Brexit, myGovernment und “too big to fail”
Jan Böhmermann hat es im Vorfeld parodiert, die taz rief zum Boykott des Älterwerdens auf und nun schüttelt die ganze Welt den Kopf über die britische Unfähigkeit sich auf gesellschaftlicher Ebene dem 21sten Jahrhundert zu stellen — ein Kopfschütteln über den Ausgang des Brexit-Referendums. Bei allen drei Geschichten sehe ich eine gemeinsame Ursache: das Unverständnis einer großen Menschenmenge über den Fortschritt in mittlerweile allen Lebensbereichen.
Häh — wie jetzt??? — ging es dabei nicht um die zentralistische Bürokratie-Diktatur der Europäischen Union?
Tja, Recht haben sie irgendwie alle. Ich finde mich in einer Welt wieder, in der Bananen und Gurken einen vorgeschriebenen Krümmungsradius haben müssen um verkauft zu werden. Eine Welt, die es erlaubt den Übergang zu effizienteren Beleuchtungssystemen (Stichwort Glühbirnenverbot) mit Investitionsschutz für träge Großkonzerne zu verbinden. Eine Welt, in der es eine Vorschrift gibt, wie der Darm auf öffentlichen Toiletten zu entleeren ist — ach nein, zu früh geschockt, das gibts nur in Sachsen-Anhalt. Eine Welt, die es Onlinemarktplätzen erlaubt ihren Kunden Zahlungssysteme anzubieten, mit denen ich vom ersten Einkauf an ohne Unterschrift (sehr wohl aber mit abgestufter Legitimation) bezahlen kann. Eine Welt in der ich meine Steuern nicht so einfach bezahlen kann wie bei Amazon — die könnte ja dann jeder einfach so bezahlen.
Regulierung hat auch ihre guten Seiten. Man erkennt sie nur nicht mehr, oder mag sich nicht mehr daran erinnern. Vielleicht überlegt sich der ein oder andere ja mal, WANN diese Regularien ins Leben gerufen wurden. Wenn ich mich richtig an den Geschichtsunterricht erinnere und an das Uni-Modul Makroökonomie (unser lieber Prof war einerseits faul und hat überwiegend Multiple Choise Aufgaben in der Klausur gestellt, dafür aber auch auf die in dem verlinkten Artikel kritisierte Dumm-Rechnerei verzichtet), so entstehen Gesetze, Normen und Regularien jedesmal dann, wenn sich mindestens 2 Parteien nicht einigen können und wenn von der Vereinheitlichung der Vorgehensweise bei Standardsituationen auch andere profitieren können.
Profit? Woher? Na, aus der Ersparnis der Zeit, die für diese Kleinscheiß-Abstimmungen drauf gehen. Oder ist hier jemand streitlustig? Oder wollt ihr bei jeder Standardsituationneu darüber nachdenken, wie man vorzugehen hat? Dann trainiert halt keine Freistöße und Eckbälle mehr…
Doch wie sehen solche Regeln aus, an die wir uns alle vermeintlich halten sollen, bis ein Streitfall unseren Compliance-Horizont erweitert? Wer erstellt sie? Vor einigen tausend Jahren haben einige Herrschaften in weißen Roben hierfür ein System entwickelt: die Demokratie. Ein System, das auf mehrheitlichem Konsens basiert und sicherstellt, dass zumindest der Mehrheit der Bedürfnisse einer Gruppe (bzw. eines Volkes) Genüge getan wird. Und die Masse liegt immer richtig? Die Masse hat immer Recht? Ist die eine größere Masse immer schlauer als die kleinere? Too Big to Fail?
Doch selbst der größte Teil eines Systems kann mit seiner Meinung schwer daneben liegen. Der wohl größte Einzelteilnehmer des Systems “Deutsche Bahn”, sein Chef Rüdiger Grube, wettete noch am Tag der Brexit Abstimmung gegen den Austritt (Quelle: DB Mobilitätssymposium 2016, Video wird ab Verfügbarkeit nachgeliefert). Viele Andere waren ebenso seiner Meinung. Wie sehr daneben auch die vermeintlich ganz Großen liegen können, wie sehr daneben die große Masse liegen kann, dem müssen wir gerade weinenden Auges zuschauen. #FuckBrexit
Ob es also nun Gesetze EINES Staates sind, Aussagen EINES Konzernchefs, der Wille EINER Mehrheit — wir wissen um die Alternativen von zentralisierten Demokratien. Es sind ihre Vergangenheiten, ihre Ursprünge…Diktaturen, Fremdbestimmung, der Wille Einzelner, das letztendlich gewaltsame Auferlegen von Verhaltensvorschriften und die Vermeidung von Konsens.
Ich bin noch keine 68, habe noch nicht genug gearbeitet um mir ein bequemes Leben außerhalb jeder kapitalistischer Gesellschaft leisten zu können und ich habe auf absehbare Zeit keine Kinder die mich von all diesem Murks da draußen ablenken könnten (außer wenn Männer Kinder kriegen können xD). Und einen Rückschritt in Diktaturen will außer der AfD sicher auch niemand. Eine zentralistische, kleinteilige Bürokratisierung so ziemlich jeden Lebensbereiches als Reaktion auf jedes kleine #MiMiMiMiMi ist ebenfalls kein sehr attraktives Modell zur Steuerung einer Gesellschaft. Außer du hast Spaß am Befolgen der Vorschrift zur richtigen Darmentleerung…
Wie kommen wir da jetzt weiter?
Ironischerweise sind es die Handbücher für “die” da oben, die einen möglichen Weg aufzeigen. Gemeint sind Managementhandbücher und mittlerweile selbst drittklassige Organisationstheorien, die den höchsten Reifegrad genau einer Organisationsform zuschreiben: der Matrixorganisation. Diese Methoden skizzieren zwar nur ganz abstrakt, wie man zu einer Organisation mit stark reduzierter zentraler Steuerung kommen kann. Doch sie zeigen auch die Vorteile auf: Was immer dein persönlicher Bedarf für deine Arbeit ist — du sollst flexibel auf jede (Unter-)Einheit in der Organisation zugehen können, ohne lästige Umwege über Führungsetagen. Ohne zentrale Steuerung von “denen” von oben herab. Jeder Bereich ist mit der Kompetenz und dem Handlungsspielraum ausgestattet, den er zur Zielerreichung benötigt. Die einzelnen Einheiten steuern sich großenteils selbst.
AHHHH…doch nicht etwa Anarchie?
Ganz und gar nicht. Um erst einmal dort hin zu kommen, kann man nicht einfach dort einsteigen. Alle weniger “reifen” Formen von Organisation sollte man schon durchlebt haben, alle notwendigen Hürden (Leadership, Autonomy, Control, Bureaucracy) zum Erreichen des nächsten Reifegrades bereits überwunden und vor allem: die letzte und größte Hürde “Bürokratie” wird als Basis zum flexiblen Zusammenleben und Arbeiten angesehen, als Herausforderung sie für sich selbst nutzbar zu machen, und nicht als unumstößliche Wand.
Ja, aber…
Genau! Es wird in jeder noch so flexiblen Form des Zusammenlebens auch Menschen geben, die eine solche Flexibilität nicht gebrauchen können. Ob sie selber gerade ein Haus bauen, Kinder kriegen, Krankheiten bewältigen müssen oder einfach keinen Bock haben ihre eigene Birne anzustrengen. Im Jahr 1784 sah Immanuel Kant dieses Unvermögen (bezogen auf Faulheit und Feigheit) noch als Ursache für die Entstehung egoistischer, zentralistischer “Entitäten”. 232 Jahre später müssen wir uns nun der Frage stellen, ob wir eine Gesellschaft haben wollen, die Feigheit und Faulheit als Lebensattitüde gewähren lassen soll, oder ob wir vielleicht anfangen zu realisieren, dass die Mehrheit der Masse zum einen ALT, FAUL und nicht zwangsläufig WEISE ist. Soll eine Demokratie wirklich notwendigerweise dieser Masse gehorchen und ihre Jugend und damit die eigene Zukunft aufs Spiel setzen? Wollen wir Europa wirklich auf den selben Abfallhaufen werfen wie schon einst das römische Reich? Dann lern ich jetzt besser chinesisch…
Gegenüber dem römischen Reich haben wir im Jahr 2016 aber einen gewaltigen Vorteil: Es besteht bereits eine vernetzte Welt. Das erkennt man auch, selbst wenn man jetzt noch immer lieber YouPorn schauen würde als weiter zu lesen. Leider haben wir es bis 2009 nicht flächendeckend geschafft, etwas anderes damit aufzubauen, als eine Oligarchie von mehreren zentralistischen Strukturen alá Google, Facebook, Goldman Sachs, Amazon, Rothschild & Co. (Wer an dieser Stelle passende Gegenbeispiele liefern kann — immer her damit!) Doch eine wirklich tolle dezentrale (Regierungs-, Finanz-, irgendwas-)Struktur hat damit noch niemand bauen können. Vielleicht mangelte es auch an der Abwesenheit von Feigheit und Faulheit. Vielleicht war der Einfluss der Oligarchen zu groß…whatever
Der Nutzen von vernetzten Strukturen offenbart sich ironischerweise in der ausgeübten Macht dieser Mega-Konzerne, einer Macht die unbestrittener Maßen bis auf die Gesetzgebung durchschlägt. Und es ist nur menschlich, dass einer 150 Seiten kollaborativ erstellter Hochglanz-Marktstudie von Armeen von Lobbyvertreten mehr Vertrauen entgegen gebracht wird, als den 23 Seiten kurzen, kritischen “das ist voll böse was ihr macht” Öko-Handzetteln der Gutmenschen-Fraktion. Dabei liegt es immer im Auge des Betrachters, was man mit Statistik anstellt: “All Models are wrong, but some of them are usefull”. Mit genug Hochglanzpapier und hübschen Bildchen kann man so ziemlich alles anstellen…nicht zwangsläufig das richtige. Ich habe vollstes Verständnis dafür, dass selbst Regierungsmitglieder sich in diesem Jungel verirren können. Verständnis dafür, dass Regierungen bis hin zu Konzernleitungen mehr Getriebene ihrer eigenen Berater sind, als andersrum. “Wer manipuliert hier wen?” ist letztlich die Frage…
Eine Abkehr von dieser Oligarchie machte Bitcoin vor, indem es die Idee eines dezentralisierten Finanzsystems skizzierte. Was aber bei dem Experiment Bitcoin bei der Skizze blieb, hat ein kleiner Nerd aus Russland, Vitalik Buterin, zur Atombombe für das Finanzsystem erhoben: Ethereum. Auf einmal werden transparente, manipulationssichere und vor allem dezentrale Strukturen möglich — auf Basis der Währung. Möglich — noch nicht fertig, wie der jüngste Exploit schmerzhaft offenbart. Wie mit Problemen — insbesondere bei fehlendem Konsens zwischen zwei Parteien — richtig umgegangen wird, steht hier ebenfalls zur Debatte. Meiner Meinung nach fehlt es dem “Dezentralisations-Hype” an ebenfalls dezentralen Führungsstrukturen. Wie bei einem Staat — eine Legislative, eine Exekutive und eine Judikative. Technisch möglich wäre das doch…oder?
Und falls es das wäre…wieso sollte es das nur einmal geben? Es könnte genauso gut mehrere “virtual governments” geben. Hierüber würden Steuersätze, Preise, Verfügbarkeiten von Gütern, Sicherheiten, Vorgehensweisen bei Dissenz etc. gesteuert werden können. Ich stelle mir hier eine idealo-Suchmaschine für die für mich passendste Regierungsform vor. Denn ob ich gerade studiere, gerade Kinder kriege, krank bin, Vollgas im Job gebe oder im Rollator sitze — ich habe jeweils andere Ansprüche an meinen Staat und das Zusammenleben. Und welche zentrale Struktur kann sich anmaßen all diese Dinge für alle Teilnehmer für alle Zeiten perfekt zu bewältigen? Das kann auch ein Ethereum nicht — es kann aber die Plattform liefern, in der wir unseren “individuellen Staat” realisieren können.
Ich bin doch aber Bürger von…
Bürger von Egalhausen. Wenn ich in Frankreich wohne, einen Arbeitsvertrag mit einer deutschen Firma habe, mein Einsatzort Italien ist und ich am liebsten in Spanien Abend esse — dann wohne ich in Europa. Dann wohne ich auf diesem Planeten (naja, vielleicht bald…). Stellt euch doch mal die Frage wofür Grenzen Sinn machen…und ob das nur Dinge sind, die man Euch mal erzählt hat, oder ob sie wirklich zutreffen. Wenn ich lieber Gras rauche, wähle ich wahrscheinlich eine Staatsform ohne Pflanzenprohibition (was für ein Schwachsinn der Geschichte…Menschen haben ein Recht auf Rausch — s. um Transzendenz erweiterte Maslow-Pyramide! Wers noch nicht erlebt hat, wirds nur schwer verstehen…) und nehme dafür andere Steuersätze und andere Regeln in Kauf. Diese würden sich beim Einkaufen in einem anderen Preis für die selben Güter niederschlagen. Tatsächlich — und ich hätte nie geglaubt, dass ich auf diesen Schwachsinnszug mal aufspringe — müsste man dafür Bargeld durch flächendeckendes ePayment ablösen müssen. Oder jede virtuelle Staatsform benötigt variable Umrechnungssätze zu einer einheitlichen Währung, welche elektronisch an der Supermarktkasse…ok, also doch Bargeld abschaffen. (Damit eins klar ist: in zentralistischen Finanzsystemen, wie das Fiatsystem heute eines ist, führt eine Bargeldabschaffung nur zur Ausweitung der Kriminalisierung — nämlich von Banken und Staaten!).
Und wenn die Polizei…
So sehr ich mich auch heute dagegen wehre, so sehr sehe ich die Chance in einer elektronischen Vorhaltung aller persönlichen Daten und damit einhergehender Zurückverfolgbarkeit. Der QR-Code im Nacken ist wahrlich noch keine tolle Vorstellung. Bevor mich aber jemand für Dinge verhaften will, die in dem von mir gewählten eGovernment legal sind, sollte die Konformität meines Handelns mit dem von mir gewähltem System überprüft werden — das geht sicher am schnellsten mit nem QR-Code im Nacken…oder lieber mit einem mobilem DNA-Scanner? :-D
Es muss doch Regeln für alle geben?
Und wieviele? Brauchen wir tatsächlich Bibliotheken voll mit Gesetzesbüchern? So voll, dass es keine einzelnen Personen mehr gibt, die sie in ihrer Gesamtheit verstehen? Verdammt noch mal, mein Steuerberater weiß doch selbst nicht ob es grad legal ist oder nicht, was er da macht. Aus genau diesem Grund werden in Großkonzernen ganze Abteilungen unterhalten, die nichts weiter tun, als sich mit der “Annäherung an Gesetzeskonformität” (“Compliance” — kann nie erreicht, aber sehr wohl angestrebt werden) beschäftigen. Wenn man die mögliche Manipulation von Gesetzgebern durch die Lobbyverbände solcher Konzerne mit in Betracht zieht, muss man sich fragen, ob hier nur zum Selbstzweck Arbeitsaufwand betrieben wird. So viele intelligente Menschen für so flache Ziele. Reicht da nicht eines? Was einfaches. Was, was alle verstehen. 42? Oder vielleicht: “don’t be evil”.
(spätere Ergänzung: der kategorische Imperativ wär auch awesome…man sollte nach so vielen Jahren ja auch schon gecheckt haben, worum es dabei geht ;-) )
Und lasst im Dissenz den “decentralized courtyard” entscheiden. Nach der Entscheidung eine Regel aufbauen, deinen virtuellen Staat mit einem neuen Release updaten und gut ist’s. Doch Digitalisierung hin oder her — die Eier, seinem Nachbarn Jerome Boateng für sein Tor auf die Schulter zu klopfen, mit ihm ein Bierchen zu trinken oder Tütchen zu rauchen, diese Eier muss man bei jedem System mitbringen, oder man sollte allein in seine Hütte im Wald ziehen.
Also kann sich jeder seinen eigenen Staat zusammen bauen?
Wenn du über genügend KnowHow verfügst um das Ding zu programmieren. Wenn es genug Mitglieder anzieht und Steuern einsammelt um langfristig stabil aufrecht erhalten werden zu können. Wenn andere Systeme hierdurch nicht negativ beeinflusst werden (Meta-decentralized-courtyard maybe necessary?).
Ethereum wurde als langsam anwachsendendes Vollgeldsystem konzipiert — wenns schlecht läuft kannst du also nicht einfach wie heutige Staaten Geld drucken und das unter dem Deckmantel der Inflation verschleiern — du musst ein stimmiges und überzeugendes System vorweisen können. Eine gewisse Bindungsdauer der Bürger an dieses System— kürzer als die heutigen Legislaturperioden von 4 Jahren, aber größer 0 — wäre ebenfalls von Vorteil. Sich an einen Mobilfunkanbieter zu binden hat ja auch lange Jahre geklappt…Es hat aber nicht jeder seinen eigenen Mobilfunkanbieter. Individualisierte Verträge sind dennoch auf dem Vormarsch.
Klar, es gibt noch mindestens eine Million Fragen die dabei ungeklärt sind. Vielleicht ist es auch nur ein wenig spät und ich träume davon zuzusehen, wie die Vollspacken von AfD & Co bei dem Versuch ihr Schrottkonzept umzusetzen gegen die Wand fahren werden. Aber sie können es selber gegen die Wand fahren, ohne dass ich und andere Menschen dabei einen Totalschaden erleiden müssen. Das Recht aus Fehlern zu lernen hat natürlich auch jeder. Und wir können diese armen Seelen am Ende wieder auffangen. Ich aber kann hier weiter sitzen bleiben. Ich kann faul sein. Ich kann feige sein. Kann myMüsli futtern und myGovernment wählen.