Diese Frau trotzt dem Wahnsinn unserer Zeit

Stählerne Heldin: In South Dakota steht Dignity. Sie verkörpert Tapferkeit und den Mut zur Würde, den wir so dringend brauchen

Dignity: Heldin unserer Zeit (Bild: Marco Brunner)

Täglich fahren Tausende an ihr vorbei: Suchende und Flüchtende, Verliebte und Verbitterte, Glückspilze und Glücksritter. Alle hastig den Verheissungen des «Wilden Westens» folgend.

Gelassen schaut sie dieser blechernen Karawane aus Getriebenen und Vertriebenen hinterher. Stoisch trotzt sie Wind, Schnee und Regen. An einer Raststätte der Interstate 90 stehend. Am Ufer des Missouri River, inmitten der Great Plains, den grossen, weiten Prärieebenen zwischen Rocky Mountains und dem Mississippi. Getauft wurde sie auf den Namen Dignity: die Würde.

Im postheroischen Zeitalter, in dem die Maschinerie des Technologischen und Kommerziellen unsere Köpfe und Herzen unaufhaltsam zu kolonisieren droht, ist sie Symbol für die Résistance.

Die Last der Geschichte in sich tragend, schaut sie erhaben und zuversichtlich in die Ferne. Seit bald drei Jahren wacht sie hier und huldigt den Lakota und Dakota. Diesen beinahe exterminierten indigenen Völkern, die der Sozialpsychologe Erich Fromm einst in seinem Werk «Anatomie der menschlichen Destruktivität», den Nichtdestruktiv-aggressiven Gesellschaften zuordnete.

In ihren Augen funkeln weder Zorn noch Rache

Dignity ist zeitlos. Sie weiss um die brutale Vernichtung vieler ihrer Vorfahren und um den unwürdigen Zustand in dem deren Nachkommen heute leben. Sie hörte von der Ausrottung der Bison und von den startklaren Atomraketen in den heiligen Badlands, die dort im Kalten Krieg für das Gleichgewicht des Schreckens sorgten. Doch diesen Wahnsinn der Geschichte und den Wahnsinn unserer Zeit, erwidert sie mit Selbstachtung und Würde.

Gelassen schaut sie dieser blechernen Karawane aus Getriebenen und Vertriebenen hinterher. Stoisch trotzt sie Wind, Schnee und Regen.

In ihren Augen funkeln weder Zorn noch Rache. Geltungsbedürftigen pathologischen Narzissten und Trollen entgegnet sie mit stoischer Gelassenheit. Statt um Fassung ringend, strahlt sie innere Kraft und Ruhe aus. Sie weiss was richtig ist, was falsch. Sie weiss was sich gehört, und was nicht. Sie schürt keinen Hass. Sie ist Vorbild.

Denn Dignity ist kein Influencer, der sich für an kurzfristigem Gewinn orientierte Konzerne prostituiert. Sie ist integer, unkorrumpierbar. Sie braucht weder den nächsten Kick, noch den nächsten Klick.

Raststätte nahe Chamberlain, South Dakota (Bild: Marco Brunner)

Im postheroischen Zeitalter, in dem die Maschinerie des Technologischen und Kommerziellen unsere Köpfe und Herzen unaufhaltsam zu kolonisieren droht, ist sie Symbol für die Résistance. Für den Widerstand gegen die völlige Entzauberung der Welt. Für den Widerstand gegen die destruktiven Kräfte des Kapitalismus. Für den Widerstand gegen den Wahnsinn und die Barbarei der Moderne.

Auf dem Highway to Hell bitte den Exit nicht verpassen

Dignity lädt uns ein, innezuhalten. Zu rasten, statt zu hasten. Und vor allem ermuntert sie uns, auf der Autobahn der Geschichte die Ausfahrt nicht zu verpassen. Wachsam zu bleiben und das Steuer nicht aus der Hand zu geben. Sie fordert Tapferkeit und Mut.

Und sie fordert, den Opfern der Geschichte ihre Würde zurückzugeben. Den Toten von Christchurch, Paris, Oslo und Utoya, Las Vegas, Charleston, Pittsburgh, Brüssel, Orlando, Nizza, Syrien, Irak, Afghanistan, im Mittelmeer, Columbine, Ruanda, Israel, Palästina, Südafrika, Vietnam, Algerien, Hiroshima, Auschwitz, Belmont Plantation, Wounded Knee und den vielen anderen. Für die Würde all dieser Opfer, ihren Hinterbliebenen und Nachfahren steht Dignity auch ein.

Dignity of Earth and Sky (Bild: Marco Brunner)