Schalke 04 in 2017: Wo ist die “Tradition” im Traditionsclub?

Zu meiner Erstkommunion am 26. Mai 2001 bekam ich von meinem Opa aus Bottrop-Kirchhellen ein Mini-Radio mit Ohr-Stöpseln geschenkt. In der Zeit vor iPods, digitaler Musik oder Smartphones war das echt krass cool. Schon zum Ende der Kommunions-Messe stöpselte ich dann verstohlen den linken Hörer ins Ohr: Schalkes Aufstellung für das DFB-Pokal Finale gegen Union Berlin wurde gerade verkündet. Der Rest ist Geschichte — Schalke gewann den ersten Titel an den ich mich erinnern kann, und auch ich schloss meine Kommunion erfolgreich ab.

Warum diese seltsame Geschichte?

Weil wir alle solch verrückte Geschichten zum Thema Schalke haben. Das ist eben kein normaler Verein. Meine Schulfreunde aus meiner Kindheit in Hamburg verstehen das leider nicht: schließlich sind sie „nur“ HSV oder Bayern Fans.

Wir Schalker waren schon immer anders — stolz anders. Schalke lebt von einer Leidenschaft, wobei in den letzten Jahren der Fokus oft auf „Leiden“ lag. Trotz verpasster Champions-League Qualifikation, verpasster Europa-League Qualifikation, verpassten Titeln und den schmerzvollen Abschieden von Manuel, Julian, Joel, Leroy und Seo: wir blieben immer stolz. Warum auch nicht? Wir waren uns sicher: nur der S04 ist authentisch, prinzipientreu, Fan-nah und auf Kohle geboren.

Ein Junge aus Haltern

In 2001 — dem gleichen Jahr in dem ich meine Erstkommunion absolvierte, Schalke 4 Minuten Meister war, wir den DFB Pokal in den Berliner Himmel reckten und die Veltins Area eröffnet wurde — betrat ein großer, schmächtiger, blonder Junge aus Haltern das erste Mal Schalkes Vereins-Gelände. Sein Name? Benedikt Höwedes.

Der ehemalige Leiter der Knappenschmiede, Oliver Ruhnert, sagte mal, dass Benes Talent erst spät von Norbert Elgert erkannt wurde. Bene war solide aber nicht auffällig — er ragte erst heraus, als klar war, dass er als Innenverteidiger wenig bis null Fehler macht.

Elgert betont bis heute auch gerne, dass Bene charakterlich einwandfrei ist — ein leises Mentalitätsmonster das andere Spieler mitzieht und sich voll mit Schalke identifiziert. Und so kam es, dass Bene oft zur richtigen Zeit am richtigen Ort war: z.B. 2006, als er mit Schalkes U19 mit Mesut und Ralf den großen FC Bayern 2:1 schlug und A-Jugend Meister wurde. Oder 2009, als er mit Manuel und Mesut England 4:0 besiegte und U21-Europameister wurde.

2011 steuerte er im pinken Ausweichtrikot sogar das 3:0 Tor zum 5:0 Sieg gegen MSV Duisburg bei. Als frischgebackener DFB-Pokal Sieger durfte Höwedes sich danach auch noch über das Schalker Kapitänsamt freuen — schliesslich ging sein guter Freund Manuel Neuer in dem Sommer zu Bayern. Nicht zu vergessen der legendäre, Latten-erschütternde Kopfball von Bene im Sommer 2014: diese Chance hätte Deutschland fast das 1:0 gegen Argentinien beschert. Auch egal, Benedikt wurde trotzdem Weltmeister.

Und nun?

Es ist nicht allzu lange her, dass dieser Junge aus Haltern sagte, ein Titel mit Schalke wäre tausendmal schöner als Meister mit Bayern zu werden. Es ist nicht allzu lange her, dass der große Blondschopf sein Autogramm auf einen Vertrag bis 2020 kritzelte. Damals saßen übrigens noch Breitenreiter und Heldt neben ihm und lächelten stolz in die Kameras.

Als Benedikt meinen Lieblingsverein das erste Mal betrat, war ich acht Jahre jung. Als Benedikt meinen Lieblingsverein das erste Mal betrat, war die Veltins Arena nagelneu — genau wie der Schmerz, die Meisterschaft mal wieder verpasst zu haben.

Jetzt geht er also. Nach Manuel Neuer, dessen Eckfahnen-Jubel gegen Bayern uns Fans ja auch mal Hoffnung gab, dass er für immer bleibt. Nach Julian Draxler, dessen fulminanter Siegtreffer gegen Nürnberg im Alter von 17 Jahren mir für immer in Erinnerung bleiben wird. Nach Leroy Sane — der nur kurz bei uns war, aber mit seinen Tempo-Dribblings über 70 Meter die Arena zum raunen brachte.

Was bleibt?

Wir, natürlich! Wir Fans. Das „Leiden“ und die „Leidenschaft.“ Der junge Trainer Domenico Tedesco — dem wir alle mal das Vertrauen schenken sollten. „Tradition“ kann viele Gesichter haben. Für mich personifiziert diese Schalke Tradition mehr als alle anderen Norbert Elgert — der größte Knappenschmied den wir haben. Er schliff 4 Weltmeister von 2014, formte auch neue Hoffnungsträger wie Thilo Kehrer.

Benes Abschied ist bitter — das Schalker Herz blutet. Als lebenslanger Fan von Königsblau, kann ich nur hoffen, dass wir bald mal wieder einen Titel feiern können, und Bene dann bereut, dass er nicht mehr dabei ist.

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