Jonny Clow (@unsplash)

Wie verlernt man etwas?

Seit ein paar Tagen stelle ich mir diese Frage. An einem hübschen Ort im Süden Italiens habe ich für eine Woche die Möglichkeit einen kleinen italienischen Sprachkurs zu besuchen. Ich möchte für einen kurzen Moment in die Kultur und die Sprache eintauchen, verbinde damit keine Ambitionen, und brauche auch kein Zertifikat. Aber ich habe es mir trotzdem so viel einfacher vorgestellt.

In der Schule und im Studium waren Latein wichtige Bestandteile meiner Ausbildung, die mir bis heute das Gefühl vermitteln, Inschriften auf Kirchen und alten Gebäuden einigermaßen korrekt entziffern zu können. Doch, um ehrlich zu sein: Ich mochte Latein immer gerne, und so hat es mich im Theologie- und Philosophie-Studium in einer guten Weise begleitet. Diese Grundlage hat es mir auch ermöglicht während des Studiums sehr schnell Spanisch zu lernen, um für ein Jahr im Ausland an einer Universität in Salamanca (Spanien) zu studieren. Es war mir wichtig gewesen neben meinem Schulenglisch eine weitere lebendige Sprache zu lernen, um woanders Leben und Studium zu erfahren. Seit meiner Zeit in Spanien nutze ich die Sprache leider kaum, ich lese vielleicht hier und da einmal eine Sportnachricht, oder die Tweets vom Papst, die in seiner Muttersprache so viel schöner klingen.

Zu schnell wird aus einem »bene« ein »¡vale!«

Seit Montag jedoch wird mir bewusst, wie sehr das Spanisch — auch wenn, oder vielleicht gerade weil (!) es so bruchstückhaft ist — einen Teil meines Hirns belagert. Wie es mir in diesem einen Jahr zur Gewohnheit wurde, und schnell sprachliche Reflexe auslösen kann. Seit Montag Morgen quält sich mein Hirn damit, die übrig gebliebenen Wörter und Wendungen aus dem Spanischen zu ignorieren, sie nicht leichtsinnig hervorzuholen, wenn mich meine Lehrerin etwas auf Italienisch fragt (und erwartet, dass ich ihr natürlich auch auf Italienisch antworte). Zu schnell wird aus einem bene ein ¡vale!

In diesen Tagen überlege ich, ob es nicht gerade die Unsicherheit in der Spanischen Sprache ist, mit der ich die italienische Grammatik und Vokabeln lerne, die mich dabei hindert etwas Neues zu lernen. Die Unsicherheit, die mich zurückwirft auf das einzige, was sich mir noch als sicher erschließen mag. Ich frage mich, ob und in wieweit Sprache und Lernen rational, kognitiv ist. Und ich stelle mir die Frage, ob es leichter wäre Italienisch zu lernen, wenn ich gar kein Spanisch oder wenn ich es noch besser könnte.

Diese Erfahrung lässt mich auch fragen: Was ermöglicht ein Ver-Lernen, was ein Neulernen? Das Lernen einer Sprache oder einer anderen Fähigkeit. Was passiert in einem Kopf, aber auch in einem »Bauch«, wenn man Dinge ver-lernen muss? Wie kann man diesen (spanischen, bekannten, bewusst oder unbewussten) Dingen etwas hinzustellen, ohne sie zu vergessen, sie nicht zu bewerten, sie zu löschen?

Hier vor Ort helfen mir konkret eine achtsame, professionelle, sehr geduldige Begleitung, aber auch viel gutes Leben und lautes Lachen — es hilft mir, es leicht — und mich nicht allzu ernst zu nehmen.

Wie lernen wir neu zu kirchen?

Ich komme beim Nachdenken nicht umhin diese Erfahrung in Verbindung zu setzen mit der Arbeit, der ich normalerweise nachgehe: Wie lernen wir neu »zu kirchen«? Wie ver-lernen wir Formen, Aspekte und Frameworks Kirche zu sein, die (nicht mehr) unserer Sendung als Christen entsprechen? Wie können wir ihnen etwas achtsam daneben stellen, ohne zu bewerten, zu vergessen, zu löschen?

Dabei denke ich auch darüber nach, was es mit den angedeuteten Unsicherheiten auf sich hat: Sind sie es, die den allzu schnellen Rückgriff einleiten auf vermeintliche Sicherheiten? Sind sie es, die ganz andere Ebenen des Lernens oder Gelernten ansprechen, als das, was wir im Kopf denken können?

Ich glaube, ja. In meiner Wahrnehmung – und zwar nicht nur im Sprachkurs – ist es gerade das Ver-Lernen, das es uns so schwer macht. Dem schließt sich meine Erfahrung an: Ich bin immer wieder fasziniert davon, wie Menschen ohne bestehende, bisherige Gemeinde- oder Kirchenerfahrung, eben Christin oder Christ sein leben, und uns christlich in einer bestimmen Weise Sozialisierten aufzeigen, wie ein neuer Weg gehen könnte.

Es zeigt sich mir aber auch ein weiterer Gedanke, den ich im Kern meiner Kollegin Sandra Bils zu verdanken habe: Als Verantwortliche in der Begleitung verschiedener Transformationsprozesse (der Kirche, aber mit Sicherheit auch in anderen Bereichen) dürfen wir selbst nicht aufhören neue, manchmal auch ganz andere Dinge zu lernen. Und zwar nicht nur, weil uns das dann eben jene konkreten neue Dinge lehrt. Sondern auch, weil wir dabei immer wieder das Gefühl nachvollziehen müssen, vor völligen Unbekannten zu stehen — absolut nichts zu wissen. Anderen etwas beizubringen funktioniert nur dann gut, wenn wir dieses Gefühl kennen, neu anzufangen. Wenn uns bekannt ist, wie es sich anfühlt nichts zu wissen, oder das wenige, das wir kennen und wissen, nicht mehr passend ist für das, was ansteht.

In allem nehme ich aber vor allem diesen letzten Gedanken nach Hause, den ich eben nur kurz angedeutet habe: Nicht nur beim Lernen einer neuen Sprache, beim Verlernen einer anderen, geht es um ein gutes Leben. Um das Stauen am viel Größeren, das um uns herum und in uns wirkt. Vielleicht ist auch diese Erfahrung eine, die uns beim Neu-Lernen zu Kirche zu werden und zu sein, elementar wichtig sein kann.