Wer braucht schon ein Diplom?

Und die kleinen Momente des Lebens, die uns zeigen, wie wir uns selbst manipulieren.

Ich sitz am Bahnhof. Ein bisschen feucht vom Regen, ein bisschen kühle Füsse, ein riesiges Bisschen angepisst. Eigentlich hätte ich diesen Zug erwischen sollen zu meiner Diplomübergabe. Die Bling-Bling Krönung meiner letzten gefühlten sieben Studienjahre, der D-Day, der rot umkringelte Tag in der Agenda. Eine Abschlussfeier, zu der ich selber nie hinwollte, eine die mich schon im Voraus langweilt und eine die nach all dem nur verlieren kann. Vom Ex-Schwiegervater angehalteb, vom Ex- Freund motiviert und vom schlechten Gewissen gepeinigt hab ich nachgegeben, mein definitiv attraktiveres Alternativprogramm abgesagt und sitz jetzt hier auf dem eiskalten Stuhl neben einem Starbucks am Bahnhof und winke meinem Zug zu, der eben nicht gefahren ist.

Aber seien wir ehrlich, der Tag war zum scheitern verurteilt. Die erste Woche, in der sich der Temperatureinbruch zum Winter so richtig bemerkbar macht, die Depressionen aus ihren Löchern gekrochen kommen und wir dabei zusehen können, wie die Suizidalrate in die Höhe schnellt. Ganz ehrlich, ich verstehs. Im Büro drehen etwa 400 Menschen auf 200 Qudratmeter auf sechs Stockwerken kollektiv durch, regen sich auf wegen unaufgeräumten Geschirrspülern, zu langsamen Lichtschaltern und der nicht optimalen Mahlstufe der Kaffeemaschine. Ich verkriech mich dann immer in ne Ecke, zieh mir dir Wollkappe bis knapp über die Augen und dreh den Beat meiner akopfhörer auf. Dann gehts.Ab und zu hör ich aus der Ferne jemanden fluchen, einer schreit durchs Büro und dann vibriert der Boden, weil die andere wutentbrannt durchs Büro stampft. Eine Stimmung wie an einem Kindergeburtstag. Hip Hiipp!Ich aktualisiere meine Mailbox und es erscheinen 20 neue Mails, keines davon aber enthält die wichtigen Informationen die ich bräuchte, um an meinen Projekten weiterarbeiten zu können. Ausserdem ist die Leitung von Air Berlin hoffnungslos überlastet, dort nämlich möchte ich nachfragen, was um himmels willen die seit zwei Wochen in denen ich wieder zurück aus dem Urlaub bin mit meinem Koffer treiben. Die Heizung der neuen Büroräumlichkeiten läuft nicht, das WLAN fällt aus und ich lauf zum geschätzten vierzigsten Mal zur Kaffeemaschine. Die will sich reinigen, neues Wasser und von Kaffeesatz befreit werden und ich fange an zu verstehen, wie sich eine depressive Verstimmung anfühlen muss. Beim Mittagessen sitzen die einen Teamkollegen an ihrem Platz und verstecken sich hinter ihrem Bildschirm, um sich mit Geschichten anderer Menschen und Bilder weit entlegener Orte abzulenken von der. geschmacklosen Nahrung, die sich dabei in sich reinstopfen. Die andern sitzen mit mir am Tisch und…schweigen. Der Kindergeburtstag erreicht seinen Höhepunkt. Huraaa!

Es ist einer dieser Momente, in denen es allen zu viel ist, in denen niemand mehr mag den andern aufzumuntern, in denen jeder ums blanke überleben kämpft.

Ich verlasse das Büro, mach auf dem Absatz kehrt weil es in Strömen regnet, finde meinen Schirm nicht weil ihn einer geklaut hat und versuche..ruhig zu bleiben und zu atmen. Den Hausmauern entlang geschlängelt stampfe ich zum Bahnhof wo ich erfahre, dass mein Zug ausfällt. Nächster Zug in einer Stunde. Auch das noch. Ich überlege mir, in den nächsten Bus zu steigen, nach Hause zu gehen, mich mit einem zuckersüssen Kakao in meine Decke zu kuscheln und einfach niemandem etwas zu sagen. Soll doch meine Mutter mein Diplom abholen, oder mein Ex-schwiegervater, noch besser. Ich verwerfe den Gedanken, setz mich auf den eiskalten Stuhl auf den ich wahrscheinlich nicht sitzen dürfte ohne was zu konsumieren und da sitz ich also nun immernoch.

Checkpot.

Ich beobachte eine junge Frau, die von 3 Männern aus dem Zug gehievt werden muss. Sie muss in meinem Alter sein und scheint psychisch absolut in Topform zu sein, so zuminders hört es sich an wenn man den keken Anweisungen lauscht, die sie ihren Transportmännern gibt. Gerade möcht ich mich, in Rage wie ich sowieso schon bin, über die Bahnunternehmen aufregen, die es nocht immer nicht schaffen, Barrierefreie azüge zu bauen, da weiss ich plötzlich nicht mehr ob ich lachen oder weinen soll. Welche Rolle spielen denn eigentlich diese 10 Minuten, die ich zu spät an diese Feier komme hinsichtlich der letzten paar Jahre? Wen juckt es, wenn ich die Begrüssung verpasse und mich reinschleiche? Zumindest kann ich da selber reinlaufen und bauche keine 3 Männer die mich auf die Bühne stemmen. Ein kleines Gefühl von Dankbarkeit macht sich breit, die nassen Schuhe sind irgendwie doch nicht mehr so schlimm und siehe da, da kommt auch schon mein Zug. Der Kindergeburtstag zündet die Tischbombe, die Spannung steigt und ich entscheide mich dazu, mich zurückzulehnen und die Show zu geniessen…

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