Darum kündige ich mein «Republik»-Abo

Perplex und etwas konsterniert sagt Verleger Nr. 1258 adieu

Liebe «Republik»,
Ich habe auf dich gesetzt. Ich habe an dich geglaubt. Du hast mich überfordert. Und auch ein wenig enttäuscht.

Wie viele andere freute ich mich vor einem Jahr auf dich. Eine neue unabhängige Kraft in der Schweizer Medienlandschaft; die personifizierte Vierte Gewalt. Mit grossem Tamtam und viel Pathos bist du angetreten, nichts weniger als die Demokratie gegen die Barbarei zu verteidigen. Sogar politisch-historische Parallelen haben du und dein wagemutiges Team gezogen. Du nahmst Bezug auf die Gründung der Helvetischen Republik im Jahre 1798. Das Magazin «Republik» als Produkt einer Revolution, als letzte Bastion der offenen und aufgeklärten Gesellschaft im 21. Jahrhundert.

Viel Pathos und nur Marketing? Trailer für das Crowdfunding im 2017

Ich brauche News, Fakten und Einordnung

Doch was du versprochen hast, hast du nur zum Teil eingehalten. Klar, die investigativen Stücke in Zusammenarbeit mit anderen Recherchenetzwerken waren richtig und top Arbeiten. Gratulation! Nichts zu sagen.

Aber allzu oft war mir als «Verleger Nr. 1258» nicht klar, ob mein Produkt nun quasi ein Zürcher «The New Yorker» ist, oder ob es sich gar um das «Reportagen» Magazin handelt? Zu lange Texte für eine täglich erscheinende Zeitung, das geht nicht. Ich brauche News, Fakten und Einordnung. Und keine Journalisten, die für Journalisten schreiben.

Zu viele Schreiberlinge?

Auch themenmässig fiel es mir manchmal schwer, deine mir vorgelegte Auswahl an Texten und ihr Timing nachzuvollziehen. Kann es sein, dass dies damit zusammenhängt, dass du zu viele Schreiberlinge in deinen Diensten hast? Und du nicht mehr weisst wohin mit all den eingereichten Inputs und Texten?

Sowieso, beim Personal finde ich, könntest du auch neuen Köpfen mehr Platz bieten. Mit neu meine ich nicht nur Leute, die von privaten Verlagen zu dir wechseln, oder zuvor gar bei der nationalen Sendeanstalt SRG in der Chefetage walteten. Sicher, man kennt sich in der Branche und du brauchst Aushängeschilder. Doch bei der Video-Gesprächsreihe «An der Bar» hättest du vielleicht auch mal einem neuen, unverbrauchten Gesicht die Chance geben dürfen?

Auch was die Inhalte betrifft, so roch mir das Ganze vielmals zu sehr nach Wohlfühljournalismus. Das Porträt «Ueli der Staatsmann» steht exemplarisch für diese doch eher konformistische Grundhaltung, die ich aus der «Republik» herauslese.

Sicher, man kennt sich in der Branche und du brauchst Aushängeschilder. Doch bei der Video-Gesprächsreihe «An der Bar» hättest du vielleicht auch mal einem neuen, unverbrauchten Gesicht die Chance geben dürfen?

Und manchmal, da bin ich auch einfach nur perplex. Wenn man mir als «Verleger» einen aus dem Englischen übersetzten Text vorlegt, so frage ich mich schon, ob sich die jährliche Investition von 240 Franken lohnt. (Und noch mehr, wenn ein Text andernorts bereits auf Deutsch erschienen ist…)

Warum kannst du mir nicht einfach einen Artikel empfehlen? Du findest ja im Internet statt, da kann man auch verlinken. Denn ich nehme mal an, die meisten «Republik»-Leser sind dem Englischen mächtig. Wie wärs zum Beispiel mit einer Rubrik «Empfehlungen der Redaktion»?

Das Problem mit der Restauration

Die «Helvetische Republik» ging 1803 in der Mediation auf. Darauf folgte 1814 bis 1830 die Zeit der Restauration. Eine Zeit also, wo die reaktionären Kräfte wieder Überhand gewannen. Bitte, liebe «Republik», greife in deinen redaktionellen Entscheidungen nicht der Restauration vor. Mach also nicht was alle anderen bereits tun, in dem du vor allem Wohlfühljournalismus für Journalisten machst. Sondern konzentriere dich auf das, was du kannst: hervorragende investigative Recherchen.

Du brauchst Fokus. Und wie es Rainer Stadler schreibt: «verachte nicht die «Langweiler», die seriös, aber unspektakulär die Weltlage reflektieren.»
Weniger Pathos und mehr journalistisches Handwerk mit allem was dazu gehört sind gefragt. Werde also deiner selbstauferlegten Rolle gerecht, als Verteidiger der Vierten Gewalt.

Deinem Versprechen der Erneuerung und des Non-Konformismus bist du im ersten Jahr nicht wirklich gerecht worden. Zu sehr orientierst du dich am üblichen (Schweizer) Medienbetrieb.
Darum habe ich entschieden, mein Abo zu kündigen. Ich wünsche dir alles Gute und hoffe, dich nach deiner Selbstfindungsphase — der Mediation — wieder zu abonnieren. Als top investigatives Recherchemagazin; und ohne Restauration.

Bis dahin wünsche ich dir alles Gute und viel Erfolg

Dein Ex-Verleger #1258