Die AfD und die wehrlose Made

Ein Miniessay zum Dilemma der Liberalen

Martin Krohs
Sep 9, 2018 · 3 min read

Vielleicht muss man akzeptieren, dass es zwei Möglichkeiten gibt, gegen die AfD vorzugehen (wobei ich selbst die zweite, unpopulärere bevorzuge). Grob gesagt:

1. sie bekämpfen
2. sie machen lassen.

Bekämpfen muss man sie wegen ihrer politischen Vulgarität, weil sie die Institutionen unterhöhlt, weil sie vom rechten Rand durchsetzt ist — eigentlich liegt das auf der Hand. Das Problem ist, dass jede Bekämpfung sie nur stärker macht, denn die AfD bezieht ihre Energie aus dem Opferstatus — eben daraus, bekämpft zu werden.

Machen lassen muss man sie, weil sie ein tatsächlich bestehendes Elektorat repräsentiert, weil sie im Rahmen des Grundgesetzes agiert und vor allem: weil sie, als monothematische Anti-Migrations-Partei, nur dadurch entzaubert werden kann, dass sie mit der ganzen Breite der politischen Wirklichkeit kollidiert (wobei sie kollabiert: siehe Gauland-Interview). Problem in diesem Fall: Man muss die AfD machen lassen.

Beide Optionen haben also massive Nachteile, beide sind letztlich untauglich. Die erste ist untauglich, weil man, anstatt die AfD loszuwerden, nur noch eine stärkere AfD heranzüchtet: Man nährt den Gegner mit den Hieben, die man selbst ihm beibringt. Und die zweite ist untauglich, weil der Gegner agitieren kann und den politisch-zivilisatorischen status quo demolieren, wie es ihm gefällt. Man erhält also so oder so im Ergebnis: mehr AfD.

Ein Dilemma. Und das ist der entscheidende Punkt. Die AfD zwingt die liberale Gesellschaft ins Paradox. Und das tut nicht nur die AfD, sondern zum Beispiel auch der Kreml (Sanktionen machen ihn stark, nicht zu sanktionieren ebenfalls).

Was für gemeine Kräfte von rechts, die mit ihren schwarzen langen Fingern paradoxe Sprengfallen in unser friedliches Gemeinwesen hineinbugsieren wie die Schlupfwespe ihr Ei in die wehrlose Made!

Wie man es sieht. Der eigentliche Feind der liberalen Welt ist nicht der fiese illiberale Rechte, sondern das Paradox selbst.

Und wenn man verhindern will, dass all die Putins, Gaulands, Le Pens und Trumps (oh, zu spät) hier bei uns das Ruder übernehmen, dann muss man aufhören, auf sie zu starren wie das Kaninchen auf die Schlange. Dann muss man statt dessen dem Paradox in die Augen schauen. Und sich fragen: Wie kann man es knacken?

Da ich bei der unmöglichen Wahl zwischen 1. und 2. (oben) immer noch 2. bevorzuge (denn Strategie scheint mir in einer Krisensituation wirkungsvoller als Idealismus), wäre mein Vorschlag: auf andere Themengebiete locken als die der Migration — nicht dämonisieren — vor allem: diejenigen AfD-Wähler politisch integrieren, die eigentlich einfach bürgerlich-konservativ sind und nicht illiberal-rechtsextrem (das beste dazu wäre: eine neue Partei). Aber mir ist klar, dass die Lösung 1 immer auch parallel dazu praktiziert werden wird, was ja eigentlich auch richtig ist. Da man aber schlecht die AfD machen lassen kann, während man die AfD bekämpft (oder umgekehrt), entsteht hier eben wieder nur ein Paradox.

Und selbst, wenn es tatsächlich gelingen sollte, beide Massnahmen in eine prekäre Balance zu bringen und so die AfD einzudämmen: Auch das ist nur Akuthilfe, keine langfristige Lösung. Die Tatsache, dass die liberale Welt von Dilemmata durchlöchert wird (was die Kräfte mit den langen schwarzen Fingern geschickt nutzen: unsere Verletzlichkeit), ändert sie nicht. Das müssen wir selber tun. Gut möglich, dass uns da ziemlich was bevorsteht.

    Martin Krohs

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