Die Einkaufshilfe

Für Menschen mit geistiger Behinderung birgt der alltägliche Lebensmitteleinkauf viele Hürden. Marc Steffen hat im Rahmen seines Master-Studiums in Design an der Zürcher Hochschule der Künste einen Prototyp einer App entwickelt, die Menschen mit kognitiven Einschränkungen den Einkauf erleichtert — ein wichtiger Schritt in Richtung Selbständigkeit.

Wenn man nicht lesen kann, Mühe hat, Verpackungen auseinanderzuhalten, oder sich Produktnummern für das Abwägen von Früchten und Gemüse nur schwer merken kann, ist Einkaufen eine Herkulesaufgabe. Als Design-Student mit beruflicher Erfahrung aus dem Detailhandel hat sich Marc Steffen dazu entschieden, Menschen mit kognitiven Einschränkungen bei dieser Aufgabe zu unterstützen: «Carefree Shopping» heisst seine App.

Für sein Master-Projekt hat Marc Steffen den Hauswirtschaftsunterricht an heilpädagogischen Schulen beobachtet. Dabei hat er unter anderem festgestellt, dass das Vorbereiten der Einkaufslisten eine sehr zweitaufwendige Angelegenheit ist. Für ein Rezept mit Tomaten sucht die Lehrerin etwa im Vorfeld ein Bild einer Tomate, schneidet es aus und laminiert es. Soll ein Schüler acht Tomaten kaufen, nimmt er das laminierte Kärtchen mit einem Post-it mit dem Vermerk «8» mit in den Laden. «Das muss einfacher gehen», dachte sich der Interaction Designer und hat die Abbildungen in den verwendeten Kochbüchern um Sticker mit aufgedruckten QR-Codes ergänzt. Nach erfolgter Menüwahl und dem Scan des entsprechenden Codes mit der Kamera des Mobiltelefons übersetzt die App das Menü in eine visuelle Einkaufsliste. Denn mit Smartphones und Touchscreens können dank intuitiver Führung auch Menschen mit geistiger Behinderung gut umgehen.

Im Laden selbst werden die Nutzer von der App beispielsweise so unterstützt, dass jede Tomate, die sie einkaufen müssen, einzeln auf dem Bildschirm erscheint und abgehakt werden kann. Zudem lassen sich Produkte dank einer integrierten Scanfunktion über die Strichcodes auf den Verpackungen verifizieren. So entsteht keine Unsicherheit, die ohne Unterstützung durch die App oft dazu führt, dass mit dem Abzählen noch einmal von vorne begonnen wird oder falsche Produkte eingekauft werden.

Sponsor gesucht

Um seine Ideen zu optimieren, hat Marc Steffen vor allem mit dem 17-jährigen Ardit zusammengearbeitet, der grossen Spass am Thema hatte. Die Entwicklung der App war für ihn ein Erfolgserlebnis. Auch die Heilpädagoginnen und Heilpädagogen zeigten sich vom Resultat überzeugt: «Genau das brauchen wir!», hat Marc Steffen mehr als einmal gehört. Um die App im heilpädagogischen Alltag breit einzusetzen, fehlen momentan die finanziellen Mittel, die eine weitere Ausgestaltung und Implementierung der App erlauben würden. Auch Marc Steffen bedauert dies. Inzwischen arbeitet er bei der Swisscom als Berater und Forscher im Bereich «Human Centered Design».

So geht Ardit einstweilen wieder mit laminierten Kärtchen einkaufen und hofft, dass sich ein grosszügiger Sponsor für das Projekt findet. Weil auch er eines Tages selbständig einkaufen möchte.


Dieser Artikel wurde von Isabelle Vloemans verfasst und erschien am 15. September 2013 erstmals im NZZ Campus (). Die Bilder stammen von Patrick Lanz.