Responsible Webdesign

Das Internet ist ein chaotisches Medium. Es gleicht einem Ozean: fließend, unüberschaubar und ständig im Wandel. Fast drei Milliarden Menschen tummeln sich dort und benutzen dabei die unterschiedlichsten Endgeräte. Und Land ist nicht in Sicht. Das Internet der Dinge wird mit intelligenter Kleidung, smarten Zahnbürsten und autonomen Autos das Netz noch vielfältiger werden lassen. Wie können wir es trotzdem schaffen, zukunftssichere Websites zu entwickeln? Ein Plädoyer für verantwortungsvolles Webdesign.

2010 veröffentlichte der Webdesigner Ethan Marcotte einen Artikel über die Herausforderungen, mit denen er durch die wachsende Popularität von internetfähigen Smartphones konfrontiert wurde. Er schlug einen völlig neuen Webdesign-Ansatz vor. 2015 kündigte Google an, von nun an mobilfreundliche Seiten höher in den Suchergebnissen zu platzieren als statische Seiten. Ein gewaltiger Erfolg für Marcottes Idee namens „Responsive Webdesign“.

Leider reichten die fünf Jahre auch aus, diesen Begriff auszuhöhlen und zu einem Buzzword verkommen zu lassen. Denn die Praxis sieht heute oft so aus: Eine Website wird auf einem Computer mit Breitband-Internet, neuester Hardware und einem großen Bildschirm entwickelt. Kurz vor Projektende wird die Seite auf einigen aktuellen Smartphones und in den beiden neuesten Generationen der gängigsten Browser getestet. Daraufhin werden die auffälligsten Fehler behoben und die Website wird veröffentlicht. Alle Nutzer, die mit älterer und leistungsschwächerer Hard- und Software ins Netz gehen, werden potenziell ausgeschlossen. Das ist kein responsives Webdesign im Sinne Marcottes.

Das Internet ist für alle da

Doch warum sollten wir uns den Stress antun, ältere und schlechtere — kurz: dümmere — Geräte und Browser zu bedienen? Werden internetfähige Geräte nicht immer besser und sterben die alten nicht langsam aus?

Tatsächlich gibt es diese erfreuliche Entwicklung: Auf Desktop-PCs beobachten wir seit einigen Jahren, dass die verschiedenen Browser immer seltener ihr eigenes Süppchen kochen. Dies bedeutet weniger Test- und Entwicklungsaufwand. Aber eben auch nur aus der Sicht des oben beschriebenen PC-zentrierten Workflows.

Es ist zu erwarten, dass wir auch zukünftig mit dummer Technik zu kämpfen haben werden. Computer mit Sprachsteuerung, die bald jedes neue Auto an Bord haben wird, haben wahrscheinlich andere Stärken, als die perfekte Darstellung der neuesten Webstandards. Billig-Smartphones, die schon jetzt großen Teilen der Menschheit erstmals Zugang zum Internet ermöglichen, sind vor allem eins: vielfältig. Die Aufzählung fragwürdiger Bedingungen unter denen Websites heute und morgen konsumiert werden, ließe sich fortsetzen.

All die davon betroffenen Nutzer mutwillig auszuschließen, ist betriebswirtschaftlich gesehen fahrlässig. Und es widerspricht dem, was das Internet so großartig macht: Es bietet allen Menschen freien Zugang zu Informationen und Kommunikation.

Websites sind für Menschen, nicht für Geräte

Unser Ziel sollte darum lauten, unsere Seiten möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen — Menschen mit alten und neuen Geräten, langsamen und schnellen Verbindungen, kleinen und großen Bildschirmen, mit Behinderung und ohne, Jungen und Alten, Anfängern und Experten.

Bei diesem Ansatz spielen die konkreten technischen Voraussetzungen bei den Nutzern erstmal keine Rolle. Es geht vielmehr um eine grundlegende Sichtweise, eine Philosophie. Die Frage „Wie kontrollieren wir den Browser des Nutzers?“ ist unzulässig — wir können es nämlich gar nicht. Jedes Gerät, auf dem wir testen wird neue vermeintliche Fehler produzieren.

Lasst uns aufhören, Websites für Desktop-PCs zu entwickeln oder für Smartphones. Wir entwickeln Websites für Menschen. Und diesen Menschen geht es in erster Linie nicht darum, wie die Website in ihrem Browser aussieht — es geht ihnen um das, wofür wir überhaupt Websites entwickeln: Inhalte.

Der PC-zentrierte Workflow führt zur gängigen Praxis, Inhalte auf kleineren Bildschirmen einfach auszublenden. Etwa weil der Webdesigner keine Möglichkeit sieht, seine Gestaltung auf wenigen hundert Pixeln unterzubringen oder noch schlimmer: Er unterstellt dem Smartphone-Nutzer, dass er auf seinem Telefon keine längeren Texte lesen möchte. Diese ausgeblendeten Inhalte werden natürlich trotzdem heruntergeladen und blähen so die Ladezeit der Seite auf.

Meinen wir wirklich unsere Nutzer so gut zu kennen, dass wir ihnen genau den Teil unserer Seite vorenthalten wollen, der sie vielleicht zu überzeugten Kunden gemacht hätte? Die durchschnittlichen Verweildauern mobiler Nutzer sprechen eine andere Sprache. Diese Nutzer kommen nicht nur für einen kurzen Snack — sie sind hungrig.

Andersrum wird auch kein Schuh daraus: Wenn wir etwas auf einem kleinen Bildschirm weglassen, weil es uns dort nicht als relevant oder wichtig erscheint — dann gibt es keinen Grund, warum es auf einem großen Bildschirm plötzlich doch wieder wichtig sein sollte.

Verantwortungsvolles Webdesign

Bei einem Stromausfall wird eine Rolltreppe zu einer Treppe — ein Fahrstuhl wird nutzlos. Im Zentrum einer Website sollte daher eine solide Grundlage stehen, die schon in den allerersten Bauplänen Platz findet. Das Ziel ist, um im Bild zu bleiben, dass alle Etagen für möglichst alle Nutzer zugänglich sind. Ohne Anstrengung hin- und herzufahren ist ohne Frage komfortabler — aber es ist erst der zweite Schritt.

Ein Maler hat eine Leinwand mit klaren Abmessungen. Eine Zeitungs-Grafikerin weiß genau, wie viel Platz ihre Layouts einnehmen dürfen. Diesen haltgebenden Rahmen haben Webdesigner heute nicht mehr. Und genau genommen hatten sie ihn nie. Es ist nicht einfach, die gewohnten pixelgenauen Designs hinter sich zu lassen. Aber es ist nötig. Weil wir nicht wissen können, wie unsere Websites beim Nutzer genau aussehen werden, müssen wir stattdessen anfangen Designsysteme zu entwickeln.

Es mag wie eine angestaubte Binsenweisheit klingen, aber noch nie war ein Design-Grundsatz so wahr wie im Internet von heute und morgen: Form follows function — das Design entsteht aus den Inhalten, die wir anbieten. Mit diesem Ansatz lassen sich viel Zeit, Mühe und Nerven sparen. Es macht außerdem einfach keinen Spaß, das perfekte Traumprodukt herbeizufantasieren, um dann endlos damit zu kämpfen und schließlich zu merken, dass es niemals realisiert werden kann.

Und tatsächlich führen Designs, die unter unterschiedlichsten Bedingungen funktionieren, zu einer höheren Qualität für alle Nutzer. Wenn wir unseren Designs den Raum geben, Vielfältigkeit zu tolerieren und aufhören, Mikromanagement zu betreiben, gewinnen unsere Inhalte Raum zum Atmen. Und den haben sie verdient.

Davon profitieren nicht nur unsere Nutzer. Indem wir klar definieren, wie unsere Website auf dem denkbar niedrigsten Niveau funktionieren soll, erhalten wir automatisch ein klareres Verständnis der Funktionalitäten, die sie erfüllen muss. Wir können besser beurteilen, was wir tun oder lassen sollen. Denn Verantwortung kann auch heißen, manches beindruckende Feature nicht umzusetzen.

Verantwortungsvolles Webdesign produziert ganz automatisch prägnante, zielgerichtete Websites, die schlaue Geräte belohnen, anstatt dümmere Geräte zu bestrafen. Wenn wir unsere Projekte Bottom-Up statt Top-Down angehen, können wir akkurater schätzen, wie lange wir brauchen werden, um sie zum Leben zu erwecken. Unsere Websites werden einfacher zu warten sein, wodurch wir schneller auf neue Erkenntnisse und Entwicklungen reagieren können. Je abwärtskompatibler unsere Seiten sind, desto besser sind wir damit für die Zukunft gerüstet. Egal, wie stark der Seegang sein wird: Wir werden im richtigen Boot sitzen.