Frankfurt, Europaviertel West, am Tel-Aviv-Platz

Stadtentwicklungen

Europaallee Frankfurt

Matthias Bruellmann
Jun 14 · 8 min read

Wie funktioniert Stadtentwicklung? In Frankfurt ist seit 2005 ein 100 Hektaren grosser Güterbahnhof in ein neues Stadtquartier umgebaut worden: das Europaviertel. Es gilt als eines der grössten Stadtentwicklungsprokte in Europa. Eine Besichtigung.

Anfang 90er-Jahre leitete Deutschland eine Bahnreform ein. Die hoch verschuldete Bahn sollte effizienter werden und auf einen Börsengang vorbereitet werden. Zu den Massnahmen gehörte neben Personalabbau der Verkauf von Bahnarealen und Bahn-Immobilien, die nicht mehr für den Betrieb benötigt werden. In vielen Städten Deutschlands werden Bähnler-Wohnungen verkauft und Bahnareale aufgelassen, so auch in Frankfurt und in Basel (DB-Areal). Für den Verkauf und die Entwicklung der Areale und Immobilien wurden zwei Unternehmen gegründet: Von der Bahn die Aurelis Real Estate GmbH & Co. KG, vom Staat die Vivico (heute: CA Immo Deutschland). Beide sind inzwischen vollständig privatisiert worden. Der Ausverkauf von Bahn-Immobilien wurde in Deutschland heftig als Verschleuderung kritisiert.

Kartenausschnitt Europaviertel in Frankfurt im Massstab 1:6400 (© OpenStreetMap-Mitwirkende)

Das Europaviertel

1998 stellte die DB den Betrieb auf dem größten Güterbahnhof der Stadt Frankfurt, dem Hauptgüterbahnhof, ein. Damit wurden 100 Hektaren für die Transformation frei. Das Planungsbüro Albert Speer & Partner(AS&P — war auch zur Testplanung Klybeckplus eingeladen) erstellt 1999 im Auftrag der Deutschen Bahn einen Rahmenplan für die zukünftige Entwicklung des Areals. Planungsziele waren laut Stadtplanungsamt Frankfurt die Umnutzung des brachliegenden Areals zu einem attraktiven, gemischt genutzten Stadtquartier sowie die Sicherung von Gelände für die Frankfurter Messe. Es sollten 3'500 Wohnungen und 35'000 Arbeitsplätze geschaffen werden. Mittels grosszügiger Grünflächen sollte die Verbindung zu bestehenden Pärken im Westen der Stadt verbessert werden.


Die ehemalige Betriebskantine der DB auf der Erlenmatt

Bezüge zu Basel

Die Erlenmatt in Basel ist wie das Europaviertel in Frankfurt durch die Privatisierung und Umnutzung eines Bahnareals entstanden. In Basel ging der Betrieb auf dem 19 Hektaren grossen DB-Güterbahnhof etwa zur selben Zeit wie in Frankfurt zu Ende. 1996 führte der Kanton Basel-Stadt gemeinsam mit der Vivico einen städtebaulichen Wettbewerb durch. Auf dem in Erlenmatt umbenannten Areal sollte ein neues Stadtquartier entstehen mit Wohnungen für verschiedene Anspruchsgruppen, Frei- und Grünräumen, Büro- und Gewerbeflächen sowie Schulen, Einkaufsmöglichkeiten und gastronomischen Angebote. Ebenso sollte die Erlenmatt eine attraktive Verbindung zwischen dem dichten Kleinbasel und den Langen Erlen gewährleisten.

Siegreich war das Projekt von Ernst Niklaus Fausch Architekten. 2002 wurde auf der Basis dieses Projekts der Bebauungsplan erarbeitet. Dieser wurde im Juni 2004 vom Grossen Rat und im Februar 2005 von den Basler Stimmberechtigten genehmigt. Damit war der Weg frei für den Verkauf und die Bebauung des Areals.

Das Gebiet wurde vom Kanton und von privaten Bauträgern (Stiftung Habitat, Losinger Marazzi AG, diverse Versicherungen und Pensionskassen) erworben. Der Kanton nahm über die Mehrwertabgabe 41.5 Mio. Franken ein und investierte rund 115 Mio. in die öffentliche Infrastruktur (Strassen, Schulen, Netze, Plätze — Tageswoche vom 24.02.2018: Der Preis des Städtewachstums).

Das Architektur- und Planungsbüro Albert Speer & Partner(AS&P) war auch zur Testplanung Klybeckplus eingeladen.


Das heutige Europaviertel erstreckt sich entlang der mehr als 2 Kilometer langen und 60 Meter breiten Europallee. Eine Bahn- und eine Strassenbrücke — die Emser Brücke — trennen das Gebiet in eine grösseren westlichen und kleineren östlichen Teil. Grosse Flächen nördlich der Allee werden von der Messe Frankfurt genutzt. Der östliche Teil gehört mehrheitlich CA Immo Deutschland. Der westliche Teil ist in den Händen der Aurelis Real Estate GmbH & Co. KG. Das Europaviertel wurde komplett von privaten Investoren entwickelt. Die notwendigen öffentlichen Infrastrukturen (Schulen, Kindertagesstätten, Plätze, Grünanlagen) wurden durch eine Art Mehrwertabschöpfung finanziert.

Europa-Allee zwischen Skyline-Plaza und Emser Brücke.

Montag, 1. April, ein sonniger Vormittag in Frankfurt. Wir wandern vom Hotel in Bahnhofsnähe nach Westen, um das neue Europaviertel zu erkunden. Es beginnt an der Skyline-Plaza, ein protziges Ungetüm, das den Ton angibt, der den Ostteil bis zur Emser Brücke prägt: Massive Geschäftshäuser und Hotels aus Glas und Stahl entlang einer vierspurigen Strasse, der Europa-Allee. Trotz breiter Trottoirs und Bäumen: Die Wanderung entlang der Allee ist etwa so gemütlich wie ein Abendessen in einem Schnellimbiss. Nichts lädt zum Verweilen ein; kurz entschlossen die Strassenseite zu wechseln, ist unmöglich.

Ausgedientes Bahnbetriebsgebäude neben der Emser Brücke, die das Europaviertel auf der Nordsüdachse schneidet. Auf der Parzelle im Vordergrund wird der Porsche Design Tower gebaut werden.

Wir unterqueren Bahn und Strasse und gelangen in den westlichen Teil des Viertels. Auch hier gibt es noch Baubrachen und Baustellen. Nach der Brücke zweigen wir Richtung Süden ab, umwandern den wuchtigen Hauptsitz der DB Vertrieb GmbH und gelangen in die Wohnviertel südlich des schmalen zentralen Parks.

Die Parzellen sind alle mehr oder gleichförmig quadratisch und mit vier bis sechs Mehrfamilienhäusern bestanden. Innerhalb der Parzellen gibt es Grün, Spielplätze und Fussgängerwege. Wohnungen im Erdgeschoss haben Gartensitzplätze.

Wohnhäuser im Geviert zwischen DB-Gebäude (im Hintergrund) und Lotte Specht-Park

Architektonisch sind die Bauten unspektakulär. Auffällig ist einzig ein langgestreckter Wohnhochhaus-Komplex an der Ecke Europaallee, Europagarten und Lotte Specht-Park. Es ist das “Prädium” mit 262 luxuriösen Eigentumswohnungen zwischen zwischen 108 und 349 m2.

Blick vom Europagarten Richtung Osten: die Allee verschwindet unter dem Garten, rechts das “Prädium” mit 262 Eigentumswohnungen.

Der “Central Park” bzw. der Europagarten, der das Zentrum des Westteils ausmacht, ist bei unserem Rundgang nicht betretbar. Die Trockenheit hat der Wiese zugesetzt. Wir durchqueren ihn auf einem der Fussgängerwege, vorbei an einem — leider geschlossenen — Parkcafé, um auf die Nordseite zur Pariserstrasse zu gelangen. Hier liegt das Wohnviertel Parkend. Entlang der Strasse und in die Tiefe reiht sich wiederum Wohnblock an Wohnblock mit Wohnungen für die obere Mittelschicht.

Pariser Strasse mit Bushaltestelle und dem “Parkend”: Blocks mit Eigentumswohnungen

Den Abschluss des Europagartens bildet der Tel Aviv-Platz. Zur Zeit unseres Besuchs eine eher triste Angelegenheit: Die Filiale eines Grossverteilers, ein Café, eine Bushaltestelle, ein Spargel-Stand. Offenbar gibt es Bestrebungen, den Platz zusammen mit den Anwohnern zu beleben. (FR vom 11.5.2018: Tel-Aviv-Platz soll belebt werden)

Am Tel Aviv-Platz

Zwischen massiven Wohn- und Geschäftshäusern — Boulevard West, Helenenhöfe, Axis, Westsidetower — taucht die Europa-Allee aus dem Untergrund auf und mündet in die Strasse “am Römerhof”. Hier endet das Europaviertel — mit Blick auf das Messeparkhaus und einen Werkhof der städtischen Verkehrsbetriebe.

Eingang in einen der Wohnblöcke am westlichen Ende des Europaviertels

Die Verbindung in den weiter westlich gelegenen Rebstockpark führt duch den Gleisfeldpark und den Zeppelinpark zur Tramhaltestelle Rebstockbad. Von dort fahren wir in die Stadt zurück.

Was blieb?

Das Stellwerk Frof des ehemaligen Hauptgüterbahnhofs: Die Aufnahme des letzten Erinnerungsmonuments des Hauptgüterbahnhofs entstand einen Tag vor dem Beginn der Abrissarbeiten des Stellwerksgebäudes Ende November 2013. Um das Stellwerk herum sieht man Neubauten des Europaviertels, das auf den ehemaligen Gleisanlagen gebaut wird. (Von Wikimedia-User Jivee Blau — Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=29942597)

Im Europaviertel erinnert praktisch nichts mehr an die ehemalige Funktion des Geländes. Ein offenbar denkmalwürdiges Stellwerk wurde abgerissen. Vor der Zentrale der DB Vertrieb GmbH steht eine historische Zugskomposition.

Zentrale der DB Vertrieb GmbH mit historischer Zugskomposition

Wer wohnt im “extravaganten Stadtquartier”?

Wohnungsnot, Spekulation, steigende Immobilienpreise und Mieten, Verlust von billigem Wohnraum, Verdrängung — Frankfurt hat die gleichen Probleme wie viele andere Städte auch (siehe zum Beispiel Franfurter Rundschau: Das Gallus im Wandel — 24.04.2018; Zeit Online: Sozialer Wohnungsbau, aber richtig — 14.05.2019). Neben andern Projekten sollte das Europaviertel eine gewisse Entlastung bringen. Wer wohnt nun hier? Bei unserem Besuch können wir weder Wohnungen besichtigen, noch kommen wir mit Menschen ins Gespräch, die hier leben. Ein Blick hinter die Fassaden ermöglichen die Websites zur Vermarktung der Wohnungen. Sie verdeutlichen, welche Kundschaft in erster Linien angesprochen wird: “Wir denken, Sie haben es sich verdient, beständige Werte zu schaffen. Mit dem Bau des Europaviertels setzt Frankfurt am Main ein Zeichen. In einer der grünsten Metropolen Europas entsteht ein extravagantes Stadtquartier rund um den 60 Hektar großen Europagarten.”

Die Stadt Frankfurt verlangte von den Investoren, dass 30 Prozent der Wohnfläche als öffentlich geförderter Wohnbau realisiert werde. Damit werden im westlichen Europaviertel 397 Mietwohnungen für Haushalte mit geringem Einkommen von der Stadt Frankfurt finanziell unterstützt. (frankfurt.de: Weitere Sozialmietwohnungen im Europaviertel werden gefördert — aufgerufen am 13. 06.2019) Das ist nicht mehr als ein Tropfen auf den heissen Stein. In Frankfurt waren 2017 rund 9'500 Haushalte mit ca. 25'000 Menschen auf der Warteliste für eine Sozialwohnung. (Offizieller Wohnungsmarktbericht 2017 PDF)

Sozialwohnungen sind bestimmt für Menschen mit beschränktem Einkommen. Für die Wohnungen gilt während 20 Jahren eine Belegungs- und Mietpreisbindung. Der Eigentümer verzichtet für diese Zeit auf das Recht der Direktvermietung und erhält vom Amt für Wohnungswesen Mietervorschläge zur Auswahl. Die Anfangsmiete ohne Betriebskosten liegt bei 5 Euro je Quadratmeter Wohnfläche monatlich, bei Erreichen des Passivhaus-Standards bei 5,50 Euro.

Bürgerbeteiligung

Die Bürgerbeteiligung ist in Frankfurt im Baugesetzbuch geregelt. Die Planung wird in einem frühen Stadium in einer öffentlichen Informationsveranstaltung vorgestellt und diskutiert. Dazu wird die Veranstaltung protokolliert und vom Stadtplanungsamt ausgewertet. Die Ergebnisse werden bei der weiteren Bearbeitung des Bebauungsplanentwurfes berücksichtigt. Zweitens hat die Öffentlichkeit die Möglichkeit, im Rahmen der öffentlichen Auslegung der Planungsunterlagen Stellung zu nehmen. (Stadtplanungsamt Frankfurt: Bürgerbeteiligung). Detaillierte Informationen zum Verfahren und dessen Einfluss auf die Gestaltung des Europaviertels sind keine auffindbar.

“Abstossende Kälte und Langeweile”

“Und wenn wir durch die von Planern angepriesenen neuen Stadtviertel hinter den Bahnhöfen von Stuttgart, Zürich, oder Frankfurt gehen, die ihre Urbanität und Zukunftsfähigkeit glauben schon mit ihrem Namen „Europaviertel“ nachweisen zu können, fröstelt es uns angesichts der abstoßenden Kälte und Langeweile, die uns in den ungefassten Stadträumen entgegenschlägt. Genaugenommen sind es auch keine Stadträume, sondern Resträume, die zwischen den von Architekten geplanten und neuerrichteten Häusern erhalten bleiben, und von Landschaftsplanern mit gepflasterten Wegen, Kinderspielgeräten, Bänken, Büschen und Bäumen aufgefüllt werden, damit sie gegenüber dem Bürger in ihrer räumlichen Belanglosigkeit noch irgendwie zu rechtfertigen sind. Diese Europaviertel reichen qualitativ nicht im mindesten an die vormodernen, mehr als hundert Jahre alten Stadtzentren heran”, schreibt Christoph Mäckler am 1. September 2016 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Von “Stadtplanung in Wildwestmanier” spricht die Architektin und Architektur-Journalistin Katinka Corts über das Europaviertel auf german-architects.com. Die wertvollen, ursprünglich der Öffentlichkeit gehörenden Baulandflächen der Deutschen Bahn würden vorzugsweise von Investoren aufgekauft. Städte hätten das Nachsehen, denn die neuen Eigentümer interessierten sich nur im Ausnahmefall für nachhaltige Stadtplanung. “Der teure Ausverkauf der Städte schafft Reichen-Viertel und vertreibt die Armen, das wissen wir eigentlich mittlerweile. Wenn sich die Stadt ihre eigenen Flächen nicht mehr leisten kann, um gesund zu wachsen und bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, haben Stadtplanung und Politik versagt.”

Quellen

Stadtplanungsamt Frankfurt

Wikipedia-Eintrag zum Europaviertel

Amt für Wohnungswesen Frankfurt am Main, WohnungsmarktBericht 2017 (PDF)

ETH Zürich: Fallmodul Europaviertel in Frankfurt (PDF)

Website der Firma Aurelis zum Europaviertel

Website “Stadt für alle”

Matthias Bruellmann

Written by

Ex-journalist and public servant — special interest in political participation. Co-Founder of Zukunft.Klybeck (https://zukunftklybeck.ch)

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