Syrische Sicht auf Köln

Trotz Bürgerkrieg melden sich Aktivisten nach der Silvesternacht zu Wort. Geschichte eines Posts aus Kafranbel.

Screenshots: New York Times (von links), Stern und DIE ZEIT. Foto: Schwarzenberger

Der Verdacht, dass in die Kölner Ereignisse der vergangenen Silvesternacht auch syrische Flüchtlinge verwickelt sein könnten, kam wenige Tage nach den Vorfällen auch in Syrien selbst an. Und sorgt dort für Empörung — den mutmaßlichen Tätern gegenüber. „Die deutsche Regierung sollte umgehend jeden syrischen Flüchtling abschieben, der tatsächlich für schuldig befunden wird“, notierte ein syrischer Aktivist aus der Kleinstadt Kafranbel in der von Rebellen gehaltenen Provinz Idlib am vergangenen Wochenende bei Facebook.

Screenshot von Facebook

Ali, der Autor des Eintrags, ist um die Dreißig, gelernter Softwareentwickler und Aktivist in Kafranbel; sein vollständiger Name bleibt hier ungenannt. Er versteht die Täter von Köln nicht, die womöglich aus den Asylheimen kommen. „Diese Angreifer sind keine Flüchtlinge, die Ruhe vor dem Krieg suchen, sondern eine Bande von betrunkenen Kriminellen, die nicht zu schätzen wissen, was das deutsche Volk und die deutsche Regierung für sie getan haben.“ Nämlich ein Dach über den Kopf, Geld, medizinische Hilfe oder Bildung. Sollten sich Syrer tatsächlich als Täter herausstellen und würde Deutschland sie umgehend abschieben — Ali und viele, die so denken wie er, hätten Verständnis.

„Vergewaltigung ist ein Verbrechen gegen Frauen.“

Viele Flüchtlinge fürchten nun, mit den Tätern von Köln in einen Topf geworfen zu werden. Etliche Gruppen syrischer Asylbewerber distanzierten sich bereits von den Übergriffen. In Köln organisieren Flüchtlinge für den kommenden Sonnabend, 16. Januar, eine Veranstaltung auf der Domplatte. Sie hat den Titel: „Syrische Flüchtlinge sagen Nein zu den Übergriffen von Köln”.

Auf meine Nachfrage berichtete Ali, er habe in arabischen Medien von den Vorfällen gelesen und sich dann englische Artikel gesucht. Die internationale Presse griff früh die Flüchtlingsdebatte auf. Aktivisten wie Ali stößt das bitter auf. Sexuelle Übergriffe seien ekelhaft und sie würfen ein schlechtes Licht auf die Flüchtlinge, schrieb er. In Syrien sei so etwas selten, er selbst habe nie einen Fall mitbekommen. „Vergewaltigung ist ein Verbrechen gegen Frauen.“ Sagt ein Mann, der das Jahr Sechs des Bürgerkriegs in Syrien erlebt.

Zwischenspiel: Wellen in Deutschland

Tatsächlich wird in Deutschland bereits an einer Verschärfung des Asylrechts gearbeitet. Der Bundesrichter und ZEIT-Kolumnist Thomas Fischer warnte am 12. Januar unter dem Titel „Unser Sexmob“ in seiner Kolumne vor übereilten Schritten. Nach wie vor müsse auch für die Täter vom Kölner Dom eine Einzelfallprüfung gelten. Fischer schrieb: „Wenn ein in Shanghai zum Tode verurteilter Tibeter in Spanien Asyl beantragte, dort einen Taschendiebstahl beginge und deshalb von Spanien nach China abgeschoben werden sollte, würden die deutsche Presse und politische Öffentlichkeit über diesen Akt der Barbarei tagelang herfallen; rund um den Kölner Dom würden besorgte Bürger Kerzen zur Solidarität mit dem Jüngling aufstellen, und unsere Frau Ministerin Manuela persönlich würde ihm eine Lehrstelle als Tierpfleger besorgen.“ Sprich: Auch ausgewiesene Asylbewerber könnten daheim bedroht sein — dann käme die Abschiebung einem Todesurteil gleich.

Noch immer wird derzeit von den Kölner Ermittlern sortiert, was genau in der Silvesternacht geschah. Der SPIEGEL notierte am 12. Januar, dass die Zahl der Anzeigen mittlerweile auf 653 angestiegen sei.

Männer aus dem Maghreb sitzen derzeit in Untersuchungshaft — wegen Diebstahldelikten. Ob und in welchem Umfang auch syrische Flüchtlinge an den Übergriffen auf der Domplatte beteiligt waren — auch das wird noch ermittelt. Und doch schreien Pegida & Co. nach Massenabschiebungen, nach stärkeren Grenzkontrollen und Verhinderung von Zuwanderung durch Asylbewerber. Zugleich verschärfen Pegida und ihre Ableger die eigenen Demonstrationen. Was sich Anfang dieser Woche im linken Leipziger Stadtteil Connewitz abspielte, wo Anwohner „Refugees welcome“-Schilder an ihre Haustür hängen, zeigt, was sich im Dunstkreis von Aktivitäten „besorgter Bürger“ abspielen kann: Zeitgleich zu einer Legida-Demonstation überfielen mehr als 200 Neonazis und Hooligans die Connewitzer Wolfgang-Heinze-Straße und zerlegten mehrere Geschäfte. Die zeitliche Nähe zur Legida-Veranstaltung darf zumindest als verdächtig gelten.

Aber dass sich weder Legida- noch Pegida-Aktivisten auf ihren Facebookseiten bislang vom Naziaufmarsch distanzierten (einen solchen Gewaltakt gab es in Connewitz seit über 20 Jahren nicht mehr) — auch das ist eine Aussage.

Medienaktivisten von Kafranbel

Doch zurück nach Syrien. Dorthin, wo — das lässt sich einigermaßen nachvollziehen — die innenpolitischen Debatten europäischer Länder nur bedingt Wellen schlagen. Am ehesten wohl dann, wenn es um Flüchtlinge geht; syrische in diesem konkreten Fall. Kaum nachvollziehbar für die deutsche Mehrheit ist aber, wie ein Mensch in einem Bürgerkriegsland funktioniert, was ihn an Informationen erreicht und inmitten von Blut und Terror überhaupt berührt.

Leicht ließe sich einwenden, dass vor allem die Sorge um Reputation und damit auch Verbleib von flüchtenden Syrern einen in der Heimat gebliebenen Aktivisten wie Ali stört. Selbst wenn das stimmte, dann sorgte sich der Mann um Menschen, die seine Heimat aus verschiedensten Gründen verlassen haben. Aber nein, Ali kritisierte die mutmaßlichen Täter und nahm seine geflohenen Landsleute von der Kritik nicht aus.

Ali ist einer der Administratoren, die für das Kafranbel Mediencenter (KFM) die Social-Media-Aktivitäten steuern. Dazu gehört die Facebookseite „Kafranbel Syfrian Revolution“, wo am 9. Januar sein Post zu Köln erschien. KFM ist ein Überbleibsel der 2011 gestarteten Bürgerrechtsbewegung gegen das Assad-Regime, als überall im Land lokale Koordinierungskomitees entstanden. Sie sind ein Wahrzeichen der schon im März 2011 begonnenen Graswurzelbewegung von Regimekritikern; lange bevor die Freie Syrische Arme (FSA) auf den Plan trat. Und lange bevor sich die Anti-Assad-Bewegung in Dutzende, teilweise miteinander konkurrierende, Gruppierungen zersplitterte. Ein Umstand, der den Vormarsch der radikalen Bewegung Islamischer Staat (IS) begünstigte. Was die lokalen Komitees tun, was sie brauchen — damit setzt sich unter anderem das Leipziger Projekt „Adopt a revolution“ auseinander.

Alltag an der syrischen Front

In Kafranbel setzten sich Freie Syrische Armee und Einwohner erfolgreich gegen Assad und den Islamischen Staat (IS) zu Wehr. Sie ist eine selbstverwaltete Kommune. Das KFM verbreitet Fotos von Bannern, mit denen die Menschen aus Kafranbel gegen Assad, den IS oder russische Angriffe demonstrieren. KFM-Chef Raed Fares überlebte Anfang 2014 ein Attentat schwer verletzt; ein Jahr später zerstörten Anhänger der radikalen al-Nusra-Front das Studio des KFM-Senders Radio Fresh in Kafranbel.

„Wir hatten einige russische Luftangriffe, aber niemand starb.“

Dass man sich in Kafranbel — und beispielsweise auch im libanesischen Beirut, das oft Bombenattentate erlebt — trotzdem mit dem Geschehen in Europa auseinander setzt, zeigt der Bericht von ZEIT-Reporterin Andrea Böhm vom November 2015. Nach den Attentaten von Paris nahmen auch die Aktivisten in Kafranbel Anteil.

Der Sender Radio Fresh bringt Interviews, Musik und warnt vor Luftangriffen. Das syrische Regime wirft Fassbomben in Idlib ab, auch die Russen fliegen Angriffe. „Im Moment geht es einigermaßen. Wir hatten einige russische Luftangriffe, aber niemand starb. Der IS ist hier nicht, aber die al-Nusra“, berichtete Ali mir.

In welchem Umfeld die Aktivisten das tun, verdeutlicht ein Überfall auf das KFM, keine 24 Stunden nach Alis Köln-Eintrag. Am vergangenen Sonntagmorgen postete sein Team: „Al-Nusra hat Radio Fresh gestürmt und Raed Fares und andere Aktivisten festgesetzt.“ Sie randalierten, beschlagnahmten Kameras und Computer und nahmen Fares mit sich. Am Abend dann Erleichterung; Fares wurde wieder freigelassen.

Der Weltspiegel (ARD) veröffentlichte am 10. Januar diesen Report über Kafranbel.

Screenshot der ARD-Webseite mit Filmszene.
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