Amanita Muscaria

Die Geschichte eines missverstandenen Teufelskraut.

Aus dem Nichts sozusagen ist er dir in die Hände gerutscht. Als kleines Präsent, Talisman oder simpel als 3 Gramm schwerer Reisebegleiter für dein Losziehn in die Ferne. Weder Du noch ich haben sich offensichtlich Gedanken gemacht zu diesem kleinen Schmuckstück aus Glas und was es uns sagen will. Ein Fliegenpilz, nur einige Zentimeter hoch, doch wenn ich heute zurückdenke, von vielseitigster Bedeutung. 
Wieso schenk ich ihm eigentlich einen Giftpilz, musste ich mich, zu Hause sitzen geblieben, fragen. Nicht gerade das, was man sich von einer Person, die einem viel bedeutet, geschenkt bekommen möchte.

Was aber hat es überhaupt mit diesem Fliegenpilz auf sich und, 
was soll der eigentlich mit Fliegen zu tun haben? Ich mache mich ebenfalls auf eine Reise, und zwar in die Geschichte eines missverstandenen Waldpilzes.

Es gibt Überlieferungen die behaupten, dass der Fliegenpilz wahrhaftig als Fliegenfalle genutzt wurde. Angeblich wurde der Fliegenpilz dazu in kleine Stücke geschnitten und in gesüßte Milch gelegt. Angelockt von dieser süssen Verführung sollen die Fliegen dann die “vergiftete” Milch getrunken und umgefallen sein. Wie tot oder doch nur halbtot sie davon jedoch tatsächlich waren, lassen die Überlieferungen aus.

Mit der symbolischen Bedeutung von Fliegen im Mittelalter kommen wir dem Kern der Sache wohl schon näher, diese nämlich war schlicht und einfach “Wahnsinn”. Bekannterweise sind im Fliegenpilz Stoffe enthalten, welche hypnotische und narkotische Eigenschaften enthalten. Dies wussten natürlich schon unsere Vorfahren. Schamanen und Heiler assen von dem Pilz, um sich durch seine berauschende Wirkung in Trance versetzen zu können. Manch einer mag davon zuviel genascht haben und zeigte das Verhalten eines Wahnsinnigen. Die Anwendungen des Pilzes sind vielseitig: Geraucht, gegessen oder als Tee konsumiert sollte er in jedem Falle aber vorher getrocknet werden. Dies soll die darin enthaltene Ibotensäure in Muscimol umwandeln. Obwohl ich keine Ahnung habe, was das bedeuten soll, höre ich spätestens beim Konsum über Urin auf zu lesen. Diese Muscimol wird nämlich offensichtlich fast vollständig wieder ausgeschieden. Schon mal von einem Lebewesen „vorverdaut“ bietet diese Konsumform den Vorteil, dass Giftstoffe wie Ibotensäure, Musazon und Muscarin abgebaut wurden und nur das psychotop wirksame aber trotzdem giftige Muscimol enthalten bleibt. Yummy. Es wird davor gewarnt, den Fliegenpilz zu konsumieren, auch bei erfahrenen Personen sei seine Wirkung unberechenbar und könne schwerwiegende psychische Folgen haben. Ein Teufelszeug, denk ich mir. Wahrscheinlich war es für unsere Vorfahren im Mittelalter nur ein kleiner Schritt, den Gedanken weiter zu spinnen von den “Fliegen” zur “Flugtauglichkeit”. Und schon war der Mythos der fliegenden Hexen geboren. In den alten Hexensalben (Flugsalbe) ist der Fliegenpilz deshalb auch ein unbedingt notwendiger Zusatz.

Ich habe dir einen Fliegenpilz geschenkt und wollte dir eigentlich nur ein Etwas mitgeben, eines, das dich im besten Fall ein klein wenig an mich erinnert und dir noch besser, eine gute Portion Reiseglück beschert. Ein Glückspilz hätte es sein sollen, bestimmt nicht so ein Muscimolisierendes Wahnsinnsgewächs.

Dieser doch spannende Exkurs bringt uns jedoch auch näher zu der heutigen Bedeutung des Glückspilzes. Das ekstase-auslösende Wurzelgewächs hat schon bei den Schamanen zu berauschenden Entrückungen geführt, Visionen und Gefühle der Schwerelosigkeit ausgelöst. Und weil diese Erlebnisse sich durch die Weitergabe im Laufe der Zeit immer mehr verschönten musste der Giftpilz wohl beinahe zwangsweise zum Glückspilz umbedeutet werden.

Und ich hab dir einen Fliegenpilz geschenkt und komm mir gerade selber auf die Spur, was ich dir damit wohl sagen wollte. Was der Fliegenpilz für die Welt ist, das bist du nämlich für mich. Ich sehe dich an und bin an- und hingezogen. Für mich bist du schöner, spezieller und verführerischer als alle andern. Ich habe dich gekostet und du hast mich in Ekstase versetzt, hast mir unglaubliche Gefühle bereit und Visionen in mir aufsteigen lassen, die ich mir nicht hätte vorstellen können.

Nun aber schaue ich mir dich aus der Ferne an. Du lockst mich noch immer, aber ich weiss, dass du mich neben all den ekstatischen Momente auch tatsächlich in den Wahnsinn getrieben hast. Ich fühlte mich wie im Wahn, Realität und Fiktion vermischten sich und ich verlor den Boden unter den Füssen. Deine Wirkung ist unberechenbar, die Dosis schwierig einzuschätzen. Eine Droge, ein Hexenzeug, eine Sucht.

Im Regen waschen sich die Punkte des Fliegenpilzes ab. Er ist dann zwar immer noch wunderschön, keiner aber würde ihn als das erkennen, was er ist. Und das gerade ist das Problem. Ein klein wenig giftig gefällt er mir eben doch um einiges besser…