Witch Doctors, Marxisten aus Fantasia und Hummerhierarchien —Gender Studies ist nicht zu trauen

Vor kurzem habe ich voller Freude festgestellt, dass nicht jeder Forscher, der sich mit Geschlechterfragen beschäftigt ein postmoderner Dampfplauderer ist. In diesem Fall war es Martie Haselton die bei Sam Harris‘ Podcast zu Gast war. Sie hatte dort einen PR-Termin um ihr neues Buch Hormonal zu bewerben.

Sam Harris Podcast #135 Navigating Sex and Gender (with Martie Haselton)

Voller Begeisterung veröffentlichte ich diese Feststellung inkl. des Links zu Youtube auf einer Tumblelog-Plattform, worauf jemand kommentierte, dass es schön sei, dass mich der Peterson’sche Verschwöhrungswahn nicht ganz eingenommen hätte. Das ärgerte mich ein wenig, weshalb ich kurz zusammenfassen möchte wie ich Peterson in dieser Hinsicht verstehe und warum meine Kritik nicht auf dessen Schaffen aufbaut.

Jordan Petersons Verschwörungstheorie

Jordan Peterson ist Teil einer Gruppe sgn. Public Intellectuals die sich mit den verschiedensten Themen rund um Meinungsfreiheit, Religion, Persönlichkeitsentwicklung und Politik beschäftigen. Der selbstgewählte Name für diese Gruppe ist Intellectual Dark Web, auch mit IDW abgekürzt. Die meisten Mitglieder sehen sich als gesellschaftsliberal und wirtschaftsliberal bis konservativ.

Peterson ist eine interessante Persönlichkeit, da er zwar schon vor längerer Zeit begonnen hat Vorlesungen zu veröffentlichen und seinen Standpunkt nach außen zu tragen, aber seinen Durchbruch mit der zur Schau getragenen Opposition zu Bill C-16, einer Erweiterung des kanadischen Strafgesetzbuches, erlangte. Petersons Angst war, dass die diffusen Begrifflichkeiten der Gender-Forschung, inklusive der verlangten geschlechterneutralen Sprache, dazu führen, dass bereits Anschuldigungen reichen um nach dem neuen Strafrecht zur Verantwortung gezogen werden zu können und dass der Staat in die Sprachentwicklung eingreift. Kritik wurde laut, dass Peterson weder das Gesetz verstünde, noch wüsste wovon er sprach, wenn er queere Probleme ansprach und die Ängste völlig überzogen seien. Meiner Meinung nach bestätigten sich Petersons Ängste einer Ausbildung von Ausbrüchen willkürlicher Machtdemonstrationen mit dem Lindsay-Sheperd-Skandal an der Wilfrid-Laurier-Universität.

Kultureller Marxismus und Postmodernisten

Petersons Vorhersage beruht auf der These, dass die Gender-Forschung auf den tönernen Füßen der postmodernen Philosophie steht. Die Interpretation der Postmodernisten stammt nicht von Jordan Peterson selbst, er übernimmt die Argumentation des Rockford Universitätprofessor Stephen Hicks.

Hicks hat mit seinem Buch „Explaining Postmodernism“ einen historischen Bogen der westlichen Philosophie gespannt und die angelsächsischen Aufklärungsphilosophen (zB. Thomas Hobbes, John Locke, etc.) als die Helden ausgemacht sowie die altkontinentalen, europäischen Philosophen (Emanuel Kant, Jacques Derrida, Max Horkheimer, etc.) als die Bösewichte. Diese großen Denker befinden sich im Clinch im Kampf um die Natur der Wirklichkeit. Es geht darum, herauszufinden was Realität ist und wie weit sie von Menschen begriffen werden können.

Die Essenz aus Hicks Argument ist, dass Kant mit seinen Kritiken (Urteilskraft, reinen Vernunft sowie praktischen Vernunft) den Grundstein dafür gelegt hat, dass Philosophen mit Sprachspielen objektive Erkenntnisse nach Gusto umdefinieren können. Den Gibel hat dem Derrida aufgesetzt. Dessen Werke wurden für die Postmodernisten interessant, die Hicks als die Nachfolger der Marxisten sieht, die im Gegensatz zu ihren Vorgängern keinem kalten und rationalistischem Vulgärmaterialismus frönen, sondern sich von eben diesem abspalten müssen, da nun klar sei, dass Marxismus nicht funktionieren könne. Da die Realität inkompatibel mit deren bevorzugtem Gesellschaftssystem Marxismus sei, müssen diese Gründe finden wie sie ihren abgewandelten Marxismus, den von Hicks als „kulturellem Marxismus“ bezeichneten, in die Gesellschaft tragen können.

Daher ist es notwendig, dass die „Guten“, die Rationalisten und Vernünftigen, sich den absurden Behauptungen und Thesen der Postmodernisten stellen. Denn Hicks sieht in diesen keine produktive Kraft zum Aufbau einer Gesellschaft, sondern nur Aasgeier, die das Fleisch aus dem Körper der Gesellschaft reißen, bis sie als ausgebeuteter Kadaver zu Grunde geht.

Keim des Bösen — Ayn Rands Interpretation

Meiner Meinung nach, ist offensichtlich, dass Hicks seine Ideen auf Basis von Ayn Rands Idee des Witch Doctors entwickelt hat. Ayn Rands Philosophie besteht aus dem Axiom der Hyperrealität. Der Mensch ist nicht nur in der Lage dazu, sondern auch dazu verpflichtet, die Realität als solche anzuerkennen wie sie ist. Es gibt keine Doppeldeutigkeit, Interpretationsspielräume und Sprachspiele um Sachverhalte umzudefinieren. Die Objektivität der Wirklichkeit ist gleichermaßen erdrücken wie befreiend für sie.

Der Witch Doctor versucht mit Einlullen, Versprechen und dem Ausbreiten falscher Theorien, Menschen von der Wirklichkeit abzubringen, um sie dazu zu bringen einer bestimmten Ideologie zu folgen. Für Rand ist ein Witch Doctor ein Priester, ein Politiker, ein Marxist und jeder andere der versucht die Rationalität der Menschen zu unterdrücken um sie in eine bestimmte Richtung zu lenken.

Wo sich sowohl Rand, Hicks wie auch Peterson einig sind, ist der Schluss, dass diese Art des Denkens unausweichlich zu einem zynischen Nihilismus führen muss, der sowohl Gesellschaft wie auch Individuum schadet.

Feminismusprofessoren und Witch Doctors

Wer bis hierhin gelesen hat, wird nun sicher vermuten, dass diese Thesen meine Wahrnehmung der akademischen Welt des Gender Research geformt haben. Richtig ist das allerdings nicht. Auch wenn ich Peterson, Hicks und sogar Rand in einigen (allerdings nicht allen) Punkten nur nickend zustimmen konnte, war es nicht die Lektüre derer Werke die mich so argwöhnisch und kritisch gestimmt hat.

Mein Argwohn fußt in der selbst proklamierten Zielsetzung einer Wiener Uni Professorin, namentlich Mag. Dr. Sushila Mesquita.

Anfang 2015, lange bevor ich Peterson, IDW oder auch nur Hicks, kannte, stieß ich in einem Zeitungsinterview im Standard auf folgende Aussage von Mesquita:

Es ist einer der wichtigen Beiträge der feministischen Wissenschaft, nachzuweisen, dass es keine objektive Wissenschaft gibt, sondern dass sie immer mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen verwoben ist. Die Kritik, dass Gender Studies Ideologie seien und keine objektive Wissenschaft, finde ich daher sehr naiv.[…]

Diese absurde Vermischung von Inhalt und Kontext fand ich erschütternd — vor allem als Begründung warum Gender Studies Ideologie sein dürfen und sich nicht als objektive Wissenschaft etablieren müssen. Zu allem Überfluss, stammt dies auch noch von einer Professorin die sowohl Forschung wie auch Lehre in dieser Disziplin massgeblich mitgestaltet, zumindestens an der Uni Wien.

Diese unwissenschaftliche Haltung ist es, die meine Meinung über Gender Studies geformt hat. Fälle wie der seltsame Unterstützungsbrief für Avital Ronell nachdem Vorwürfe wegen sexueller Belästigung aufgetaucht sind, stützen mich da auch noch.

Das die schlimmsten Behauptungen von Rand, Hicks und Peterson wie die Faut auf’s Auge passen ist dabei nur Zufall.