Iss Bio, wann immer es Dir möglich ist.

Eine durchaus gute Zusammenfassung unserer aktuellen Vorlage zur Lösung unserer Ernährungsprobleme lautet:

Iss saisonal; kaufe lokal; wähle bio, wann immer es möglich ist.”

“…wann immer es möglich ist.” — Klingt logisch. Klingt auch einfach. Ist aber bei genauerer Betrachtung gar nicht so trivial. Die Frage stellt sich nämlich nicht nur, wenn man im Supermarkt vor der Theke steht und die Wahl zwischen bio und nicht bio (“konventionell” möchte ich die Herstellungsart lieber nicht bezeichnen) hat, sondern eigentlich bei jeder einzelnen Mahlzeit. Auch dann, wenn die Frage nicht gestellt wird und die Alternative — ökologisch, regional, saisonal — gar nicht aktiv zur Auswahl steht oder sogar mit einem gewissen Verzicht verbunden ist.

Man befasst sich aktiv mit dem Thema Ernährung, liest Kochbücher, Blogs und populärwissenschaftliche Abhandlungen. Man setzt sich aktiv mit der Herkunft seiner Lebensmittel auseinander. Man folgt einer Ernährungstheorie. Manchmal sogar nicht nur zum “detoxen”, sondern dauerhaft. Man baut Wissen auf, hat eine Meinung. Und man versucht, andere davon zu überzeugen was “gut” für uns und unsere Umwelt ist und was ein “gesunder” Umgang mit Ernährung ist. Realistisch betrachtet sind das aber vor allem die neuen Ideale, denen man folgt oder folgen möchte. Ganz so, wie man eigentlich auch mehr Sport machen müsste als man eigentlich macht. Und doch findet man diese ganzen Instagram Accounts und Blog-Postings immer “spannend”.

Die Realität sieht anders aus. Und das liegt gar nicht am Mindset, sondern an der Machbarkeit. Realität scheint eben doch mit Realisierbarkeit eng verbunden zu sein. Die Umsetzbarkeit einer fixen Vorstellung der eigenen Ernährung bleibt sportlich. Man hat oftmals eben nicht die Wahl. Einmal scheitert es an der mangelnden Verfügbarkeit gesunder Alternativen. Ein anderes Mal gibt der soziale Druck oder die reine Geselligkeit den Ausschlag dazu, die eigenen Ideale für eine kurze Zeit über Bord zu werfen.

Sind wir doch mal ehrlich. Der moderne Lebenswandel lässt es phasenweise durchaus zu sich von sagen wir einmal rund 20 Mahlzeiten pro Woche gute 15 mal “ausser Haus” zu versorgen. Und damit ist der Spielraum der kulinarischen Selbstbestimmung schon stark eingeengt. Auf Reisen oder unterwegs in urbanen Lebenssituationen hat eine kohlehydratbasierte Ernährung eine nicht einzuholende Vormachtstellung. Die Zusammensetzung der daraus bestehenden Lebensmittel und ihrer Bestandteile ist absolut nicht im Fokus der Kommunikationsstrategie. So wünschenswert es auch ist Lebensmittel ohne Aufdruck auf der Packung zu kaufen, so tragisch ist die damit verbundene Intransparenz, wenn es um fertig produzierte Snacks geht.

Eine bewusste Ernährung in der Gastronomie ist bis auf einige Ausnahmen ebenfalls schwer. Bio in der Gastronomie ist quasi noch nicht existent. Wirkliche Bio Siegel finden keine Verwendung und in einigen wenigen Speisekarten finden sich zumindest Hinweise auf die Herkunft des Fleisches. Aber was ist mit dem Gemüse? Und den restlichen Zutaten? Und den Zusatzstoffen in den Zutaten? Da es hier an Kommunikation, Transparenz und einer soliden Portion Aufmerksamkeit mangelt, fehlt eine Wahlmöglichkeit, die zu den eigenen Idealen passt.

Immerhin: Man wählt oft das geringste Übel. Aber ist das der Sinn der Sache? Wollten wir uns nicht eigentlich aktiv mit dem Thema auseinandersetzen, damit wir Dinge essen können, die uns schmecken und gut für uns sind? Und dann können wir eigentlich schon Stolz auf unsere Willensstärke sein, wenn wir nicht zu viele Dinge essen, die uns nicht schmecken oder zumindest nicht schaden?

An dem Lebensstil wird sich so schnell nichts ändern. Das bringt die Zeit so mit sich. Oder machmal einfach auch der Job. Was sich vielleicht aber ändern lässt ist ein Denkansatz, der sich auf die eigene Entscheidungsfindung bezieht:

Wenn ich schon in teilweise mehr als 75% die Entscheidung über meine Ernährung nicht so wirklich in der Hand habe, macht es dann in den verbleibenden Fällen Sinn, darüber nachzudenken, ob es wirklich BIO sein soll oder nicht?

Es erscheint also sinnvoll sich vorzunehmen, diese Fragestellung per Definition zu beantworten: “wann immer es möglich ist”. Saisonal, regional, biologisch.