Eine Randnotiz im aktuellen Spiegel über Cheng Youze hat mich animiert, ein wenig über europäische-chinesische Kulturunterschiede nachzustöbern. Aber zuerst die Geschichte des 52-Jährigen: Der wurde nach sieben Jahren Haft von Freunden abgeholt, als er die Justizanstalt stilsicher im blütenweißen Anzug verließ. Zu Ehren des Mannes hatten sich 100 Männer alle in Schwarz versammelt (30 Limousinen, usw.), um dann ein Feuerwerk zu zünden. Pech nur, die chinesische Justiz verhaftete den “Paten” drei Tage nach der Welcome-Party erneut. Er gilt in der Provinz Shanxi als einer der korruptesten Kohlebarone überhaupt. Und bei den KP-Funktionären kam das allzu protzig vorgestellte Selbstbewusstsein vor den Gefängnistoren offenbar nicht so wirklich gut an.

Wie antiquiert liest es sich da in allerlei China-Business-Reise-Führern, Bescheidenheit habe in China einen hohen Stellenwert. Aber so ist es halt mit allerlei Klischees — auch in Österreich halten ja manche das sprichwörtliche Wiener Herz für golden, den Tiroler Skilehrer für einen Traummann und den Steirer für an sich Kernöl-betrieben oder in seinen Adern sprudelt ohnedies Schilcher, Welschriesling oder Weißburgunder.

Zurück ins Land des Lächelns, was haben ich aber noch gefunden? Höflichkeit zählt in China wie in allen asiatischen Kulturen viel, das Interesse an “privaten” Informationen wird auch im beruflichen Kontext erwartet. Geschenke dienen dem Aufbau von Beziehungen, es dürfen aber keine Uhren sein — da gehen die Uhren in China anders. Und bitte, ein sehr sachter Händedruck ist angebracht (fest zupacken ist unschicklich). Im Übrigen, ich habe gelesen, wenn das chinesische Gegenüber in Situation lacht, die unsereins eher zum Weinen findet, ist das kein Wahrnehmungsdefekt sondern eine Art “Übersprungshandlung”. Allerdings: Lächeln kann in kritischen Situationen echt weiterhelfen.

Aber das tun ja der Wiener, der Tiroler und der Steirer auch.

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