Hybride Räume zwischen Dorf und Stadt

In der Schweiz lebt heute nur noch rund ein Viertel der Bevölkerung im ländlichen Raum, vor zweihundert Jahren waren es noch 97%. Selber in einem mittelgrossen Dorf im Oberaargau aufgewachsen, habe ich mich schon oft gefragt, was mich abgesehen von meinen Eltern, die nach wie vor in diesem Dorf leben, noch mit meiner alten Heimat verbindet, denn zurück zu kehren kann ich mir unter keinen Umständen vorstellen, zu sehr schätze ich die Vorzüge des Lebens in der Stadt. Nicht nur meine individuelle, sondern auch die kollektive Zukunft scheint sich im urbanen Raum abzuspielen. «Wir sind in das Jahrtausend der Städte eingetreten.» Liess Kofi Annan, der damalige Generalsekretär der Vereinten Nationen im Jahr 2000 anlässlich seiner Rede zur Weltkonferenz URBAN 21 verlauten. Statistiken belegen: Weltweit leben immer mehr Menschen in Städten. Wenn man den Analysen gewisser Autoren, wie beispielsweise denen der 2006 erschienen Publikation «Die Schweiz ein Städtebauliches Porträt» folgt, welche das Bild einer vollständig urbanisierten Schweiz zeichnen, gewinnt man den Eindruck, dass Ländlichkeit heute zunehmend eine marginale Rolle spielt. Die Rede von Urbanisierung und Wachstum des städtischen Raums ist hingegen allgegenwärtig. 
Trotz dem Wachstum des städtischen Raumes und der Urbanisierung ist das ländliche Element in unserer Gesellschaft immer noch stark vertreten. Das Leben auf dem Land und das Dorf sind Sehnsuchtsorte geworden, die verbunden sind mit Jugenderinnerungen, die Wärme ausstrahlen und Wehmut anklingen lassen. In unseren Köpfen verbinden wir Ländlichkeit mit Provinzialität, Tradition, Naturnähe, Ursprünglichkeit, soziale Nähe und Kontrolle, Bauern, Kühe, Vereine, Feste, Märkte, usw.. In der Werbung, in Tourismusprospekten, auf Postkarten, in Fernsehsendungen und in Zeitschriften wie «Landliebe« oder «Landlust» wird ein idyllisiertes Bild von Land vermittelt, das romantisierenden Bilderbuchvorstellungen aus längst vergangen Zeiten entstamm. Das Bild der Ländlichkeit, das dabei herbei gezogen wird, orientiert sich nicht an der sozialen und gebauten Realität heutiger Dörfer, die seit den 1950er Jahren einen starken Transformationsprozess durchliefen, welcher eine Abkehr von der Agrarwirtschaft, ein Bevölkerungswachstum und als Folge der steigenden Mobilität eine zunehmende Verflechtung mit dem städtischen Raum zur Folge hatte. Stadt und Land sind also nicht länger zwei Pole. Während viele Dörfer längst urbanisiert sind, ihre Bewohner in Städte und Agglomerationen pendeln um dort zu arbeiten und erst am Abend wieder ins Dorf zurück kehren, kann interessanterweise gleichzeitig in Städten heute ein Trend zur Wertschätzung von ländlichen Werten, Praktiken und Produkten beobachtet werden. Hier kehren sogar ländliche Lebensformen als «Zukunftsmodelle» zurück. Beispiele dafür sind Mehrgenerationenhäuser, Urban-Gardening-Projekte oder die urbane Bienenzucht. Während auf dem Land traditionelle ländliche Qualitäten wie Gemeinschaft, Ortsgebundenheit, lokale Produktion und harmonische Beziehung zur Natur scheinbar verloren gehen, ohne dass dabei neue entwickelt würden, wird in einigen städtischen Quartieren Ländlichkeit auf das urbanen Umfeld adaptiert. 
Durch die zunehmende Urbanisierung und Vernetzung des ländlichen Raumes und das gleichzeitige Auftreten von ruralen Elementen in Städten wird ursprünglich Rurales mit ursprünglich Urbanem in hybriden Räumen verschränkt. Das vormals Städtische verbindet sich mit dem vormals Ländlichen zu einem patchworkartigen Nebeneinander. Wo gehen Stadt und Land neuartige produktive Verbindungen für die Zukunft ein und wie lassen sich diese für die Gestaltung von öffentlichen Räumen nutzen?

Eine visuelle Unteruchung von öffentlichen Räumen 
In meiner Arbeit möchte ich mit bildbasierten Forschungsmethoden den öffentlichen Raum von einem Dorf und einem Stadtquartier anhand von verschiedenen Untersuchungskategorien analysieren. Ein besonderer Fokus soll dabei auf öffentliche Plätze gelegt werden. Der Dorfplatz, der Stadtpark, der öffentliche Parkplatz, der Spielplatz und die ungenutzte Fläche, sie alle sind Teil des gemeinschaftlich genutzten Raumes. Der öffentliche Raum ist Begegnungs- sowie Durchgangsort und hat als Bindeglied zum privaten Raum eine hohe Bedeutung für den sozialen Zusammenhalt. Der öffentliche Raum ist das Gesicht eines Ortes und prägt im wesentlichen seine Identität. Ist er nicht belebt, besteht die Gefahr, dass er sich zur «Schlaf- oder Pendlergemeinde beziehungsweise -Quartier» entwickelt. Mit Sicherheit wird in den kommenden Jahren in Dörfern im Zuge der neuen Verdichtungsstrategie an Wichtigkeit gewinnen und auch in Städten ist das Bewusstsein für die Wichtigkeit für die Gestaltung von öffentlichen Plätzen gewachsen. In Bern gibt es beispielsweise im Moment einige laufende Projekte in diese Richtung. Die Neugestaltung von Eiger- und Breitenrainplatz haben die Aufwertung dieser Plätze vom reinen Verkehrsknoten- und Durchgangsort zur Begegnungszone zum Ziel. Die visuelle Untersuchung soll eine Bestandsaufnahme sein, auf Grund derer Aussagen über die Qualität von öffentlichen Räumen im Dorf und im Stadtquartier gemacht werden kann.

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