Dein Ziegelstein soll schöner sein

In der taz-Ausgabe von Weihnachten hat Emilia Smechowski unter dem Titel „Es ist ein Ziegelstein“ über die Qualen der Geburt geschrieben. Danke, @marga_owski, für den Hinweis! Ich wusste schon vor dem Lesen, dass ich den Artikel zum Anlass nehmen wollte, selbst darüber zu schreiben. Ich habe im Sommer letzten Jahres auch ein Kind zur Welt gebracht, und es ist unmöglich, zu einer derartigen körperlichen und geistigen Explosion kein Kommunikationsbedürfnis zu haben. Und Emilia Smechowskis herausragender Text, der leider nicht online ist, ist die perfekte Vorlage. (Update: Der Text ist mittlerweile online.)

Es muss Schluss sein mit dem mysteriösen Schweigen darüber, was Frauen bei der Geburt eines Kindes erwartet, findet Smechowski — und schildert eindrücklich ihr Geburtserlebnis, das mit dem Wort traumatisch wohl nicht allzu falsch beschrieben ist. Sie setzt die Geburt in den Kontext unseres durchzivilisierten und durchkultivierten Lebens und fragt sich nicht nur, warum erstgebärenden Frauen das Wissen über die Schmerzen regelrecht vorenthalten wird — sondern auch, warum als die “richtigsten” (Anführungszeichen von mir) Mütter diejenigen gelten, die auch in den qualvollsten Stunden ihres Lebens keine schmerzlindernden Mittel zu sich nehmen.

Ich habe ein ganz anderes Geburtserlebnis gehabt als die Autorin. Aber ich finde es gut, dass sie darüber schreibt. Denn tatsächlich ist das eine gute Frage: Warum ist so ein gewaltiges körperliches, hoch emotionales, gesellschaftlich relevantes und evolutionär unabdingbares Erlebnis wie die Geburt so ein Geheimnis? Und warum bilden die Frauen, die eine Geburt hinter sich haben, so einen Geheimbund? Aus feministischer Perspektive ist das doch höchst fragwürdig. Sollen kinderlose Frauen nicht verschreckt werden? Kriegt das Martyrium eine gewichtigere Bedeutung, wenn man es verschweigt? Oder darf die in unserer gegenwärtigen kulturellen Lage noch immer als wichtigste Fähigkeit der Frau angesehene sexuelle Anziehungskraft auf die Männer nicht mit Erzählungen aus den Grenzgebieten unseres Seins beeinträchtigt werden? Letzteres ist beileibe nicht unwahrscheinlich.

Auf mich trifft das Schweigen nicht zu. Ich habe über die Geburt geredet. Viel sogar. Vor männlichen und weiblichen Freunden, Kollegen und Fremden — immer dann, wenn ich ein grundsätzliches Interesse für das Thema festgestellt habe. Eine Geburtserfahrung ist, wenn man sie richtig erzählt, eine lehrreiche Geschichte. Und das Schweigen über weibliche Erlebnisse stört mich generell.

Allerdings finde ich nicht, dass Nicht-Schweigen unbedingt ein Bericht über Schmerzen sein muss. Smechowski beklagt sich in ihrem Artikel darüber, dass die Schmerzen während der Geburtsvorbereitung höchstens blumig, aber nicht angemessen thematisiert wurden. Mich haben die bangen Fragen der anderen werdenden Mütter eher gestört: Wie werden wohl die Schmerzen sein? Ich fand immer die Frage interessanter: Wie fühlt sich wohl diese irre Kraft, diese Stärke an, die sich seit Menschengedenken in gebärenden Frauen entwickelt, um mit dem Geburtserlebnis fertig zu werden? Zumal das Schmerzempfinden eine sehr subjektive Angelegenheit ist. Smechowski schreibt: „Noch heute, wenn ich den Kopf meiner Tochter betrachte, wenn ich über ihr Haar streiche und die Schädelknochen spüre, wird mir manchmal schlecht. Weil sich mein Körper an den Schmerz erinnert.“ Mein Körper erinnert sich gar nicht an den Geburtsschmerz, und ich habe die Geburt auch nicht als qualvoll erlebt.

Vielleicht hat die Natur das Vergessen eingerichtet, damit Evolution möglich ist? In den Stunden und den Tagen nach der Geburt hat mich dieser Gedanke gefesselt: Wie um alles in der Welt können Frauen behaupten, sich an ihre Geburt(en) nicht mehr zu erinnern? Das war das Schlimmste, Beste, Flashigste, Abgefahrenste, was ich jemals erlebt habe. Es ist unmöglich, das zu vergessen! Wenige Wochen später hatte ich nahezu keine Details mehr präsent. Und selbst unmittelbar nach der Geburt hatte ich Lücken. So habe ich mehrere Anläufe angestrengten Nachdenkens gebraucht, um zu realisieren, woher der beachtliche blaue Fleck in der Größe meiner vier Fingerkuppen auf meinem Unterarm kam. Ich hatte mich vor Schmerzen selbst gekniffen.

Geburt ist der maximale Kontrollverlust. Nicht leicht auszuhalten für intellektuelle Menschen der Postmoderne wie mich, die den Großteil ihrer Lebenszeit damit verbringen, den Kopf auszubilden — und nicht den Körper oder den Geist. Aber genau deshalb wollte ich die Geburt vermutlich so, wie sie dann letztendlich auch war — ohne Schmerzmittel, ohne Ärzte, im Geburtshaus, mit ständiger Betreuung durch eine Hebamme und aller Zeit der Welt. Mich hat der Grenzgang euphorisch gemacht.

Dass der Kontrollverlust den Intellekt nicht beschneidet, sondern ihn um das Wissen eines weise(re)n Innen bereichert, fand ich spannend. Nach der Geburt war es unmöglich, nicht über diese letzte Rolle der Natur in unserer durchkultivierten und -zivilisierten Welt nachzudenken. Diese Gedanken hatten auch Smechowski und die von ihr zitierte Soziologin Isabelle Azoulay , die in den 90er Jahren ein leider nur noch antiquarisch erhältliches Buch über „Die Gewalt des Gebärens“ geschrieben hat und die „sagt, die Geburt sei das letzte Animalische, was der Mensch noch nicht kultiviert habe.“

Ich persönlich hatte große Lust und Neugier, diese Natur kennen zu lernen, vor der ich schon während der Schwangerschaft staunend dastand. Aber genau so, wie ich mich immer wieder für meinen Weg entscheiden können möchte, bin ich — hallo Selbstbestimmung, du geschundenes, marginalisiertes Wesen! — selbstverständlich für das Recht jeder Frau auf jede andere positive Geburtserfahrung. Wir haben uns (völlig zurecht) an ein Leben mit der Möglichkeit zur Schmerzlinderung gewöhnt. Wieso also sollten wir die Geburt anders handhaben? In der Durchkultivierung, -zivilisierung und -technisierung aller Bereiche unseres Seins liegen die zumindest in Deutschland minimalen Sterblichkeitsraten von Mutter und Kind begründet — und ebenso auch die irrsinnig nach oben schnellenden Zahlen von Kaiserschnitten weltweit, vor denen ab einer gewissen Häufigkeit auch die WHO warnt. Ich gebe zu, dass mich die Selbstverständlichkeit, mit der sich immer mehr Frauen ohne medizinische Not für Kaiserschnitte entscheiden, verstört. Aber angesichts der Tatsache, dass wir in unseren postmodernen Leben von ein paar Instinkten abgesehen keine Naturerfahrung mehr kennen, ist diese Entwicklung nicht verwunderlich.

Abschließend zur Frage, wer die „richtigere“ Gebärende ist: Du, Emilia Smechowski, weil du für mich einen der wichtigsten Texte der letzten Monate geschrieben hast. Ich, weil ich nach der Geburt schon wieder twittern konnte. Und alle zukünftig Gebärenden, weil wir keine weitere Zeit damit verlieren dürfen, heraus zu finden, wer die tougheste ist. Das war auch eine Erkenntnis der Geburt: Wie unbedingt wir Frauen solidarisch miteinander sein müssen, um die Kräfte nicht reflexhaft gegen uns selbst, sondern gemeinsam gegen all diejenigen einzusetzen, die auch 2016 noch ein Problem mit unserer Selbstbestimmung haben.

Randnotiz: Sämtliche Horrorgeschichten zu Geburten, die ich kenne, sind Krankenhausgeschichten. Zur desaströsen Lage der außerklinischen Geburtshilfe muss ich nochmal einen eigenen Text oder ein eigenes Buch oder eine eigene politische Kampagne schreiben, bevor für selbstbestimmte Geburten alles zu spät ist und in Zukunft noch mehr Frauen selbst in den Wehen noch von Krankenhäusern wieder weggeschickt werden.