Was sind gute Plätze? Warum sind sie wichtig? Wie kommen wir dazu?

Zur Umnutzung des Klybeck-Areals in Basel

Wo Gärtner-, Mauer- und Klybeckstrasse zsuammentreffe (Google Maps)

Das Industrieareal Klybeck im Kleinbasel soll in den nächsten Jahren in ein Wohn- und Gewerbequartier umgewandelt werden. Die Behörden haben zusammen mit den Eigentümern des Areals die Planung eingeleitet. Vier namhafte Architekturbüros erstellten Testplanungen. Diese werden derzeit analysiert. Am kommenden 21. November sollen das Ergebnis der Analyse und die Schlussfolgerungen daraus der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Die Bevölkerung ist im Rahmen der gesetzlich vorgeschriebenen Anhörung zur Mitwirkung eingeladen. An den ersten beiden Beteiligungsveranstaltungen haben wir unsere Visionen und Wünsche formuliert und in den Prozess eingespeist. An der dritten Beteiligungsveranstaltung am 19. September 2017 wurde ein Zwischenbericht, ein “work in progress”, vorgestellt. Die vielen Teilnehmerinnen wurden eingeladen, sich dazu zu äussern.

Nach der dritten Veranstaltung ging ich irritiert nach Hause. Irritiert deshalb, weil — so scheint es mir — etwas in der bisherigen Diskussion fehlt. Es gibt eine Leerstelle, und die zeigt sich mir, paradoxerweise, an der Planung des “Klybeckplatzes.” Den Grund für diese Irritation herauszufinden, war der Auslöser dieses Berichts.

Interessenbindung

Ich bin Mitglied und Mitbegründer des Vereins Zukunft.Klybeck. Wir möchten eine Stadtentwicklung von unten nach oben, eine, die von den Interessen der Bürgerinnen und Bürger ausgeht.

Lesen Sie die Packungsbeilage

Freundinnen und Freunde, die den Entwurf gelesen haben, wiesen mich darauf hin, dass der Artikel mäandriere.

Ausschnitt aus dem Löffelplan der Stadt Basel von 1862 (http://www.stadtplan.bs.ch/geoviewer/)

Er weise ein kurvenreiches, verschlungenes Muster auf. Das ist so. Auch die Anordnung von Strassen und Plätzen in Altstädten weist manchmal ein derartiges Muster auf. Das, scheint mir, trägt zum Vergnügen beim Flanieren bei.

Los geht’s

Die Planer des neuen Stadtteils Klybeck haben der Kreuzung Klybeck-/ Mauerstrasse bereits eine Hauptrolle zugewiesen: Klybeckplatz. “Am Kreuzungspunkt der Nord-Süd- und der Ost-West-Achse soll ein neuer Identifikationsort des Stadtteils entstehen — der Klybeckplatz. Der Platz soll seiner Bedeutung entsprechend räumlich neu definiert werden. Dabei ist eine hohe Dichte mit einer vertikalen Akzentuierung und hoher Aufenthaltsqualität anzustreben.” Im weiteren Verlauf der Planung soll der Klybeckplatz als zentraler Stadtbaustein konzipiert werden. So steht’s im “Handout”, dass den Teilnehmerinnen und Teilnehmern an der dritten Beteiligungsveranstaltung abgegeben wurde.

Da kann man nur mit dem dänischen Architekten Jan Gehl antworten: “Think about of sitting there with your girlfriend, proposing to her and telling her what a wonderful life you are going to have.“ Gehl ist ein weltweit gefragter Experte für Stadtentwicklung. Er stellt den Menschen in den Mittelpunkt der Planung und nicht die Architektur und schon gar nicht das Auto. Hören wir ihm kurz zu (und erlauben uns dabei auch die Frage, weshalb eigentlich sein Büro nicht zur Testplanung eingeladen wurde):

Auf der Suche nach dem menschlichen Massstab — TEDx-Talk von Jan Gehl am 18.12.2015

Kantonsbaumeister Beat Aeberhard hat dem Planungsjargon an der Beteiligungsveranstaltung immerhin etwas Leben eingehaucht: “In meinem Verständnis wird der Platz mehr leisten können, als beispielsweise der Claraplatz heute zu leisten vermag. Ich stelle mir einen Platz vor, der mit zur industriellen Vergangenheit passt — Neubauten sollen hier also das spezifische Gepräge der Industriebauten unterstützen. Das wird kein „gemütlicher“ Ort ohne Verkehr sein, sondern ein Ort mit gut funktionierenden Umsteigebeziehungen, aber auch mit hoher Aufenthaltsqualität — lebhaft, quirlig, wo Austausch stattfindet, ein spannender Ort, der nicht nur von 8.30 bis 16.30 Uhr belebt ist. Ein solcher Platz hat viel grösseres Potenzial, als nur eine Kreuzung zu sein. Und ich bin überzeugt, dass man sich auch bei viel Verkehr wohl fühlen kann .“

Was Aeberhard beschreibt, ist ein lebhafter, abwechslungsreicher Ort, vielleicht so etwas wie der “Loebegge” in Bern. Wobei der “Loebegge” eigentlich ein Treffpunkt ist. Man kommt, um zu gehen. Er ist nicht ein Ort zum Verweilen.

Die “Aufenthaltsqualität” ist nur zu haben, wenn der Kantonsbaumeister mit “viel Verkehr” Velos und Fussgänger meint. Schon Tram und Bus beeinträchtigen das Verweilen ganz beträchtlich, von auto- und lastwagenumspülten Plätzen gar nicht zu reden. Es gibt in Basel und anderswo genügend Beispiele, die das belegen (Aeschenplatz, Wettsteinplatz, Eramusplatz). Andersherum gibt es genügend Beispiele, wie Plätze und Menschen gewinnen, wenn der MIV (motorisierter Individualverkehr) in die Schranken gewiesen wird.

Der Münsterplatz in den 60er-Jahren (Staatsarchiv Basel-Stadt)

Der Münsterplatz (links) war noch vor 15 Jahren ein Carparkplatz. Vermisst das jemand?

Der Bundesplatz (unten) in Bern war ebenfalls bis in die 90er Jahre Parkplatz. Nur an Markttagen (Dienstag- und Samstagvormittag) mussten die Autos den Bauern weichen, die in der Stadt Obst und Gemüse, Fleisch und Käse verkaufen. Er wurde erst dann zu einem Ort des sich Wohlfühlens, als die Autos verbannt, der Platz neu gestaltet und ein Brunnenkunstwerk installiert wurde.

Bern — Spielende Kinder und Erwachsene auf dem Bundesplatz

Es fehlt etwas

Nach diesem Abstecher in die Verkehrsdiskussion zurück ins Klybeck. Was fehlt? In den Städten und Dörfern sind Plätze dort, wo Kirchen oder Rathäuser sind. Das ist ja kein Zufall. In der Kirche kommt die Gemeinde zusammen, um gemeinsam zu „bitten, predigt horen und sacrament empfahen“, wie es Martin Luther sagte. Im Rathaus kommen die Bürgerinnen und Bürger zusammen, um die gemeinsamen Angelegenheiten verbindlich zu regeln. Im Klybeckareal gibt es weder Kirche noch Rathaus. Das war dort auch gar nicht nötig. Denn ins Klybeck gingen die Männer und Frauen, um zu arbeiten.

Kürbismarkt auf dem Matthäusplatz

Kirchen und Rathäuser und ihre Plätze bieten einer Gemeinde nicht nur einen physischen Rahmen, um ihre gemeinsamen Angelegenheiten zu regeln. Sondern beide Institutionen haben über die Jahrhunderte hinweg Verfahren und Kompetenzen entwickelt, die uns in guten wie in schlechten Zeiten als Einzelne oder als Gemeinschaft nützen. Der Rahmen und die Kompetenzen, den Religion und Politik bieten, wird auch von Menschen geschätzt, die nicht Kirchenmitglieder sind und sich nicht politisch betätigen.

https://www.facebook.com/Quartierverein-Matthäusplatz-unser-Platz-329316513881226/

Kleine Abschweifung I: Warum sind Plätze wichtig?

Paul Zucker war ein deutscher Architekt und Ingenieur. Er emigrierte vor dem zweiten Weltkrieg nach Amerika. Dort rächte sich auf seine Weise an den Nazis, die ihn aus seiner Heimat vertrieben hatten. Mit andern zusammen er erstellte er 1943 auf einem Testgelände ein deutsches Dorf. Dort konnte die US-Army verschiedene Spreng- und Brandbomben in ihrer Wirkung auf Berliner Mietskasernen testen.

Zucker schrieb aber auch ein Standardwerk über Plätze: “Town and Square — from the Agora to the Village Green” (Stadt und Platz — von der Agora zur Allmend. New York.1959).

Das Village Green von Seacroft (GB). By Mtaylor848 (Own work) [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Darin heisst es unter anderem: In den letzten Jahrzehnten haben sich die Stadtplaner vor allem mit Problemen wie der Landnutzung, der Verbesserung des Verkehrs und der allgemeinen Kommunikation, der Zonenplanung, der Beziehung zwischen Wohn- und Gewerbegebieten usw. beschäftigt. Diese Überlegungen haben die grundsätzliche Bedeutung des Platzes als als Herz der Stadt überschattet. Plätze sind, so Zucker, die zentralen prägenden Elemente. Sie erst machen aus einem Haufen von Individuen eine Gemeinschaft.

Was Zucker vor 60 Jahren niedergeschrieben hat, ist heute aktueller denn ja: “Es ist bekannt, dass soziale Netzwerke ein wesentlicher Faktor für das Wohlbefinden sind. Weniger erkannt wird die Rolle, die öffentliche Plätze für die Bildung dieser sozialen Verbindung spielen. Forschungen zeigen, dass gemeinsame Räume das Potenzial haben, Bindungen innerhalb von Gemeinschaften zu stärken und Menschen Unterschieden auszusetzen. Selbst indirekte passive soziale Interaktion kann das Zugehörigkeitsgefühl stärken. Es überrascht nicht, dass Stadtteile, wo Menschen enger zusammenlebe, oft eine höhere zivile Beteiligung und eine grössere Toleranz für Verschiedenheiten aufweisen.” Dies schreibt Shin-pei Tsay, Direktorin am Gehl Institute in New York. (Health, Equity, and Public Space; eingesehen am 10. Oktober 2017).

Der Times Square in New York als Fussgängerzone. Von Jim.henderson — Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7306672

(Das Gehl Institute ist ein Ableger des Architekturbüros Gehl in Kopenhagen. Das Büro hat die New Yorker Behörden bei der Umgestaltung von Plätzen entlang des Brodways beraten.) Shin-pei Tsay fährt fort: “Die Möglichkeiten, uns in der Öffentlichkeit zu begegnen und miteinander Zeit zu verbringen ist eine lebenswichtige soziale Bedingung für den Aufbau von gesunden Gemeinden.” Es ist jedoch alles andere als einfach, wirklich öffentliche Plätze zu schaffen, die für alle offen sind und die Gesundheit aller Menschen fördern. Ein neuer Park oder eine neue Strassenanlage kann die Grundstückpreise hinauftreiben und langjährige Bewohner aus dem Quartier vertreiben. Auch gelingt es nicht immer, das nötige und vielfältige Feedback aus der Bevölkerung zu erhalten, das Planer und Designer brauchen. “Entscheidender noch, die Praktiker adressieren in ihrer Arbeit selten die strukturellen und kulturellen Ungleichheiten, welche stark verwurzelte Barrieren gegen die Gesundheit geschaffen haben: Rassismus, Klassendünkel, Sexismus, Fremdenfeindlichkeit, unter andern.”

Mit andern Worten: Plätze ermöglichen die Teilnahme am öffentlichen Leben. Der ungehinderte Zugang zu diesen Begegnungsorten ist entscheidend für die individuelle Gesundheit, aber auch für die Gesundheit der Gemeinschaft. Es empfiehlt sich nicht, die Gestaltung der Plätze Planern und Designern zu überlassen. Ohne Mitwirkung der Bevölkerung geht es nicht. Das ist zwar nicht ganz einfach, aber machbar.

Kleine Abschweifung II: Plätze als Kunstwerke

„Zu verweilen! — Könnten wir das öfter wieder an diesem oder jenem Platze, an dessen Schönheit man sich nicht sattsehen kann; gewiss, wir würden manche schwere Stunde leichter tragen und, neu gestärkt, den eigen Kampf des Lebens weiterführen.“ So leitet der Architekt und Kunstlehrer Camillo Sitte seine Studie von 1889 ein, „Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen“. Wenn von Plätzen die Rede ist, auch an der 3. Beteiligungsveranstaltung war das zu beobachten, kommt diese Sehnsucht hoch und wird die Erinnerung wach an Orte, wo sie in Erfüllung ging.

Auch mir geht das so:

Vor rund 40 Jahren besuchte ich einen Freund in Salamanca in Spanien. Eine der schönen Erinnerungen an die Stadt sind die morgendlichen Kaffehausbesuche an der Plaza Mayor, wo wir uns mit heisser Schokolade und Churros für den Tag stärkten und das Treiben auf dem sonnenüberfluteten Platz und in den Arkaden beobachteten.

Plaza Mayor in Salamancia — By Xosema (Own work) [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons

Die Plaza Mayor gilt als schönster Platz Spaniens. Was macht ihn aus? Er ist nicht exakt quadratisch, sondern ein unregelmässiges und eigentliches riesiges Viereck von je ca. 70 Metern Seitenlänge. Dieses ist gesäumt von einheitlich gestalteten vierstöckigen Stadthäusern aus dem 17. Jahrhundert. Einzig das Rathaus an der Nordseite ragt etwas über die Balustraden der übrigen Häuser hinaus. Die Erdgeschosse sind als Arkaden ausgestaltet. Sie schützen vor der sommerlichen Hitze und winterlichem Regen und bieten Zugang zu Läden, Bars, Restaurants. Der Platz ist über mehrere Strassen und Gassen erreichbar; die Arkaden verstecken diese Eingänge. So wirkt die Plaza Mayor geschlossen und fast wie ein Wohnzimmer, kann aber problemlos zehntausende Menschen aufnehmen wie an jenem 1. November 1982, als Papst Johannes Paul II. auf seiner Spanienreise in Salamanca vorbeikam und — frenetisch bejubelt — auf dem Platz eine Runde im gläsernen Papamobile drehte. Ob es ebensoviele waren, die ebenso jubelten, als am 1. Oktober 1939 ein auf einer Säule in der Nordwestecke des Platzes montiertes Medaillon des faschistischen Führers Franco enthüllt wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Entfernt wurde es erst im Juni 2017.

Francos Anhänger feiern 1937 die Besetzung der Stadt Gijon mit einer Kundgebung auf der Plaza Mayor (Wikipedia)
Verbrüderungsfeier zwischen Franzosen und der Basler Bevölkerung um den Freiheitsbaum auf dem Basler Münsterplatz am 20. Januar 1798. Kolorierte Radierung von Friedrich Kaiser (Wikipedia)

Ein näherliegenderes, nicht minder eindrückliches Erlebnis bietet der Münsterplatz bzw. der Spaziergang von. der Schifflände hinauf zum ältesten Platz von Basel. Tritt man aus der Augustinergasse hinaus, so entfaltet sich ein vornehmes Panorama weltlichen und geistlichen Reichtums, bar jeden Protzes und seiner Sache dennoch sicher. Nähert man sich dem Münster, schweift der Blick plötzlich hinüber zur Pfalz. Folgt man der Einladung, so öffnet sich die Sicht hinab auf den Rhein, die mittlere Brücke, die Welt. So beschreibt der Platz die Grundlagen und Quellen des jahrhundertelangen Wohlstands der Stadt, die Verbindung von geistlich-sittlicher Ordnung mit Unternehmertum und Handel. (Umso enttäuschender dann der Abschluss dieser Stadtwanderung, wenn man aus der Rittergasse heraustritt in einen namenlosen Ort und Strassen und Tramgeleise überqueren muss, um zum Kunstmuseum zu gelangen, das sich an seiner Rückseite mit dem Picassoplatz begnügen muss).

Wenn wir von Plätzen reden, so meinen wir Kunstwerke wie den Münsterplatz, den Marktplatz, die Piazza delle erbe in Verona (angeblich der schönste Platz Italiens), die Pizza San Marco in Venedig (die Wohnstube Europas) etc. In einzigartiger Weise wirken Boden, Gebäude und Himmel zusammen und schaffen ein emotionales Erlebnis. So sprechen uns die Plätze an, ziehen uns in ihren Bann, erzählen uns Geschichten und beflügeln unsere Phantasie, derart, dass wir immer wieder gern an diesen Ort zurückkehren, und sei es auch nur in der Erinnerung.

Aber Obacht! So sehr sie uns Plätze heute als Kunstwerke wertvoll sind, so wenig war und ist das ihr Hauptzweck.

Blick auf die Agora von Athen (By Runner1928 — Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=58349260)

Kleine Abschweifung III: Demokratie braucht Platz

Plätze im Sinn eines bewusst strukturierten und organisierten öffentlichen Raumes sind eine Errungenschaft der Antike. Sie erscheinen vom 5. Jahrhundert vor Christus an in Griechenland und seinen Kolonien. Stadtplanung wurde zwar schon in Indien und Ägypten des dritten vorchristlichen Jahrtausend praktiziert, wie sich dank Ausgrabungen von schachbrettartig geordneten Siedlungen annehmen lässt. In diesen Orten gab es auch leere Flächen. Sie scheinen aber eher private Höfe von Tempeln und Palästen. Es gab auch keinen Bedarf für Plätze. Der Handel fand ausserhalb der Stadtmauern statt. Jedem Individuum war der Platz in der heiligen Ordnung der Männer (Hierarchie — Gerhard Schwarz) zugewiesen; öffentliche Versammlungen zur Gestaltung des Gemeinwesens waren unnötig und unerwünscht. Vielmehr brauchte es breite Strassen für Prozessionen und Paraden.

Dies änderte sich mit der Erfindung der Demokratie, der Volksherrschaft in Griechenland. Bürgerinnen und Bürger müssen sich versammeln können, um die Geschicke der Stadt zu bestimmen. Die Mitbestimmung braucht einen Ort, die Agora. Sie gilt als zentraler Versammlungsort, Fest- und Marktplatz der Stadt.

Landsgemeinde auf dem Zaunplatz in Glarus (By Kanton Glarus, Samuel Trümpy Photography [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons)
Eine Protestdemonstration auf dem Tahrir-Platz am 30. November 2012. (Foto: Y. Weeks/VOA [Public domain], via Wikimedia Commons)

Heute finden Versammlungen und Märkte meist unter Dach statt, die Plätze sind geblieben. Demokratie wird vereinzelt immer noch unter freiem Himmel praktiziert, wie die Landsgemeinden in Appenzell-Innerrhoden und Glarus zeigen.

Und wenn es notwendig ist, weil die offiziellen demokratischen Institutionen versagen, versammlen sich die Bürgerinnen. und Bürger wieder auf den Plätzen.Der Tahrir-Platz in Kairo wurde zum Symbol der ägyptischen Revolution.

Occupy Wallstreet spielte sich auf einem Platz ab: “Im Gefolge [des Aufrufs] wurden der Zuccotti Park in Lower Manhattan in New York City von Demonstranten besetzt und auf den früheren Namen Liberty Plaza Park provisorisch wieder umbenannt sowie ein Zeltdorf darauf errichtet.” (Wikipedia)

Plätze bereichern mit ihrer Schönheit unsern Alltag. Aber wir sollten uns davon nicht blenden lassen. Sie haben einen viel grösseren Wert, und der ist unabhängig von Grösse und Gestaltung. Sie ermöglichen uns Innehalten im hektischen Verkehr, Erholung, Einkehr, Besinnung, Kontakte, Austausch, Handel, Mitwirkung und Mitbestimmung. Sie sind der Raum für Begegnungen, Debatten, Versammlungen,

Kunstaktionen, Kundgebungen, Partizipation, Politik. Dafür müssen sie nicht grandios sein. Die Rückeroberung des unscheinbaren Hammerplätzli und des Matthäusplatz durch die Bewohnerinnen und Bewohner des Quartiers zeigen dies beispielhaft.

Das Hammerplätzli an der Kreuzung Hammerstrasse/Bläsiring.

Unbekanntes Objekt: Klybeckplatz

Ergebnis der Suche nach dem “Klybeckplatz” im offiziellen Basler Stadtplan

Zurück ins Klybeck. Der Klybeckplatz existiert nicht. Im offiziellen Basler Stadtplan gibt es keinen Ort mit diesem Namen. Das ist auch nicht verwunderlich. Das Areal war über Jahrzehnte ein geschlossenes Stück Stadt. Es wurde nach den Produktionsbedürfnissen der chemischen und der pharmazeutischen Industrie gestaltet und umgestaltet. Es gibt freie Flächen, aber keine “public squares”.

Die Sprache ist die Kleider der Gedanken: “Am Kreuzungspunkt der Nord-Süd- und der Ost-West-Achse soll ein neuer Identifikationsort des Stadtteils entstehen — der Klybeckplatz. Der Platz soll seiner Bedeutung entsprechend räumlich neu definiert werden. Dabei ist eine hohe Dichte mit einer vertikalen Akzentuierung und hoher Aufenthaltsqualität anzustreben.” Dieses Geschwurbel und diese quasi handstreichartige und als alternativlos präsentierte Erhebung einer Kreuzung zum Klybeckplatz ist voreilig. Zu viel Verkehr, zu wenig Geschichten, zu wenig Partizipation. “Eine Stadt braucht öffentliche Plätze; sie sind die grössten und öffentlichsten Räume, die eine Stadt hat. Aber wenn sie zu gross sind, dann wirken sie leer und leblos”, schreibt eine Gruppe um den Architekten Christoph Alexander. Immer wieder in modernen Städten bauten Architekten und Planer zu große Plätze. “Die schauen gut aus auf Plänen, aber im richtigen Leben enden sie menschenleer und tot.” (A Pattern Language. New York 1977. S. 311)

Zu reden ist nicht in erster Linie über “hohe Dichte” und “vertikale Akzentuierung”. Sondern über menschliche Bedürfnisse. Wo bekommt Gemeinschaft, Partizipation, Demokratie im neuen Quartier Platz: ein Schwatz im Schatten einer Linde, ein Kindergeburtstag, Kundgebungen, Aktionen, Zirkus, Fasnacht, Bärentanz, Demos, Meisterfeiern, Trauerumzüge, Hochzeiten, Wahlfeiern, Ehrungen, Konzerte, Kompostgruppen. Dafür braucht es Plätze mit Gemeinschaftszentren, Bibliotheken, Rückzugs- und Besinnungsorten.

Am Anfang des Platzes steht Gemeinschaft, Partizipation, Demokratie. Gemeinschaftliches kann nur gemeinschaftlich gestaltet, nicht von Planern verordnet werden. Wie so ein Prozess aussehen kann und wie er sich von traditioneller Planung unterscheidet — dafür gibt es Beispiele und Anleitungen.

Die Sprache ist die Kleider der Gedanken. Dass die Plätze für das Gemeinschaftliche in der Sprache der Planer nach wie vor so abwesend sind wie auf dem Areal selber — das ist die Irritation nach der dritten Beteiligungsveranstaltung.


Ich danke allen, die mir beim Verfassen dieses Artikels geholfen haben. Insbesondere Claire mit ihrem Fachwissen und ihrer Fachliteratur, Léonard, Lukas, Christoph und Marco, die mich in Diskussionen verwickelt, Entwürfe gelesen und wohlwollend kommentiert haben.

Nachtrag vom 9.11.2017

Christoph Peter weist mich auf das Project for Public Places hin. Die gemeinnützige Organisation hilft Menschen in aller Welt bei der Planung, Einrichtung und beim Unterhalt von Plätzen. Herzlichen Dank für den Tip.