Vorwärts ist keine Richtung — Eine Reprise zum Abschied

Maria Herrmann
Oct 24 · 9 min read

Vor mehr als sechs Jahren hielt ich meine erste Predigt. Ich hielt sie nicht alleine. Zu zweit waren wir gesandt, zu zweit standen wir da. Es war eine Predigt zu unserer gemeinsamen Einführung. Sandra und ich sprachen uns darin gegenseitig Mut zu für die Aufgabe, die da anstand: Kirchehoch2 verstetigen und immer schön auf der Suche nach einer Ökumene der Sendung bleiben. Was nach der Predigt folgte, waren fünf sehr großartige Jahre, die mich Dankbarkeit lehren. Unserer Beauftragung folgte die Verortung in eigenen Räumen in einem Ladenlokal im hannöverschen Linden. Heute habe ich zum letzten Mal die Türe des Kirchehoch2 Büros hinter mir zugeschlossen. Die Schlüssel werden abgegeben. Ich habe die Arbeit damit beendet. Kirchehoch2 gibt es in dieser Form nicht mehr.

Von Anfang an, haben wir uns nicht vor den großen Fragen in unserer Arbeit gescheut: Wie kann das gehen, Christin und Christ sein im 21. Jahrhundert — zwischen Tradition und Innovation? Was heißt das für die Landeskirche Hannovers und das Bistum Hildesheim? Zwischen Gemeindegründung und Kirchenentwicklung dachten wir mit und nach und vor — und immer von Herzen ökumenisch.

Was für ein Auftrag! Der Mut war so notwendig: Hatte der Kongress mehr als ein Jahr zuvor viele Erwartungen geweckt. Der Name, die Marke schien immer größer zu werden, zu wachsen. Gleichzeitig tauchten die ersten Entschäuschungserscheinungen auf. Noch lange mussten wir die Frage beantworten, wann denn der nächste Kongress sei. Man hätte so viel davon gehört, man höre ja so gar nichts mehr… Davon frei zu werden, hat gedauert.

Die Statistiken der Kirchen vermittelten im Laufe der Monate und Jahre unserer Arbeit sicherlich keine wachsende Zuversicht. Es wird immer klarer, welche Herausforderungen beide Kirchen da künftig — und schon jetzt — zu meistern haben. Das bisherige System Kirche ist in Deutschland nicht mehr tragbar. Ich denke an die Fragen von Nachwuchsmangel, Strukturproblemen und Machtmissbrauch. Durch und durch ökumenische Phänomene. Ebenso wie der wachsende christliche Fundamentalismus. Ich denke aber auch daran (und das hängt mit dieser Fundamentalisierung zusammen), wie gut wir darin sind, wirklich alles schlecht zu reden und das Gute ganz zu übersehen.

Die deutsche Gesellschaft ändert sich seit unserem Dienstbeginn ebenso drastisch. Die Notwendigkeit in dieser Situation Salz und Licht zu sein, für Frieden und Versöhnung zu stehen, brüllt täglich aus den unterschiedlichen Medien und auf der Straße in unser Gesicht. Das sollte uns Kirchenmenschen zu denken geben in unserer Selbstbezogenheit der eigenen Transformationsprozesse.

auf der suche nach wahrheit
wie es wirklich ist
findet man endlich klarheit
bis man sie wieder vergisst

Unser Ladenlokal lag am Rand einer Fußgängerzone. Hohe Fenster mit viel Himmel, eine Stuckdecke dazu, und der Blick schön gerahmt und doch frei auf das ganze Leben eines Stadtteils. Die beiden Räume und die kleine Küche waren beinahe leer als wir einzogen – wir begannen mit sehr einfachen Mitteln. Kaffee von Hand gebrüht, ein paar Böcke und Tischplatten, die Leuchten und wenige Möbel von den Vormietern übernommen. Wir waren eben in einen Gründerzeitenbau gezogen.

Viel konnte in diesen Räumen entstehen. Mal mit meiner, unserer Mithilfe, mal ohne. Dann waren die Räume einfach nur da für Menschen, die sie gebraucht haben. Die Schlüssel hinterlegt im Pizzaladen nebenan. Genau das war es, was wir uns von dem kleinen Büro erhofft hatten. Es sollte, so war von Anfang an die Idee, nicht nur Raum für uns, sondern auch für andere ein Anlaufpunkt werden. In meinem früheren Leben hätte ich von einem Coworking-Space gesprochen. Während andere von einer Startup-Kultur in der Kirche sprachen, haben wir damit einfach begonnen. Ganz still und stilecht: Einfach mal gemacht.

vowärts ist keine richtung
aber alle rennen mit
das hier ist nicht el dorado
das ist nur ein kleiner schritt

So idealistisch, und vielleicht auch arrogant das klingt, so sicher war nicht alles »el dorado« — im Winter haben wir gefroren, weil die Heizung nicht richtig ging, und im Sommer rumpelte die Stadtbahn durch die geöffneten Fenster. Während auf den großen Leadership-Konferenzen wieder einer erzählte, wie wichtig es ist die Namen des eigenen Reinigungspersonals zu kennen, putzten wir unser Klo. Es war unsere Wahl gewesen, um diese Räume zu bitten, und sie war trotz und gerade wegen allem sehr gut. Denn all das ließ uns spüren, wie es denn wirklich Gründerinnen und Gründern geht. Von vorne beginnen — sich um alles zu kümmern, auch um Klopapier, Getränke und Fensterputzen.

Es war ein Segen — oder wie ich nun mit sehr evangelischem Dialekt sagen kann: Es war ein Privileg. Es war ein Privileg zu sehen, wie zwei junge Frauen in ihrem »Freiwilligen Sozialen Jahr« bei uns über sich hinaus wuchsen. Es war ein Privileg Menschen, die schon lange jung sind, dabei zu unterstützen, wieder neuen Mut zu fassen und Kirche nochmal ganz neu zu denken begannen. Es war ein Privileg zu erleben, wie in den stillen Momenten, nur unterbrochen vom Rumpeln der Stadtbahn, auch Kirchenleitende zugeben konnten, dass sie nicht mehr weiterwissen. Diese Menschen und viele weitere zu beobachten und zu begleiten—ein Privileg. Manches davon haben wir an große Glocken gehängt. Anderes leise in den Wind gepfiffen. Wieder anderes nur angehört, um es anschließend vor Gott zu bringen.

aber nur weils uns nicht gut geht
heißt das nicht es geht uns schlecht
nur weil alle anderen reden
heißt das nicht sie haben recht
wir sind lange schon auf reisen
und kommen immer nur so weit
wie die ideen uns tragen
wie der mangel uns treibt

In all dieser Energie und Atmosphäre konnte mit Kirchehoch2 in Landeskirche und Bistum etwas entstehen: Unzählige Workshops und Veranstaltungen haben wir uns ausgedacht und vorbereitet. Für Vikariatskurse, Kirchenkreise und Arbeitsstellen. Für Netzwerke und Kongresse, Ausbildungsmodule und Fachtage. Drei Akademietagungen, ein Werktstatttag, eine Landpartie sowie eine Beteiligung an mehreren Katholiken- wie Kirchentagen konnten (nur) mit einer Vielzahl an großartigen Partnerinnen und Partnern entstehen. Zahlreiche Artikel wurden geschrieben, Kolleginnen und Kollegen wurden ökumenisch vernetzt und beschenkten uns mit dem Vertrauen in der Begegnung als Ratsuchende. Mehr und mehr ragte unser Handeln auch hinein in die Strukturen von Landeskirche und Bistum. Und mehr und mehr wird in beiden Kirchen heute sichtbar, wie allmählich ein Netzwerk von Pionierinnen und Pionieren in Niedersachsen wächst.

Die Begleitung von Gemeindegründerinnen und Gründern blieb von Anfang an ein Kernthema unserer Arbeit: War unser Dienstauftrag zum Antritt damit verbunden gewesen einen Gemeindegründer*innen-Kurs mit Hilfe eines englischen Vorbilds (dem englischen Mission-shaped Ministry / FreshX-Kurs) zu entwickeln, legten wir hier nicht nur ein übersetztes und angepasstes Konzept vor, sondern führten den Kurs für zwei Jahrgänge durch. Dazu entwickelten wir auch Varianten wie eine Multiplikationsschulung. Dass die Teilnehmenden dieser Kurse danach weder fertige Konzepte in der Tasche, noch vollendete Projekte vor Ort durchgeführt haben, liegt in der Natur der Sache. Dass sie weiterhin von uns begleitet wurden, an der Haltung, in der wir Kirchenentwicklung verstehen.

Im Zuge dieser Erfahrungen ist auch die Idee zu w@nder entstanden. Das Anliegen deckte sich mit dem, was wir in England oder in den Niederlanden sehen können: Die Fremdheit in der Kirche ist eine Fremdheit für die Kirche — mehr aber noch eine im Dienst an der Verkündigung der frohen Botschaft Jesu Christi. Die Fremdheit in der Kirche ist das Bauchgefühl, das Menschen vor die Tür zieht, um von einer alles und jeden verwandelnden Liebe zu erzählen. Sowohl Buch wie Veranstaltung dazu werden weiterhin von Kirchenleitenden kritisch gesehen. Vielleicht muss das so sein. Denn das Fremde wirkt immer – eben: befremdlich. Aber wir brauchen diese Stimmen – die pastoraltheologische Literatur ist eindeutig: Mit diesen kritischen Geistern, die nicht in das bestehende System Kirche passen, kann eine Veränderung gelingen. Ohne sie kann sie nicht beginnen. So sind sich Innovationsforschung und Bibel darin einig: Es sind die Unbequemen und Nervigen, die Misfits und die Unnachgiebigen, die auf Bäumen hocken und an Gewändern ziehen, die einen Unterschied machen. Darin, wie mit ihnen umgegangen wird, zeigt sich die Zukunftsfähigkeit einer Organisation und Gesellschaft.

rückwärts ist keine richtung
aber alle schaun zurück
das hier ist nicht gotham city
das ist nur ein kleines stück

Den Auszug aus den Räumen und das Ende dieser Form der Arbeit möchte ich heute zum Anlass nehmen mich zu bedanken.

Bedanken möchte ich mich bei Schwester Bils. Ich bin dankbar in Sandra eine Kollegin, Freundin, Komplizin und eben Schwester gefunden zu haben, mit der ich die Vision von einer Kirche teile, die sich von ihrer Sendung her formen lässt. Diese Idee war in unserer Zusammenarbeit immer größer als Stundenzettel und Arbeitsaufträge. Und so wird das auch bleiben.

Bedanken möchte ich mich bei den Verantwortlichen von Bistum und Landeskirche, die uns 2013 die Möglichkeit gaben, uns so auszuprobieren. Bedanken möchte ich mich bei Christian Hennecke, der von Anfang an, besonders aber in den vergangenen Monaten verlässliche und so notwendige Rückendeckung war.

Bedanken möchte ich mich bei den Kolleginnen und Kollegen, die selbst als Teil von Kirchehoch2 ihres dazu beigetragen haben, dass wir beginnen konnten von einer Bewegung zu sprechen. Bedanken möchte ich mich auch bei den vielen Partnerinnen und Partnern in Netzwerken oder assoziierten, benachbarten und verwandten Arbeitsstellen. Ohne diese Verbindungen und das Vertrauen hätte all das nicht funktionieren können.

Bedanken möchte ich mich bei meinen Kolleginnen und Kollegen im Bistum. Bei Frau Engelhardt, Frau Vockroth und Frau Peschel in der Verwaltung, die mir von Beginn an in dieser ungewöhnlichen Konstellation, aber besonders in der letzten Zeit, den Rücken nicht nur gestärkt, sondern vielfach auch freigehalten haben. Bei den Kolleginnen und Kollegen auf Referent*innen-Ebene, die sich mit meiner sicherlich nicht immer einfach zu ertragenen Freiheit arrangieren mussten.

Ich danke allen, die mir in den letzten Monaten ihre liebevolle Geduld entgegen gebracht und mir Hoffnung, Mut und Zuversicht zugesprochen haben. Allen, die nachgefragt haben. Dran geblieben sind. Nach Maria gefragt haben, und nicht nach der Kirchehoch2-Referentin. Ich bin dankbar für Twitter-Emojis, nächtliche Facebook-Nachrichten, Kerzen in Assisi, Montserrat, Rom und Jerusalem. Ich bin dankbar für ganz viel Cumpaney, die mich so sehr lehrt, wie das Teilen von Brot verwandeln kann.

Und nicht zuletzt danke ich auch meinem Mann Kristof und meiner Familie, die in den vergangenen, so intensiven Zeiten, im guten wie im schlechten, sehr zurückstecken mussten.

Für mich heißt es nun, die letzten Teile meiner Dissertation zu schreiben. Meine Reflexionen zu Kirchenentwicklung und Gemeindegründung, Mission und Innovation fassen viele Erkenntnisse aus dieser hier nur skizzierten Arbeit von Kirchehoch2 zusammen. So bin ich froh, einmal mehr davon profitieren zu können. Auch das — ein Privileg.

Offen bleibt für mich, wo auch in Zukunft ein ökumenischer Raum sein wird, über die Zukunft von Kirche nachzudenken. In meiner Wahrnehmung haben wir damit erst begonnen. Das war nur ein Anfang – die wirklich strukturverändernden Maßnahmen und Prozesse der Transformation stehen jetzt an. Sie können nur gemeinsam gelingen, und sie müssen von unserer gemeinsamen Sendung zeugen. Doch sie können mit dem Wissen aus unseren und anderen Experimenten und der bestehenden Vernetzung in Landeskirche und Bistum Segen sein für das, was aufbrechen will und das, was sich verändern lassen muss.

Im Vertrauen darauf, dass eine Bewegung nicht nur so heißt, sondern auch eine ist, bin ich sicher, dass das Begonnene (zumindest auf der informellen Ebene) weitergehen kann. Kirchehoch2 hat selbst auf ganz unterschiedlichen Ideen und Initiativen aufbauen können. In diesem Sinn ging es in diesen letzten Jahren nie darum, eine Marke, das Projekt oder eine Zielvorgabe, sondern einen Spirit zu verbreiten. Einen Geist, der neue Formen der Ökumene feiert und sie als Gründungsnetzwerk der Kirche (Singular!) versteht. Einen Geist der Freiheit, der keine Angst hat vor Veränderung. Jetzt gilt es, das ernst zu nehmen—und weiterzumachen.

und die sonne geht unter
und die sonne geht auf
wir klettern löcher hinunter
und fallen wieder hinauf

TV NOIR Video von Spaceman Spiff (Hannes Wittmer) feat. Enno Bunger – Vorwärts ist keine Richtung

Weil ich natürlich weiter getragen werde von Ideen habe ich einen kleinen Newsletter eingerichtet. Hier sammle ich Links zur Inspiration in Sachen Design, Kirche, Theologie. Schönes, Kluges und Gutes — was mir eben so gefällt. Sie können sich hier eintragen. Ich freue mich, wenn wir (weiterhin) in Kontakt bleiben.

Maria Herrmann

Written by

Theologin mit rollendem R und dem Internet als Arbeitsplatz.

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