Und plötzlich bin ich mittendrin

Wenn man in Szenen rutscht, zu denen man gar nicht dazugehört

Sie wischt sich eine Träne aus dem Gesicht. Hebt nochmals die Hand zum Abschied und lässt sie an der Scheibe ruhen. Leise flüstert sie vor sich hin und spricht, als ob nur sie beide ihre Worte verstehen würden. Ich betrachte ihr langes, weisses Haar, die vielen kleinen Falten in ihrem Gesicht. Die dunkeln Augen. Und die Frau, die draussen auf der anderen Seite der Scheibe steht.

Ich bin eben gerade erst zugestiegen. Zürich-St.Gallen. Ein riesiges Durcheinander am Bahnhof. Sonntag Nachmittag und es scheint als ob es die Lieblingsbeschäftigung der Schweizer sei, Rolltreppen zu verstopfen, geistesabwesend an den Gleisen entlangzuschlendern und einfach ein wenig im Weg rumzustehen. Nicht stressen lassen, sag ich mir, und nehme im erstmöglichen Abteil Platz. Gerade wollte ich meine Kopfhörer installieren und mich genüsslich in meine Lektüre vertiefen, als ich sie erblicke. Sie sitzt mir direkt gegenüber und ihr Blick verliert sich in etwas, auf der anderen Seite der Plastikscheibe. Und es scheint, als sei sie noch nicht sicher, ob sie wirklich los- und wegfahren will…

Und ich kann nicht anders, als einfach zuzusehen. Diesen sehnsüchtigen Blick. Diesen Schmerz, diesen Prozess des Abschied Nehmens und Loslassen. Wann hab ich mich das letzte Mal so gefühlt? Ach Gott, ich kenne es zu gut. Und darum nimmt es mich dermassen mit. Und plötzlich bin ich mittendrin, und es gibt nur noch die beiden, mich und uns.

Die Frau winkt zum geschätzten tausendsten Mal in dieser letzten Minute, schliesst die Augen und wieder rollen ihr die Tränen übers Gesicht. Ich kann einfach nicht wegsehen. Merke, wie ich feuchte Augen kriege. Was passiert hier?

Ich sehe nach draussen. Auf der anderen Seite der Scheibe steht eine Frau um die Dreissig, burschikose Erscheinung, Kurzhaarschnitt und Bomberjacke. Strahlend blaue Augen. Unruhiges von einem Fuss auf den anderen tretend fixiert sie die ältere Dame gegenüber von mir, die jetzt ihr Mobiltelefon nach vorne nimmt. Sie tippt etwas ein. Es geht zwei, drei Sekunden, dann reagiert die Frau draussen. Sie öffnet ihre Jacke, wirft einen Blick auf ihr Handy und .. lächelt. Sie schaut auf und auch die Dame lächelt.

Ich kann mich gar nicht losreissen von dieser Szene. Immer wieder versuche ich zumindest so zu tun, als ob ich lese. In Wahrheit aber packt mich dieses Schauspiel gerade mehr als alles andere und obwohl ich wirklich nichts damit zu tun habe, fühle ich mit wie wenn ich dazugehören würde.

Der Zug setzt sich in Bewegung. Die Dame schreckt zusammen, klammert sich ans Fenster, versucht zu lächeln was ihr mehrheitlich misslingt. Die Frau in der blauen Bomberjacke steht noch immer ruhig da, nickt, fixiert die Dame und ..lässt los.
Die Dame dreht sich zu mir um. Ich merke dass ich sie noch immer anstarre und weil es schon zu spät ist um wegzugucken, lächle ich.

Abschied nehmen ist nie einfach, stimmt’s?, sage ich. 
Oh, äh..ja. Ja so ist es….

Aber wissen sie was, sag ich, nie ist es so schön sich wiederzusehen, als wenn man sich losgelassen hat.

Sie lächelt. Und gemeinsam fahren wir unserem nächsten Wiedersehen entgegen.

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