragen sind. Entsprechend sind FreshX keine »Projekte«, was letztlich auch theologisch wichtig wird: Per Definition sind sie für die Beteiligten »ihre Form von Kirche«. Und diese Entscheidung gilt es zu akzeptieren.

Maria Herrmann

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Theologin mit rollendem R und dem Internet als Arbeitsplatz.

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