matthias genzel
Jul 10, 2017 · 20 min read

Mein G20: Ernüchternde Erlebnisse mit der Staatsgewalt

Meine Facebooktimeline der letzten Tage zeigte mir ein Bild voller apokalyptischer Nachrichten von “Bürgerkrieg” und brennenden Autos. Menschen posten Videos von Wasserwerfereinsätzen mit dem Satz “die Demonstrationen ufern aus”, offenbar ohne dass sie wussten in welchem Kontext die standen.

Dazu kam in den letzten Tagen von Freunden und Verwandten außerhalb Hamburgs immer wieder die Nachricht: Geht es dir gut? Bekommst du mit was da los ist?

Die Antwort ist: Ja, nur ein wenig kaputt. Und ja natürlich, ich war wohl des öfteren in der Nähe.

Ich will nicht erklären, wieso man protestieren sollte, das wäre mehr als ein Post. Oder interpretieren: wieso die Polizei, Demonstranten und Gewalttätigen handelten wie sie es taten.

Ich will euch so ehrlich es geht, erzählen, wie es sich anfühlt in den Demonstrationen gewesen zu sein, was ich gesehen habe und wie ich den G20 erlebt habe. Wohl auch hauptsächlich um es selbst zu verstehen. Das fällt nicht ganz leicht, wenn man bisher selten Gewalt in diesem Ausmaß gesehen hat.

Das Hintergrundrauschen am Anfang

Es wollten zahlreiche Demonstranten in die Stadt kommen um ihre Meinung zur G20 zu äußern. Auch verschiedene Gruppen von attac bis greenpeace haben sich angemeldet. Da diese irgendwo schlafen und essen mussten, sollte für diese in der Stadt ein Camp errichtet werden. Nach einer längeren rechtlichen Auseinandersetzung war dies nun im Park Entenwerder vom Verwaltungsgericht genehmigt.

Die Polizei verhinderte jedoch das Camp, da man in diesem nur kochen, aber nicht schlafen sollte. Dagegen versuchten sich die Camper zu wehren. Es gab noch in der Nacht ein weiteres Urteil, welches dann den Standpunkt der Polizei teilte. Dass das Oberverwaltungsgericht den Campern Tage später doch recht gab und der Innenminister sich höhnisch dazu äußert, ist zu einer Randnotiz geworden, die da bereits nur noch wenige wahrnehmen. Die Aufgabe den Protest zu ermöglichen haben dann das Schauspielhaus, der FC St. Pauli, die Kirchen und viele Privatpersonen übernommen.

Hinzu liest man ständig von 4000 und dann plötzlich sogar von 8000 Gewaltbereiten, es handelte sich hier wohl um “polizeiliche Erkenntnisse”. Oft genug sind diese wohl leider recht tendenziös und orientieren sich weniger an dem was tatsächlich ist. Es fühlt sich etwas mulmig an: Wollen da Horden von gewaltätigen Anarchisten die Demonstrationen missbrauchen oder sind die Zahlen wieder stark übertrieben?

Tag 1 — Eigentlich ein ganz normaler Tag mit Bier im Park

Es ist Dienstag und der G20 kommt bald, aber auch eine Freundin ist morgen kurz zu Besuch. Ich werde die nächsten Tage wohl nicht so viel Zeit haben also erledige ich alles Wichtige: Einkaufen, Haushalt, was man halt so macht. Zwischendurch lese ich die Nachricht auf Twitter, wer denn in die Schanze zum hedonistischen Cornern kommt. Gemeint ist: Biertrinken und die Sonne genießen an einer Straßenecke als gemütliche Demonstration — nun ich nicht.

Stunden später finden sich dort die Nachrichten von Freunden die in etwa folgendes beschrieben: Das Gebiet um den Arrivatipark war heute bedeutend voller als an normalen Tagen. Die Menschen stehen zusammen, trinken, hören Musik, alle sind bei guter Laune. Dann kommt die Polizei in Rüstung, offenbar bereits mit Wasserwerfern und sperrt ab. Auf den Straßen fahren keine Autos mehr also setzen sich einige Demonstranten auf die Kreuzung. Das findet die Polizei offenbar nicht so gut und tut ihrem Unmut mit dem Wasserwerfer kund.

Ich las das von Freunden und war einigermaßen geschockt von der Eskalation: Wasserwerfer und voll aufgerödelte Polizisten gegen friedliche biertrinkende Menschen in einem Viertel, in dem ich sehr oft bin? Die Rüstung kann ich verstehen. Ihrem eigenen Pressesprecher werden Sie wohl gehört haben und nun vorsichtig sein ob der ganzen Gewaltbereiten. Aber die Wasserwerfer und die Eskalation ging mir trotzdem nicht richtig in den Kopf. Trotzdem war jetzt schlafen angesagt. Morgen und übermorgen kurz arbeiten und danach ab und an mal gegen System, Kapital und <lange Liste einfügen> demonstrieren.

Tag 2 — Lieber tanz ich als G20

Früh habe ich Feierabend gemacht und besagte Freundin vom Bahnhof abgeholt. Bereits hier waren sehr viele, ungewöhnlich schwer bewaffnete Polizisten zu sehen. Der Bahnhof ist voll wie immer und ich laufe aus Versehen fast rücklings in eine Vierergruppe Polizisten. Als ich es bemerke, sehe ich wie die Beamtin die Maschinenpistole leicht hebt und wir schauen uns gegenseitig verwirrt an. Ohne weitere Worte gehe ich weiter, frage mich aber: was erwarten die hier wenn sie vollautomatische Waffen mitbringen und was hatte sie vor als sie das Ding anhob? Egal, jeder erschreckt sich halt mal, auch die Polizei.

Ein wenig später als gedacht kamen wir nun zu meiner ersten großen Demo dieser Tage: “Lieber tanz ich als G20”. Es war ein großes Fest: viele Lautsprecherwagen (kurz: Lautis) aus denen gute Musik kam, tanzende und lachende Menschen, ein paar politische Ansagen und ein paar kleine Einlagen wie einem Transparent und Pyros auf dem Dach der Flora und dem ein oder anderen Haus entlang der Strecke. Alle waren ausgelassener Stimmung, das ganze endete am Valentinskamp. Die Polizei sah man immer mal in Nebenstraßen in Formation stehen. Sie schienen wohl auch froh über den ruhigen Verlauf. Selbst der Wasserwerfer an der Kreuzung war nur halb so bedrohlich.

Als die Demo endete, standen direkt zwei Wasserwerfer vor dem friedlichen Demonstrationszug. Die Hamburger Polizei, bzw. dessen Einsatzleiter Herr Dudde, will Deeskalation durch Stärke, also wohl den Demonstranten so hart die Waffen zeigen, dass die… ja was eigentlich? Nicht mehr demonstrieren? Keine Sachbeschädigungen begehen?

Es fühlt sich an wie ersteres, wie eine Provokation à la “schau her, wir haben diese Waffen und du kannst nichts dagegen tun”. Aber geschenkt: einen roten Teppich hatte ich auch nicht erwartet.

Wir gehen gemütlich nach Hause und ärgern uns, sehr eine gute Band verpasst zu haben. Ein gutes Gefühl bleibt zurück: wenn das so weitergeht, werden dies ein paar schöne Tage. Die kleine Eskalation der Polizei gestern am Arrivatipark war vergessen.

Tag 3 — Welcome to hell

Noch früher Feierabend gemacht, die Stimmung in der Stadt ist gedrückt. Gefühlt warten alle was ihnen das “Fest der Demokratie” wohl so bringt. Eine weitere gute Freundin ist sich mit mir einig, wir wollen protestieren, aber “keine Steine werfen”. Wir haben uns verabredet die nächsten Tage die Demos gemeinsam zu besuchen, teils auch mit ihrem Bruder. Heute steht die “Welcome to hell”, gemeint ist der Kapitalismus) auf dem Plan .

Nachdem die letzte Demo so reibungslos lief und wir ein wenig spät dran waren, dachten wir, dass diese schon unterwegs ist. Also sind wir von den Landungsbrücken aus in Richtung Fischmarkt der Demo entgegen gegangen, um uns dann einzureihen. Als wir dort ankommen, sehen wir vier Wasserwerfer und ein Räumungspanzer die an der engsten Stelle die Demo auflaufen ließen. Dazu mehrere Hundertschaften neben diesen Gefährten, welche hintereinander stehen mussten, da die Straße nicht mal breit genug für sie war. Für alle, die die Ecke nicht kennen: Hier gab es keinen Weg raus. Mauern, dazu Doppelreihen Polizisten an den Seiten und von vorn die Wasserwerfer und der Panzer.

Von vorne war kein Reinkommen möglich, also sind wir an der Seite entlang. Vorne in der Demo stand der schwarze Block, rührte sich aber nicht, keine Angriffe. Es gab ein paar Vermummte, aber auch das war nicht mal ein Viertel der als aggressiv und militant bekannten Aktivisten. Diese machten ihrerseits geschätzt ein Zehntel der Demo aus: vielleicht 1000 Leute und nicht mal ansatzweise die 8000, die laut der Polizei auftauchen sollten. Wir gingen auf den ausgebauten Mauern entlang in den hinteren Teil der Demo, dort begrüßte uns direkt der nächste Wasserwerfer und die nächsten Polizisten.

Ich hielt es für schwer möglich, aber diese “Ungetüme” lösen wirklich ein beklemmendes Gefühl aus, dazu kommen komplett in schwarz gepanzerte Polizisten mit Pfefferspray, Schlagstöcken (Tonfas) und Tränengas. Ein Gefühl der Bedrohung setzt ein — wenn die kommen, tut es weh. Im hinteren Teil der Demo finden wir einen Platz und warten, dass wir dann mal los können. Daraus sollte nichts werden. Es erfolgten Ansprachen aus dem Lautsprecherwagen der Demo, die forderten los zu dürfen und dagegen kamen Ansprachen der Polizei, die bei uns nicht mehr verständlich waren. Erst als die Wasserwerfer vorn angriffen, wussten wir, dass wir hier wohl schlecht stehen — also entgegen des Fischmarkts ein paar Meter weg von der Demo, einen großen Platz hoch.

Berufsrevolutionär werde ich wohl nicht mehr und geduscht hatte ich auch schon, ich wollte demonstrieren. Wir dachten, dass sich das gleich auflöst und wir dann mal könnten, wie naiv. Wir müssen immer weiter zurück, da die Polizei immer weiter angreift, nun auch noch mit dem Wasserwerfer von hinten und damit die Falle zuschnappen lässt. Wir sind immer weiter hochgelaufen — die Demo nicht allein lassen, Solidarität zeigen war wohl der Gedanke. Gewalt von den Demonstrierenden kann ich von meinem Standpunkt aus zu dieser Zeit nicht sehen. Weiter geht es, wir laufen wieder vor der Polizei weg die immer wieder mit ausfallartigen Angriffen in unsere Menge läuft und wild schubst und auf alles prügelt was im Weg ist. Irgendwann kommen wir aus dem Bereich raus und wollen zu einem nahegelegenen Park, um zu sehen wie es weitergeht. Auf dem Weg treffen wir überall Polizei.

Um an einer Gruppe vorbei zu kommen musste ich in ihre Richtung, das war der einzige Ausweg. Der mir am nächsten stehende Polizist hebt drohend seinen bereiten Tonfa und wir haben kurz Augenkontakt — ihr kennt vielleicht den Blick von Menschen, die gerade Hass empfinden und dich prügeln wollen? Ich habe ihn sehr selten gesehen, aber hier schon. Er wird von seinem Kollegen in der Reihe durch eine Berührung beruhigt und wir können vorbei. Zum ersten Mal bemerke ich den Helikopter, der uns die nächsten Tage begleiten wird. Angekommen im Park schaue ich zuerst auf Twitter nach, was da gerade wirklich passiert.

Die Polizei empfand das Vermummungsverbot offensichtlich als schwerwiegender als das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit und ging, wohl gemäß Deeskalation durch Stärke, mit den Wasserwerfern gegen den Block vor, offenbar um ihn abzutrennen. Wie das funktionieren soll, wenn man in einer engen Gasse von vorn und hinten angreift, bleibt das Geheimnis der Polizeistrategen. Es gibt viele Videos, die die Angriffe zeigen. Auch der NDR und DLF sind sich da offenbar einig: die Demonstration wurde von der Polizei zerschlagen. Damit wurde durch die Lage eine Massenpanik in Kauf genommen.

[Nachtrag am Montag, 10.07.: Selbst der Polizeisprecher bestätigt nun, dass es vor dem Angriff der Polizei zu keiner Gewalt von der Demonstration kam]

Nach dem Angriff kommt es zur Gewalt auf beiden Seiten — es fliegen Flaschen, Steine, Wasser und Pfefferspray, beide Seiten prügeln. Sowohl der Block als auch normale Demonstranten haben sich auf die Mauer zurückgezogen, wo sie wieder unter Beschuss genommen werden. Diese Szenen werden jetzt gern im Netz gezeigt als “die Demos eskalieren”. Der gewaltbereite schwarze Block ist hier aber der behelmte mit den Wasserwerfern. Damit wir uns nicht missverstehen, hier ist nicht zwingend der einzelne Polizist gemeint, sondern die Strategie.

Nun genug ausgeruht, wir wollten demonstrieren. Ein paar Meter weiter haben wir auf der Reeperbahn am Nobistor einen guten Teil der Demo wiedergefunden. Der Plan war sich mit den Überresten der Welcome To Hell wieder zu vereinen und dann gemeinsam zu laufen.

Aber bevor das passieren kann, muss erstmal pausiert werden — es gibt da logischerweise ein paar rechtliche Hürden, bevor 1000 Leute durch die Straße laufen dürfen. Während wir warten kamen ständig Gruppen von Polizisten mitten durch die sitzende Menge gelaufen, nicht wirklich aggressiv, aber es wirkt provozierend und verbreitet Unruhe.

Rund um den Nobisplatz sind große Mengen an Polizisten — durchgängig behelmt, obwohl von der Gruppe augenscheinlich kaum eine Gefahr ausgeht. Gegen 21:30 geht es weiter, der andere Zug von Demonstranten schließt auf und unsere gemeinsame Demo läuft, eher ruhig, einen guten Kilometer durch Hamburg. Kurz vor der Sternbrücke kommt aus einer Nebenstraße ein Wasserwerfer angefahren und teilt die Demo.

Der hintere Teil der Demo schreckt zurück und geht ein paar Meter in die Gegenrichtung. Wie es zu der Aktion kam, konnten wir nicht sehen, es war viel zu weit weg, aber mit den Erfahrungen des frühen Abends am Fischmarkt wirkte es komisch. Auf dem Weg weg vom Einsatz fällt auf, dass direkt hinter uns wieder massiv Polizei steht, mit den Schlagstöcken gezückt. Hier geht es offensichtlich nicht raus, so die Körpersprache. Also müssen wir im abgesperrten Bereich wieder warten — die Polizei setzt immer weiter nach und wir können mehrfach nur weglaufen. So ein Tonfa tut weh und die Gefahr, den abzubekommen war recht hoch, da es inzwischen auch dunkel geworden ist.

Die Situation hat sich mit der Zeit wieder aufgelöst, die Polizei hat sich zurückgezogen und wir gehen langsam entlang der eigentlichen Route in kleinen Gruppen. An eine Demo war nicht mehr zu denken — zu oft musste man weglaufen und das macht Angst. Unter der Sternbrücke kommt es zu einem sehr merkwürdigen Anblick: überall 20er / 30er Gruppen Polizei in allen Ecken, zwei Wasserwerfer in einer anderen Ecke, der gesamte Boden ist nass und außer den Polizisten ist auch kaum jemand vor Ort.

Ein paar Meter weiter an der Kreuzung zum Schulterblatt (Schanzenviertel) finden wir die Demo dann recht schnell wieder: Sie ist auf der Kreuzung von allen vier Seiten von der Polizei unter anderem mit Wasserwerfern eingekesselt. An dieser Demonstration jetzt teilzunehmen ist für uns in dem Moment nicht vorstellbar: zu groß ist die Angst vor den Übergriffen durch die Polizei. Also stellten wir uns zumindest daneben, vielleicht würde sich die Situation ja noch beruhigen und es ginge wieder weiter. Jedoch wird die Demonstration aufgelöst und mein Weg zur U-Bahn war mit Polizisten verstellt. In der anderen, ruhigeren, Richtung lag die WG meiner Begleiterin.

Dort angekommen, haben wir versucht die Ereignisse einzuordnen und zu lesen, was außerhalb unseres Blickwinkels passiert war. Das die Polizei eine Demonstration derartig zerschlägt unter dem Vorwand des Vermummungsverbots, konnte ich mir bis zu dem Abend genauso wenig vorstellen, wie den Grad an Gewalt, den ich dort gesehen habe. Ich war nachhaltig verstört von der eingesetzten Waffentechnik, dem Anblick der in Formation laufenden schwer gepanzerten Polizisten und die gefühlt konstant über einem schwebenden Helikopter.

Aber es gab auch die anderen Momente: Abklatschen zwischen Polizei und Demonstranten, hier mal ein Lächeln, dort ein “Anwohner”, der nur mal zum Edeka wollte (den er aber irgendwie auf jeder Demo suchte; ihr habt ihn sicherlich alle bereits gesehen), gute Musik und auch ab und an wieder gute Stimmung. Bis es dann wieder eskalierte, ein ständiges Auf und Ab, das sehr zermürbend wirkt.

Ein schwerstverletzter Demonstrant lag zumindest bis Samstag im künstlichen Koma, ihm musste unter anderem die Milz entfernt werden. Wir werden in den nächsten Tagen auch immer wieder von verletzten Polizisten lesen, auch zu recht. Aber die genaue Anzahl der verletzten Demonstranten ist immer noch ungeklärt, liegt aber bereits jetzt bedeutend höher, auch das gehört zur Wahrheit.

Tag 4 — Was soll das denn jetzt?

Nach wenigen Stunden Schlaf beginnt der Freitag. Twitter ist voller Videos von prügelnden Polizisten in der Nacht, Pfefferspray, vor Wasserwerfern fliehende und unglaublich viele Dokumentationen von Gewalt. Das Gefühl der Hilflosigkeit wird stärker, sich mit der Polizei zu schlagen ist keine Option. Nichts rechtfertigt Gewalt gegen Menschen.

Die Wut ob dieser Hilflosigkeit beginnt zu gären. Ich höre in den Videos die Sirenen der Wasserwerfer, sehe die maskierten und schwer gepanzerten Polizeieinheiten in Formation und höre den Krach der Helikopter. Ich fühle mich direkt wieder bedrängt. Dieses Szenario zeigt offensichtlich psychisch Wirkung, dabei will ich eigentlich nur “normal” demonstrieren. Es stellt sich die Frage, was dies alles die nächsten Tage werden sollte? Aber jetzt aufhören, nicht mehr zu Demonstrationen gehen, das kommt genausowenig in Frage also weiter — das Schlimmste ist wohl überstanden.

Ich fahre erstmal nach Hause, eine Dusche und frische Kleidung klingen wie eine gute Idee. Danach ein Mittagessen in netter Gesellschaft in Winterhude, fernab der Proteste. Ich will auf ein paar andere Gedanken kommen und entspannen. In der Stadt ist es gespenstisch ruhig, die Leute sind auf der Straße, aber es wird weniger geredet und wenn doch dann eher leise. Aus der Entfernung hört man immer mal wieder einen Heli oder ein paar Sirenen.

Auf Twitter ist nun zu lesen, dass etliche Aktivisten seit den frühen Morgenstunden diverse Straßen in der roten Zone blockieren. Dabei versucht die Polizei selbstverständlich diese daran zu hindern. Das “normale” Katz und Maus Spiel, dass man wohl erwarten darf, wenn man den G20 nach Hamburg bringt. Einzelne Einheiten der Polizei gehen offensichtlich wieder zu weit: es kommt zum Wasserwerfereinsatz gegen Sitzblockaden, einzelnen Polizisten, die auf Demonstranten regelrecht einschlagen aber dabei, zumindest meist, von ihren Kollegen unterbrochen werden.

Es kommt auch in zwei Gegenden zu Feuern und brennenden Autos, Scheiben gehen zu Bruch. Während die Polizei versucht die Blockierer zu fassen, laufen Gruppen durch die Stadt und zünden offenbar wahllos Autos in einigen Straßenzügen an. Dies gibt nun die Bilder, die auf Facebook geteilt werden und die Leute sind erzürnt.

Wir denken, dass die Polizei diese Probleme schon in den Griff bekommen wird und gehen wieder los; erstes Ziel: die Reeperbahn. Hier gibt es eine Kundgebung mit Musik und Sprechbeiträgen. Alles ist noch ein wenig müde, man merkt, dass den Leuten die ersten Tage schon in den Knochen stecken.

Weiter an den Landungsbrücken angekommen, kommt die Colourfull Mass vorbeigefahren, eine riesige und gut gelaunte Fahrraddemo. Der Fahrer eines Wasserwerfers, der ganz friedlich an der Seite in Fahrtrichtung steht, wird gefeiert und grüßt mit einem wirklich herzlichen Lächeln und Winken aus der offenen Tür praktisch jeden einzelnen Fahrer (und das waren viele). Die paar nebenstehenden Polizisten veranstalten zeitweise eine Laola. Ich schaue mir das ganze aus etwas Entfernung an und werde von der Polizei beobachtet — nicht ungewöhnlich, schließlich stehe ich Ihnen auf ein paar Meter gegenüber. Ich zeige meine leeren Hände und lehne mich wieder an das Geländer vor mir. Meine Hände erheben und zu zeigen, dass sie leer sind, ist inzwischen zu einer, etwas beängstigenden, Angewohnheit geworden, aber das fällt mir erst hier überhaupt auf.

Ich schaue wieder ein wenig auf Twitter. Da findet sich das Bild der jungen unbewaffneten Frau, die auf dem Räumpanzer steht und zwei Polizisten beschießen sie mit Pfefferspray. Diese Waffe ist nur für den Einsatz im Inneren erlaubt, für das Militär ist sie laut Genfer Konvention zu unberechenbar und brutal. Ob die Beamten glaubten die Nichte von Hulk vor sich zu haben, die hier gleich den ganzen Panzer durch die Gegend wirft oder ob ihnen die Gewalt nun einfach egal war, werden wir wohl nicht erfahren.

Also geht es weiter zur Schanze. Dort ist auch im Alltag ein zentraler Punkt meines Lebens: Essen gehen, Kaffee oder mal ein Bier trinken, das geht dort an allen Tagen außer diesen wunderbar. Schon in einer Seitenstraße des Viertels begrüßen uns komplett fertig wirkende Polizisten, die offensichtlich gerade gekämpft hatten. Unter anderem haben sie teils kaputte Visiere und oft abwesende Blicke aber noch den erhobenen Tonfa. Dazu der obligatorische Wasserwerfer und der Heli über uns. Hier muss etwas gründlich schief gegangen sein. Ich fragte vorsichtig nach, ob wir rein dürfen und uns wird Platz gemacht.

Drinnen fanden wir ein Bild vor, dass für diese Tage recht normal aussah. Einkaufswagen voller Bier, die von Ladenbesitzern durch die Gegend geschoben und verkauft werden, Menschen, die jonglieren und Weg zur U-Bahn Feldstraße ist wie immer voller Polizisten, die aber auch in Reih und Glied stehen, dazu etliche Wasserwerfer. Was ungewöhnlich ist: in Richtung Schulterblatt wurden es mehr Polizisten als weniger. Die Szenen, die ihr aus dem Fernsehen kennt, spielen sich dort ab. Ich war nicht dort und kann nur berichten, was ich wiederum von Bekannten und über diverse Medien gelesen und gehört habe.

Nachdem die Polizei sich aus dem Schulterblatt, also einer Straße und nicht der ganzen Schanze, wie es immer wieder heißt, zurückgezogen hat, kommt es unter anderem zu Plünderungen des Apple Resellers. Dort sollen sich die Leute um die Geräte gestritten haben. Der Rewe und sogar der Budni werden geplündert. Wo gerade den Ortsansässigen klar ist, dass dieser sich in der Vergangenheit solidarisch mit der Roten Flora gezeigt hat.

Eine Gruppe in dieser Zone hat sich schützend vor einen Fahrradladen gestellt, um andere von der Plünderung abzuhalten. Viele sprechen von Krawalltouristen und einfachen Kriminellen, die jene Situation ausnutzen. Es wird wohl dauern, bis wir wirklich wissen, wer hier alles beteiligt gewesen war. Selbst der Sprecher der Roten Flora distanziert sich kurz darauf sehr deutlich von allem was an Zerstörung und Plünderung hier passiert ist, ein bemerkenswerter und seltener Vorgang. Barrikaden brennen auf den Straßen, die Spiegelung davon zusammen mit den kaputten Fenstern ergibt ein apokalyptisches Bild in den Fernsehbildern. Es dauert gefühlt ewig bis die Polizei reingeht, dann aber mit scharfen Waffen.

Draußen ist eine Gruppe von Menschen, die ihre Solidarität mit dem Protest, nicht der Plünderung, zeigen will und offenbar einen kleinen Teil an Schaulustigen, aber die Stimmung ist extrem dunkel. Niemand will so richtig fassen, was da gerade los ist.

Das SEK und Cobra, eine ähnliche Sondereinheit der Österreichischen Polizei, ziehen auf und wir gehen nach Hause. Getrennt zu gehen ist aufgrund der Lage wieder keine Option — ganz davon ab, dass ich natürlich auch wieder gar nicht zu mir käme.

Der lange Zeitraum in dem die Polizei nicht in das Schulterblatt vorgedrungen ist, wird mit dem Einsatz von Molotowcocktails begründet. Tage später werden hiervon Wärmebilder gezeigt: die einen behaupten es handele sich hier um diese extrem gefährlichen Waffen — andere sehen angezündete und fliegende Böller. Die Liste der Dinge die unklar sind, wächst enorm.

Wir sitzen nachts noch bedrückter als am Vortag beieinander und versuchen zu verstehen was das war, dies geben wir auf und verfolgen die Nachrichten. Zum Glück weder Tote noch Schwerstverletzte auf beiden Seiten. Aber es gab auch wieder massive Übergriffe auf Journalisten von Seiten Polizei und Versuche, deren Arbeit zu behindern. Auch wurde weiter an der bereits am Vortag gescheiterten Strategie der Eskalation (außerhalb der Schanze) festgehalten, viele Bilder der Gewalt und die ständigen Provokationen durch die Polizei prägen den Abend.

Tag 5 — Auf, Ab und ein schwer verzögerter “Feierabend”

Es ist der letzte Tag mit großen Demonstrationen. Genauer gesagt: die Großdemo “Grenzenlose Solidarität statt G20”. Vorher finde ich auf Twitter diese Geschichte: Vor der Tür eines Freundes wurden Dinge angezündet. Als er löschen wollte, kam es zu heftigen verbalen Auseinandersetzungen mit den Chaoten, wobei zumindest diese Gruppe offenbar nicht durch eine strukturierte Argumentation glänzen konnte, um es freundlich zu formulieren. Sonst schien es recht ruhig gewesen zu sein.

Also müde aus dem Bett und auf zur großen Demo. Als wir mit einem von Problemen gekennzeichneten HVV endlich ankommen, sind die ersten Blöcke schon gebildet und wir können eine bunte Versammlung verschiedenster Gruppen sehen. Eine Bühne mit Beiträgen und auch trotz der Nacht relativ guter Laune bei allen Beteiligten. Die Sprechchöre funktionieren noch nicht wirklich, aber das wird im Laufe des Tages besser. Viele Flyer und Zeitungen werden verteilt, die einen mehr, die anderen weniger verständlich, aber es wurde langsam zu einem bunteren Fest.

Die Demo startete recht pünktlich und brauchte ob der Menge an Menschen eine ganze Weile um loszugehen. Neben uns liefen linkerhand die ganze Zeit unbehelmte Polizisten. Manche haben ihre Masken abgenommen. Es ist unglaublich, wie beruhigend allein das wirkt. Man sieht das Gesicht, kann sie einschätzen. Sie sind keine schwarze Masse mehr, der ihr Kampfstoffmitteltank auf dem Rücken zu schwer wird, sondern normale Menschen, die mal lachen, manchmal gedankenverloren ihre Einheit verlieren oder mit Demonstranten, die sie nachmimen, scherzen und lachen. Rechterhand wurden grundsätzlich Helme getragen, es schien sich um unterschiedliche Einheiten zu handeln aber auch um unterschiedliche Welten. In den Nebenstraßen findet man dann wieder die Hamburger Interpretation von Deeskalation: sehr große Gruppen von behelmten Polizisten in Formation, die Wasserwerfer stehen wohl um die Ecke.

Bis auf ein kurzes Gemenge am Ende des Zuges bleibt es friedlich auf dem ganzen Weg. Wenn beide Seite nicht provozieren, kann das auch mal mit guter Laune klappen — offenbar eine ganz neue Erkenntnis.

Angekommen am Ziel haben wir schon wieder eine spannende Ansprache verpasst, der Bürgermeister von New York ist leider schon fertig. Die Stimmung war gut, es gab verschiedenste Beiträge auf der Bühne und gutes Essen. Der Großteil der Demonstranten war offensichtlich geschafft nach den Tagen und man saß gemütlich in der Sonne bis zu den Konzerten. Am Rande der Demonstration kam es wieder zu einem Wasserwerfereinsatz, daran habe ich mich so langsam gewöhnt, kein Grund panisch zu werden. Nur die Tatsache, dass ich mich daran gewöhnt habe, sollte mich wohl erschrecken.

Es gibt Berichte vom Einsatz von Schlagstöcken, unter anderem in die Weichteile und diverse Provokationen seitens der Polizei. Unter anderem sind sie mit vielen Einsatzfahrzeugen und Blaulicht auf die Demo zugerast, haben kurz vorher gestoppt, behelmte Polizisten ausgeladen und sind weggefahren. Diese standen eine Minute in Formation wartend rum, nur um dann den Schatten zu suchen und den Rest der Demo zu beobachten. Was so etwas soll ist unklar, aber die Leute sind betont ruhig geblieben und es ist nichts weiter passiert.

Nach diversen Konzerten ist die Demo ohne weitere Angriffe beendet und wir wollen noch gemütlich ein Bier in der Schanze trinken. Es war ja nun alles vorbei und viele Gruppen haben sich bereits per Twitter abgemeldet. Wir kommen an und finden etliche ruhig laufende Polizisten (viel weniger als die letzten Tage). Eine große Gruppe von Menschen steht auf der größten Kreuzung der Gegend und offenbar gibt es eine kleine Sitzblockade vor einem sowieso schon parkenden leeren Polizeikonvoi, der gefühlt seit dem ersten Tag hier stand. Vor einer Bar gibt es Lifemusik und Bier, genau das, was wir jetzt wollen.

Nach einer Stunde planten wir den Heimweg, die Situation war unverändert ruhig. Dann fährt plötzlich ein bisher parkendes Polizeifahrzeug auf die Sitzblockade zu, dieses wurde aber recht schnell in aller Ruhe von Demonstranten vorn und an den Seiten umringt, damit dieser dreht und durch die Freien Straßen fährt anstatt über die dort sitzenden Menschen. Es gab eigentlich kein Problem: der Wagen hielt an und fuhr ganz normal langsam rückwärts, alles wie immer. Als er von den Demonstranten entfernt wieder stand, wurde es hektisch. Es kommen wieder große Mengen an Polizisten in die Situation gerast, wie man es nun schon gewohnt war, steigen aus und stellen sich in den gewohnten 20er/30er Gruppen auf die Kreuzung. Nichts groß passiert, offenbar werden einzelne in den Randbereichen festgenommen, aber in Summe war es sonst recht ruhig im Vergleich zu den anderen Tagen, man ist inzwischen mehr gewohnt. Die kleine Sitzblockade wird offenbar wieder ignoriert.

Das ändert sich dann schlagartig. Woher die Stimmungsänderung kam, kann ich nicht sagen, da wir nun wirklich auf dem Heimweg sind und mit dem Rücken zu Eskalation gehen. Wasserwerfer stehen wieder auf dem Platz und werden von Steinen begrüßt. Die leeren Flaschen wurden alle in Containern entsorgt, damit sie nicht zu Geschossen werden konnten. In einer Seitenstraße gen U-Bahn angekommen kommt uns dort ein Wasserwerfer mit Bodenpersonal und Panzer entgegen. Ja: ich wollte mal tatsächlich im eigenen Bett schlafen. Also wieder ran an die Wand und Hände hoch: “Ich will doch nur nach Hause”.

Auf der anderen Seite der Straße zeigt sich dasselbe Bild, also holen wir erstmal ein Bier im dortigen Kiosk und warten ab, wie es nun weitergeht. Nichts passiert, die Wasserwerfer schießen ab und an, aber es liegt kein Pfeffer in der Luft, man kann normal atmen. Die Reihen der Polizei lockern sich etwas, also versuchen wir zu gehen. Dabei treffen wir auf eine wirklich entspannte Einheit, leider sind es Hessen und die haben dementsprechende Ortskenntnisse. Welche U-Bahn gerade fährt und welche Haltestellen aktiv waren, war nicht herauszubekommen. Aber darin waren wir ja nun geübt, die Strecke der letzten Nächte war immer frei — also los. Dabei wird unter anderem wieder einmal hinter uns abgesperrt und wir werden mit erhobenen Schlagstock überredet in die nächste Gruppe Polizei zu laufen, die uns dann durchlässt.

Das wohl größere Problem an diesem Abend: Die hier Versammelten sind offenbar nicht nur Demonstranten der letzten Tage, sondern auch viele Touristen, die sich mal mit der Polizei jagen wollten. Die eigentlichen Demos sind durch und alle, die wir treffen, wirken recht zufrieden, dass es vorbei ist. Aber diese Leute versuchten alles, um nochmal gejagt zu werden und sobald der Wasserwerfer anfängt leicht zu sprühen, rennen sie in großen Gruppen schreiend davon. Das war wirklich gefährlich, gerade als schon wieder mit vollautomatischen Waffen ausgerüstete Einheiten auftauchen. Was sollen die tun, wenn einer der Idioten anfängt mit Steinen zu werfen? Es hinnehmen oder würde sich irgendwann ein Schuss lösen?

In der WG meiner Begleiter angekommen gibt es wieder das übliche Bild: zum Glück keine Toten aber viel Gewalt und auch schon wieder Repressionen und Gewalt gegen Journalisten und sogar Sanitäter.

Tag 6 — Feierabend

Nun ist es Sonntag und wir sind uns einig: für dieses Wochenende ist Schluss. Ich fahre nach Hause und fange an diesen Text zu schreiben.

Aber was bleibt denn nun von dem Ganzen:

  1. Es wurde friedlich gestört, demonstriert und gezeigt, dass man nicht einverstanden ist mit der Politik, das finde ich gut — sonst wäre ich ja nicht dort gewesen.
  2. Die Polizei hat massiv die Demonstrationen gestört, angegriffen und unverhältnismäßig zerschlagen; Journalisten angegriffen und Akkreditierungen ohne Begründungen entzogen. Es wurde ein konstantes Bedrohungsszenario aufgebaut gegen Protest, vor allem auch gegen den friedlichen. Diejenigen, welche Chaos verbreiten kennen das womöglich und ignorieren es, aber die “normalen” Demonstranten fühlten sich davon bedroht und gefährdet. Polizeibrutalität ist ein Problem, dass weitreichender ist als normale Gewalt, da diese zumindest scheinbar vom Staat legitimiert und damit um Längen bedrohlicher ist.
  3. Es kam zu reaktiver Gewalt aus Reihen der Demonstranten und zu Chaos und Zerstörung. Das kann nicht der richtige Weg sein, vor allem wenn sich diese Gewalt gegen Menschen richtet, ist diese einfach immer abzulehnen.

Ich habe unendlich viele beängstigende, solidarisierende, lustige Szenen ausgelassen und Dinge nicht besprochen, bei denen ich nicht weiß, was wirklich los oder bei denen ich nicht vor Ort war.

Vielleicht schafft es der wohl kommende Untersuchungsausschuß im Senat ein komplettes Bild zu liefern.

Zum Abschluß: ich habe wiederholt gelesen, dass der Linksterrorismus genauso schlimm wäre, wie der von Rechts oder wie der von Islamisten. Aber es gibt hier einen großen Unterschied: Es wurden keine Menschen mit vorgehaltener Waffe hingerichtet, geköpft oder bewohnte Flüchtlingsheime angezündet.

Es ist halt immer einen Unterschied, ob ich Menschen oder Autos anzünde, das kann und darf niemals gleichgesetzt werden!

PS. Es ist nun Montag und die Menschen sitzen wieder im Schanzenviertel und trinken ihren Chai-Latte, während sie am Macbook arbeiten. Für ein vollkommen zerstörtes Bürgerkriegsgebiet, wie wir allenthalben lesen, ist dies ein ein wenig überraschend.

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