Außer Kontrolle

Ob es in Ordnung wäre, wenn das Meeting gefilmt wird, wollte Joe* wissen. Etwas komisch war mir schon zumute, aber die fordernden Blicke der anderen Facebook-Mitarbeiter am Tisch ließen kaum eine andere Wahl. Die Frage nach dem Warum wurde nur ausweichend beantwortet, Schulungszwecke und so. Auf mich wirkte das Filmen dagegen eher wie Kontrolle: über die eigenen Mitarbeiter und die geladenen Gäste.

Wer schon einmal zu Facebook eingeladen war, kennt das umfangreiche Prozedere, mit dem Facebook sicherstellt, dass nichts von dem, was man in den Büros sieht und hört, nach Außen sickert. Das Filmen des Meetings erschien mir somit wie eine permanente Erinnerung daran, dass man unter Beobachtung steht.

Was sich hier in einer konkreten Situation zeigte, gehört zu Facebooks wichtigsten Leitideen: Kontrolle über Informationen ausüben. Und während Facebook aus mindestens 98 verschiedenen Daten Informationen über dich zusammenstellt — etwa „ethnische Zugehörigkeit“, „Hausgröße in Quadratmeter“, „Nutzer, die sich wahrscheinlich politisch betätigen“ — agiert Facebook selbst weitgehend ohne Kontrolle. Einige Beispiele:

# Kontrolle über die Zahlen
Facebooks Erfolg basiert darauf, dass sie unvorstellbare Zahlen vorlegen. Zahlen über registrierte Nutzer, über erzielte Reichweiten, über Likes, Comments und Shares. Anhand dieser Zahlen bemisst sich der Wert von Werbeanzeigen, die auf Facebook geschaltet werden können. Das hiermit verdiente Geld ist Grundlage für die fantastische Bewertung von Facebook selbst. Das Problem: Keine externe Instanz auf der ganzen Welt kann diese Zahlen kontrollieren. Während traditionelle Unternehmen in ihren Bilanzen aufzeigen müssen, wie ihre Zahlen zustande kommen — egal ob Industrie oder Banken — kann keiner die von Facebook dargestellten Zahlen einer Überprüfung unterziehen.

# Kontrolle über journalistische Anfragen
Wer als Journalist versucht, von Facebook eine Antwort auf eine Frage zu erhalten, der kennt das: In aller Regel werden von der für die PR in Deutschland zuständigen Agentur die Fragen abgewiesen. Das stünde in den AGBs, das könne man im offiziellen Blogpost zum Thema nachlesen, dazu werde man sich nicht äußern. Presseanfragen führen mit allergrößter Wahrscheinlichkeit ins Leere. Wer hingegen auf Facebook Werbung schalten möchte, findet garantiert direkt einen Ansprechpartner.

# Kontrolle über Nutzerdaten
Für den Nutzer ist es trotz einiger Charme-Offensiven in keiner Weise möglich, wirklich vollumfänglich zu verstehen, welche Daten Facebook erhebt. Transparenz ist an dieser Stelle nicht gegeben. Die Seiten, die Facebook eingerichtet hat, um den Nutzer ein Stück weit mehr darüber aufzuklären, was Facebook alles über ihn weiß, bleiben oberflächlich.

# Kontrolle über den News Feed
Auch wie Facebook Inhalte im News Feed sortiert und gewichtet, kann nur sehr vage nachvollzogen werden. Wenn Facebook aber zu so einer dominanten Institution im Meinungsbildungsprozess wird, dann wäre es schon enorm wichtig vollumfänglich zu verstehen, wie Facebook Informationen filtert.

# Kontrolle über Rechtsauskünfte
Nach Aussagen des Verfassungsrechtlers Ulf Buermeyer entzieht sich all das, was Facebook tut, einer demokratischen Kontrolle. Vielmehr habe Facebook eine Art Privatrecht installiert. Es sei aber nicht erklärbar, warum bei Facebook zwar nach deutschem Recht Werbung verkauft werden könne, aber etwa bei Fragen der Strafverfolgung nur nach Gutdünken kooperiert würde.

Wer Informationen kontrolliert, kontrolliert am Ende auch dich

Facebook selbst sieht sich als Technologie-Konzern — und wird nicht müde, das immer wieder zu betonen. Für mein Dafürhalten ist diese Einschätzung aus taktischen Gründen bewusst etwas zu nüchtern gewählt. Vielmehr erleben wir hier mit Blick auf all das, was Facebook auszeichnet, unter Umständen die Anfänge einer neuen Ära. Eine Zeit, die geprägt sein könnte von global agierenden Super-Kräften. Privatpersonen und Nationalstaaten sind diesen neuen Herausforderungen in vielerlei Hinsicht nicht gewachsen, wie in diesem Text wunderbar dargestellt wird: The New World Order Is Ruled By Global Corporations — Not Countries.


Hi, mein Name ist Martin Giesler. Ich blogge über Social Media, Journalismus, Technologie und Gesellschaft. Wer mag, folgt mir auf Twitter, abonniert meinen Newsletter oder folgt meiner Publikation direkt hier auf Medium: medium.com/martingiesler.


[*Der Name wurde von mir aus Datenschutzgründen geändert.]

One clap, two clap, three clap, forty?

By clapping more or less, you can signal to us which stories really stand out.