Dorsten

Wenn ich das Haus verlasse, winkt mein Vater mir nach. Wenn ich zurückkomme, steht er bereits in der Tür.

»Was machst du denn schon wieder hier?«, fragt er kopfschüttelnd. »Hast du was vergessen?«

»Nein«, antworte ich lachend. »Alles gesehen.«

Erleichtert schließt er hinter mir die Tür. Er hat es nicht gern, wenn ich allein in Dorsten unterwegs bin. Vor allen Dingen nach Einbruch der Dämmerung.

Mein altes Zimmer unterm Dach ist schöner als früher. Der Fernseher ist so groß wie meine Matratze — nur dünner. Wenn Laster auf der Straße vorbeirollen, wackelt die Vitrine. Die Ansagen am Bahnhof stören mich nicht und enden früh am Abend, wenn ich noch schreibe.

Jeden Tag laufe ich durch die Unterführung am Bahnhof und schlendere durch die zugeklinkerte Innenstadt. »Stadt OHNE Freibad« steht auf einem Aufkleber in schwarz-gelber Ortsschild-Optik. Ein Plakat wirbt noch Wochen später für den Klumpensonntag in Rhede. Ich fotografiere das Diana-Relief von Arno Breker an einer Fassade. Neben dem Relief befindet sich die Abbildung einer Germania-Statue mit folgendem Text: »Germania wurde 1896 errichtet zur Erinnerung an die Dorstener Opfer des Krieges 1870/71, der Preußen den Sieg und Deutschland die Einheit brachte. Im 2 WK wurde Germania leicht beschädigt. Danach wurde das Standbild vom Sockel gehoben und weiter beschädigt. Die Tafel mit den Namen der Opfer ließ man verschwinden. Bitte stellt das ehrende Andenken wieder her. Macht Geschichte sichtbar. Stellt die Germania wieder auf!« Unter der Tafel hängt noch ein Schild: »HAIR-PIRAT Young Style«.

Auf dem Marktplatz unterhalten sich zwei Frauen, die eine trägt eine schwarze Mütze mit weißer Schrift, auf ihrer Stirn steht in großen Buchstaben FUCK IT. Ich staune über den Bagger, der geduldig das alte Einkaufszentrum zernagt und wie ein riesiger Metalldrachen aussieht. Ich laufe durch das Stadtsfeld oder bis zum alten Proberaum, vorbei an den Ärztezentren, durch Reihenhaussiedlungen mit Schalke-Fahnenmasten im Garten und Katzen auf der Fußmatte. Vor ein paar Jahren bremste ein Polizeiwagen mit quietschenden Reifen neben mir.

»So was Dreistes habe ich noch nie gesehen«, rief ein Polizist und sprang aus dem Auto.

Ich sah mich um. Ich war der einzige Mensch weit und breit.

»Sie wissen gar nicht, worum es geht?«, fragte er entsetzt.

Ich schüttelte den Kopf. Der Polizist zeigte auf die Ampel. Ich hatte weder den Übergang noch die Ampel bemerkt und war einfach über die Straße gelaufen. Der Polizist wollte meinen Ausweis sehen und betrachtete ihn von beiden Seiten.

»Wohnort Berlin?«, fragte er und schaute mich dabei von oben bis unten an.

Ich nickte. Der Beamte setzte sich zu seiner Kollegin ins Auto, schlug ein dickes Buch auf und fing an zu blättern. Nach einer Weile stieg er wieder aus.

»Sie haben Glück gehabt«, sagte der Polizist und gab mir meinen Ausweis zurück. »Es ist nicht teurer geworden.«

Ich steckte den Ausweis zurück in mein Portemonnaie.

»Das macht dann fünf Euro«, sagte er. »Zahlen Sie bar?«

Immer wenn ich in Dorsten bin, ergreift mich eine Art Schreibzwang. Neben der Romanarbeit fange ich an, die Graffiti in der Unterführung abzuschreiben. Dorsten hat einige Schriftsteller hervorgebracht, die bekannteste ist Cornelia Funke. Man wird in Dorsten nie eine Straße nach mir benennen.

Auf Facebook unterhalte ich mich mit Tao Lin und empfehle ihm eine Übersetzerin für sein Schopenhauer-Buchprojekt. Dorsten ist ungefähr das Gegenteil von New York. Schreibknast nenne ich die Tage in Dorsten. Die Bezeichnung gefällt mir, sie klingt nach Arbeit, nach auf Montage sein. Dabei sind die Umstände äußerst angenehm. Wenn ich möchte, kann ich dreimal am Tag warm essen. Ich muss nicht kochen, nicht einkaufen, weder abräumen noch ans Telefon gehen. Ich bekomme auch keine Post. Dafür schreibe ich Seite um Seite. Meine Freunde machen sich allmählich Sorgen. Der Marquis de Sade hat fast sein gesamtes Werk hinter Gittern verfasst. Ich soll nicht so enden wie der Schriftsteller in Shining.

Am Tag meiner Abreise gehe ich ein letztes Mal zum Bäcker. Obwohl ich stets die selbe Menge Brötchen kaufe, zahle ich jeden Tag einen anderen Preis. Als ich zurückkomme, steht mein Vater in der Tür.

»Joyce N. hatte ihrem Sohn (6) Schuhe bestellt«, liest er mir einen Artikel aus der Bildzeitung vor. »Das Paket will sie im Hermes-Shop in der Dorstener Innenstadt abholen. Joyce N.: Ich war freundlich, hatte meinen Ausweis dabei und sagte, dass ich mein Paket abholen wolle, doch die Frau hinter der Theke antwortete: ›Das geht nicht. Wir dürfen keine Päckchen an schwarze Menschen herausgeben.‹«

»Unglaublich!«, ruft meine Mutter. »Sogar das Fernsehen hat schon über den Fall berichtet.«

Der Hermes-Shop befindet sich in der selben Straße wie der Bäcker. Als Schüler hatte ich in dem Laden Hausverbot, weil ich beim Klauen eines Superheldencomics erwischt wurde.

Nach dem Frühstück verabschiede ich mich von meinen Eltern und rolle meinen Koffer zum Bahnhof. Der Zug steht schon zum Einstieg bereit. Ich steige ein, setze mich hin und klappe mein MacBook auf. Automatisch verbindet sich mein Computer mit dem elterlichen W-LAN. Ich rufe meine Mails ab und lese die letzten Tweets. Der Zug fährt los, die Internetverbindung wird schwächer und reißt nach einigen Metern ab.

Zuerst erschienen in » Eigentlich Heimat. Nordrhein-Westfalen literarisch« (Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2014).