Wo ist das Problem?

“choice editing” — ein kleiner Modebegriff über den ich soeben im Buch 2052 gestolpert bin. Er beschreibt die Lenkung der Verbraucherentscheidung nicht durch Werbung, Verunglimpfung, Panikmache, das Schüren von Ängsten — sondern durch verantwortliche Entfernung schädlicher Produkte. Am Ende soll ein Konsument stehen, der sich ohne lange Recherchen darauf verlassen kann, weder seiner Gesundheit noch der eines Anderen durch den Kauf eines Produktes zu schaden. Hierfür müssen neben den ganzen immer komplexer werdenden Gesundheitsaspekten genauso Nachhaltigkeitsthemen betrachtet werden. In einem ersten Schritt helfen dabei auch Kennzeichnungen, Siegel, Zertifikate oder ähnliches. Klar — nicht überall wo “Bio” draufsteht ist auch Bio drin. Doch wo es nicht drauf steht ist es wohl eher ein Glückstreffer sich halbwegs unschädlich zu ernähren. Schädliche Produkte einfach nicht mehr anzubieten ist auch hilfreich.

Ob nun positive Warenkennzeichnungen mehr zum Kauf animieren, oder abschreckende Kennzeichnungen vom Kauf abhalten, sollte sich jeder selbst überlegen. Und hier ein kleiner rosa Elefant: Die abschreckende Bebilderung von Zigarettenschachteln animiert bestenfalls zum Kauf von überdeckenden Plastikschachteln. Ich bin der Überzeugung, dass wirklich nachhaltige Strategien nicht über Verbote umgesetzt werden, sondern über die Schaffung der richtigen Anreize und konsequente Motivation. Positive Gefühle wollen schließlich wiederholt werden. Glaubt mir — ich bin Raucher ;-)

Um jetzt mal wirklich weit auszuholen: Wie war das nochmal mit der Geldschöpfung? Wer bei Dirk Müller nicht eingeschlafen ist (spannender erzähl bestenfalls ich es…) und neben den Matheübungsaufgaben für die Uni auch mal ab und an (und gerne auch danach) ein Buch oder YouTube Video in die Hand genommen hat, errinnert sich vielleicht: In einem Fiat-Geldsystem wird Geld praktisch aus dem Nichts erschaffen, durch das Instrument des Kredits. Die Zentralbankzinsen sollen angeblich die Nachfrage danach und damit NICHT die Geldmenge selbst, sondern lediglich deren Wachstum steuern. Fiat ist im übrigen lateinisch und heißt so viel wie “es werde”…wie schon Gott sagte: Fiat lux — es werde Licht, so sprach die Bank: Fiat Geld — auf das es immer weiter wachse. Wieso das so ist, wieso das sicherlich nicht optimal, aber nicht mal eben abzustellen ist, wird durch einen Blick in die Geschichte ersichtlich…den ich Euch an dieser Stelle erspare.

Wer aber schonmal einen Kredit aufgenommen hat und mit seinen Raten in Verzug geraten ist, der wird sich nun vielleicht wundern, wieso die Bank für die Rückzahlung des eigentlich nicht existierenden Geldes solch einen Terz macht. Zum Einen muss man die Verteilung der Geldmenge auch ein wenig steuern, zum Anderen würde dies tatsächlich noch katastrophalere Folgen haben. Es würde sich einfach jeder einen fetten Kredit holen, nie zurückzahlen und das Spielchen so oft betreiben, bis niemand mehr arbeiten geht. Wer füllt dann die Regale im Supermarkt? Wer baut dann die BMWs? Wer sorgt für Eigentumssicherung, soziale Einrichtungen, Bildung, Gesundheitsfürsorge, … denn dem Staat gehen ja auf einmal die ganzen Steuern aus. Banken haben also tatsächlich ein mehr als gutes Recht, auf die Rückzahlung des Kredits zu pochen.

Im antiken China, Babylon und so einigen anderen Epochen gab es ähnliche Schuldgeldsysteme — mit einem signifikanten Unterschied: Bei Tod des Schuldners, wurden seine Schulden — bzw. der Zettel oder die Steintafel auf dem sie notiert waren (entspricht dem heutigen Bargeld) — vernichtet. Weder eine Bank, noch ein Bürger würde auf die tolle Idee kommen, Bargeld zu vernichten. Zumal das in keiner erdenktlichen Höhe einen Effekt hätte. Denn entgegen der gesetzlichen Bestimmungen, dass nur Bargeld das offizielle Zahlungsmittel ist, haben wir unser Giralgeld (jaa, genau das, das auf unseren Giro-Konten zu haben ist, oder sollte) viel zu lieb gewonnen. Damit das auch ja nie nie niemals möglich wird, schieben wir besser noch fadenscheinige Gründe, wie die Kriminalitätsbekämpfung, vor die Bargeldabschaffung und kommen endlich auf das eigentliche Problem: Da Geld in unserem System durch Kredit — also Schuld — erschaffen wird, steht jeder €/$ Guthaben einem €/$ Schuld gegenüber. Achja, die zu zahlenden Zinsen gibts in dem System noch nicht, dafür müssen wir erst mal arbeiten gehen. Und wehe bei dem Aufwand wächst die Wirtschaft nicht, dann haben wir ein wirklich fettes Problem. So wie die Eurozone im Moment, doch auch das wird wieder ein anderes Thema.

Während es also tatsächlich einige Stellen gibt, an denen zu arbeiten wäre, klamaukieren diverseste Hippies, dass die Welt ein ziemliches Schuldenproblem hätte. Oder Griechenland. Oder deine Eltern. Oder du, weil du dir ja unbedingt ein Haus und ein Auto auf Pump holen musstest. Diese Schulden zwingen uns, dank der Zinsen die noch erwirtschaftet werden müssen, einen nicht unerheblichen Teil unserer Freiheit aufzugeben und unsere Schaffenskraft unseren Kunden oder Arbeitgebern anzubieten. Keine sehr erfreuliche und nur mit vielen Umwegen motivierende Nummer also. Wie war das doch gleich mit den Schockbildern auf der Zigarettenpackung?

Vielleicht versuchen wir uns einfach mal an einer Runde Neusprech, bzw. der motivierenden Umgestaltung solch demotivierender Floskeln wie “Schuldenproblem” in “Vermögensproblem”. Das Problem also, das Vermögen an der richtigen Stelle zu parken, auch wenn dieses Vermögen ggf. erst erwirtschaftet werden muss. Und ja, natürlich auch mit Zinsen. Bekanntermaßen gibt es darüber hinaus ja auch keine Probleme, sondern nur Herausforderungen, also haben wir am Ende die “Vermögensherausforderung”. Die Herausforderung, sein tatsächliches und zukünftiges Vermögen an der bestmöglichen — neee, an der langfristig nachhaltigsten — Stelle anzuhäufen.

Und auf einmal zeigt der Finger nicht mehr auf das total verschuldete Griechenland, deinen Schwager oder Peter Zwegart, sondern auf DICH. Du stehst selber vor dieser Herausforderung. Du kannst selber die Geschicke in dieser Welt lenken, ein bisschen zumindest, aber allenfalls mehr als nur durch konsumieren. Denn von 5 Billionen € Vermögen in Deutschland, sind der größte Teil (ob 3 Bille oder nicht recherchier ich später) in der Hand von Renten- und Pensionskassen bzw. in sonstigen privaten Sparanlagen geparkt. Das ist also die aus deiner Sicht langfristig nachhaltigste Position, womit du sowohl Dir als auch deiner Umwelt nicht nur wenig Schaden sondern auch möglichst etwas Gutes tust? Es muss ja nicht gleich nen esoterischer Emerging Markets ETF für den Missionars-Index sein…aber Bausparen? Ernsthaft? Welche Firmen, welche Länder, welche Regionen, welche Branchen haben es denn eurem Rumgejammer zufolge wirklich verdient Euer Geld zu bekommen? Vom reinen Renditestandpunkt aus gesehen, sollte man da zwar nicht allzu speziell werden und möglichst breit diversifizieren, doch der Kauf der ersten Aktie ist schon ein Schritt in die richtige Richtung, die Welt, über die du so jammerst, doch in die richtige Richtung zu lenken.

Hey, ich sagte Aktie, nicht Daytrading-Geschisse! Und Finger weg von Derivaten!!! Anleihen hab ich auch nicht erwähnt, Klugscheißer!

Solange also dieses Geldsystem in diesen Grundzügen funktioniert, lohnt es sich ab und an darüber nachzudenken, wem man diese Entscheidung in welchem Maßstab überlässt oder nicht vielleicht doch selbst trifft. Und wenn es nur die Kalk-Hanf-Dämmung und der Recycling-Kork-Fußboden aus nachhaltigem Konsum für die eigenen 4 Wände sind. Oder denkt bitte wenigstens über Eure Wortwahl nach und was sie mit Euch anrichtet. Choice Editing beginnt im Kopf — Ihr habt hoffentlichen einen? Es ist auch Euer Vermögen und Eure Herausforderung — nicht nur das Problem Anderer die Schulden abzubauen. Bei der Nicht-Mehr-Anbietung von schadhaften Produkten hört Choice-Editing auf. Merkt denn keiner, dass die Zinspolitik so einige Instrumente wie Bausparverträge und Lebensversicherungen gerade zu Recht ins Aus befördert hat?

Wieso der typisch Deutsche viel lieber die Negativzinsen auf dem Sparbuch akzeptiert, seinen Blutdruck durch Rumjammern sprengt und Verantwor…ähhh…Risiko scheut, wochenlang mit seinem Bankberater über die nun doch stattfindende Ausschüttung von 0,25% mehr oder weniger vom Bausparvertrag feilscht, anstatt sich mit Aktien, Finanzmärkten und besonders ETFs zu beschäfftigen, will mir einfach nicht in den Kopf. Na vielleicht, weil ihm die Negativzinsen wenigstens sicher sind…

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