Ein philosophischer Ausflug über Ziele und deren Erreichung.

Wie soll man sich nur selbst mit Zielen führen, wenn man Angst hat, sie nicht zu erreichen? Aus diesem Grund braucht es in der modernen Führung glaube ich eine andere Sicht auf Ziele und deren Erreichung. Schon allein deshalb, um selbst damit besser klar zu kommen.

Eine reine Kommunikation auf Basis von Zielen läuft Gefahr, dass eine aufgebaute Erwartungshaltung nicht erfüllt werden kann und somit der Mitarbeiter in die Überforderung geführt wird. Das gerade ist es, was ein Zielsystem aus meiner Sicht nicht zum Ergebnis haben sollte. Vielmehr sind wir der Meinung, dass uns ein Zielsystem wie beispielsweise OKRs dabei hilft, Stress zu vermeiden und die Zufriedenheit bei jedem einzelnen deutlich zu steigern, da das Gefühl der Überforderung systematisch eliminiert wird.

Wir hören in Verbindung mit Zielen immer wieder den Satz: „Wie Du das erreichst ist mir egal, Hauptsache das Ergebnis stimm.“ Diese Aussage hat allerdings unterschiedliche Dimensionen. Sehr kritische Dimensionen, wie ich finde. Wenn es die Freiheit zum Ausdruck bringt, Option A oder Option B frei wählen zu können, da beide Optionen zum Ziel führen, dann ist die Aussage durchaus werthaltig. Öfter ist die unterschwellige Aussage aber, dass der Absender selbst keinen validen Plan für die Erreichung des Ziels hat, ihm der Plan aber auch egal ist. Das Ergebnis „muss“ eintreten, egal auf welchem Wege. Hier droht hohes Potential zur Verärgerung der Mitarbeiter, da unrealistische Ziele ohne konkrete Idee zu deren Erreichung vorgegeben und dann fälschlicherweise als „unternehmerische Freiheit“ deklariert werden. Diese Entscheidungsfreiheit ist eine falsche, da eigentlich keine Optionen zur Entscheidung vorliegen sondern es eher darum geht, ein unwahrscheinliches Szenario durch kurzfristige Maßnahmen — mögen diese nun sinnvoll sein oder nicht — doch noch zur Zielerreichung zu bewegen.

Die Folge dieser Art der Führung sind:

  • Der Mitarbeiter verliert massiv die Motivation, da kein valider Plan vorliegt, um ein Ziel zu erreichen, er aber an dieser unrealistischen Situation gemessen werden soll
  • Die Chance, dass etwas unkontrolliert schief geht steigt unermesslich, da der Mitarbeiter das Ziel für völlig unrealistisch hält, andere sich aber auf dessen Erreichung stützen
Folglich lässt sich festhalten: Wenn man keinen validen Plan zu Erreichung eines Ziels hat, dann sollte man diese Ziele auch nicht definieren.

Hierbei ist natürlich nicht eine sportliche Ambitioniertheit mit unzureichendem Realismus zu verwechseln!

Ganz persönlich betrachtet ist das Erreichen von Zielen eine psychologisch schwierige Herausforderung. Man soll ein Ziel definieren, dessen Schwierigkeitsgrad man nur begrenzt einschätzen kann und sich dann am Ende in Bezug auf die Erreichung des Ziels messen lassen, ohne die Aufgaben, also die Schritte dorthin, zu bewerten sondern nur den Effekt zu betrachten. Das kann schnell frustrierend wirken, wenn man mit einem sportlichen Ehrgeiz an die Formulierung der Ziele geht, in der Bewertung aber nicht das richtige Mindset hat, um mit den Ergebnissen auch umgehen zu können.

Aber wie schafft man es, mit den erzielten Ergebnissen richtig umzugehen?

Wir gehen davon aus, dass wir eine feste Größe an Ressourcen haben, die uns für einen Zeitraum zur Verfügung stehen. Da wir die Strategien kennen und eine klare Vision verfolgen, liegen nun einige Dinge auf der Hand, die wir am sinnvollsten als nächstes tun könnten. Viele andere Dinge wären auch gut und richtig gewesen, allerdings waren dort die Erwartungen an die Ergebnisse nicht ganz so hoch, wie bei den Zielen, die wir uns gesteckt haben. Wenn ich nun nach der Definition der Ziele sehr konsequent meinen Job mache, fleissig und mit einem klaren Fokus die Ziele verfolge, dann kann ich mit jedem Ergebnis gut leben:

Die Realität sieht nämlich so aus, dass ein besseres Ergebnis nicht zu erzielen gewesen ist!

Wir haben den besten Plan, den wir damals hatten so effizient und konsequent wie möglich durchgeführt. Mehr war nicht drin. Hätte es einen besseren Ansatz gegeben und hätten wir ihn damals gekannt, dann hätten wir ihn auch gemacht. Und wenn ich mich im Rahmen meiner Möglichkeiten nicht habe ablenken lassen, sondern so gut es ging, jeden Tag die Ergebnisse positiv beeinflusst habe, dann brauche ich mir über die Ergebnisse keinerlei weitere Gedanken machen. Diese Erkenntnis hilft extrem mit dem vermeintlichen Scheitern umzugehen. Ich bin nicht gescheitert. Die Ergebnisse haben sich nur anders entwickelt, als ich prognostiziert habe. Das ist an der Stelle unkritisch, da es sowieso nicht zu ändern ist.

Aus meiner Perspektive sind lediglich zwei Dinge kritisch:

  • Ich hätte einen besseren Plan gekannt, ich habe ihn aber nicht verfolgt.
  • Ich habe nicht konsequent die Dinge gemacht, die der Plan erforderte.

In diesen beiden Dimensionen muss ich mich selbst bewerten und entsprechend eingestehen, wenn es Dinge besser zu machen gilt. Alles andere kann ich mit einer ruhigen Gelassenheit sehen. Auch im Austausch mit Vorgesetzten oder Mitarbeitern ist hier das „Scheitern“ kein Problem. Da wir uns mit Hilfe von Systemen wie den OKRs über das Ziel und den Plan dahin explizit ausgetauscht haben, kann keiner sagen, dass er den Plan nicht kannte. Wer einen besseren Plan hatte, hätte ihn jederzeit einbringen können (oder konsequenterweise sogar müssen). Andernfalls war das der beste Plan, den wir damals eben hatten — aus allen relevanten Perspektiven. Der Rest ist leider die Realität.

Im erforderlichen Mindset geht es also darum, sich hohe Ziele zu stecken, um ambitioniert eine Veränderung hervorrufen zu wollen und Dinge aufgrund der sportlichen Ziele auch mal ganz anders anzugehen. Wenn das Ziel gesetzt ist, geht es nur noch darum, konsequent einen Fuss vor den anderen zu setzen und mit bestem Wissen und Gewissen seine Arbeit zu machen. Dann ist jedes Ergebnis gut.

Man muss hoch zielen und sich mit dem zufrieden geben, was dabei heraus gekommen ist. Nur so schafft man es, dauerhaft mit hohen Ansprüchen und stetig wachsenden Herausforderungen umgehen zu können.

Der Weg des Zen liefert hier ähnliche Ansatzpunkte: Sobald das Ziel klar ist, zählt nur noch der Weg.