Die Wiedergeburt der Poesie
,.Es zählt immer der erste Eindruck”, oder wie der Engländer sagt : “You will never get a second chane to make a first impression.” Dies gilt nicht nur beim Vorstellungsgespräch, sondern auch in allen anderen Bereichen des Lebens. Das Äußere spielt zumeist die größte Rolle, denn die visuelle Wahrnehmung liefert die ersten Informationen über, sei es nun einen spezifischen Gegenstand, ein Themengebiet oder eben einen Bewerbungskandidaten. Nie würde es überhaupt in Erwägung gezogen werden einen Mitarbeiter einzustellen, der in einer Jogginghose und zerwühlten Haaren, zum Bewerbungsgespräch erscheint. Und genau so verhält es sich auch bei der Popularität von Deutschrap, denn der erste Eindruck, das gesellschaftliche Wissen über dieses Musikgenre, besteht doch eher aus Drogen, Prostitution und Gewalt, Gegenstände, die meist eine sofortige Ablehnung hervorrufen, ungefähr die gleiche wie beim Bewerbungskandidaten in Jogginghose beim Bewerbungsgespräch. Doch dass vielleicht dieser Kandidat genau der Richtige für das Stellenangebot ist, dass sich hinter diesem ,,Schlabberlook” ein Genie verbirgt, wird vom Arbeitgeber gar nicht mehr in Erwägung gezogen. Auch bei Deutschrap verhält sich das ähnlich, wie in dem beschriebenen Bild.
Zu oft denken Leute, dass der deutsche Rap nur aus Sido und Bushido bestünde, was ein schwerwiegender Fehler ist. Zwar gehören die Beiden mit zu den erfolgreichsten Rappern der deutschen Szene, doch gilt es unter Berücksichtigung des lyrischen Aspekts, vor allem die Songs der Underdogs näher zu betrachten.
Beispielhaft liefert der Rapper eRRdeKa hervorragende Texte von perfekter Wortgewandheit in passender Begleitung der Musik. In seinem Song ,,Das Meer und ich” wird die Situation eines jungen Menschen, der im Begriff ist seine Eltern zu verlassen, um sein Studium zu beginnen und somit tausende neue Erfahrungen zu sammeln, eindrucksvoll am metaphorischen Bild einer einsamen Person in Beziehung zum unendlich weiten Meer, das mit all seinen verschiedenen Facetten die unterschiedlichsten Umstände des neuen Lebens verkörpert, dargestellt. Dies ist nicht nur der einzig lyrisch anspruchsvolle Song seines ersten großen Debütalbums ,,Paradies”. Die Texte von ,,Schwarz weiß”, ,,Lass mich los” und ,,Sternenpflücker” überzeugen ebenfalls auf ganzer Linie und zeigen, dass Rap zu den verschiedensten Themenbereichen wie Liebe, Heimat, Kindheit und Depression Gesichter malen kann. Leider verfällt auch eRRdeKa dem Muster des klassischen Raps in seinem zweiten Album ,,Radunderdog”, in dem es nicht mehr dem tiefgehenden Aspekt von ,,Paradies” treu bleibt und über oberflächliche Dinge diskutiert.
http://genius.com/Errdeka-das-meer-und-ich-lyrics
Doch geht es bei der Wiedergeburt der Poesie im deutschen Rap nicht nur um den lyrischen Aspekt. Durch das Einbringen von vielen, kleinen Wortspielen zeichnet sich beispielsweise der Rapper Marsimoto aus. Von Album zu Album hat er sich dabei übertroffen. Gerade in seinem neuen Werk ,,Der Ring der Nebelungen” kommt dies in fast allen Liedern zum Ausdruck. Dass dabei immer das Thema Kiffen im Vordergrund steht, scheint nur Mittel zu sein, um seine anspruchsvollen Wortspiele darzustellen.
Gleiches Spiel bei Deutschlands meistgehörten Rapper Kollegah, der seine Kunst unter Themen wie Prostitution, Drogen und Waffen unterschiebt. Natürlich sind die meisten seiner Songs moralisch höchst diskutabel, indem Frauen als minderwertig dargestellt werden, Umweltschutz und Menschenrechte verachtet werden und aktive Gewalt Zentrum der Handlung ist, doch zeigen sie nahezu perfekte Auswahl der Wörter an richtiger Stelle und bieten unfassbare Reime und Vergleiche für den Zuhörer (,, Blowjobes im Pool, die ich von Schlampen fordert, finden unter Wasser statt, wie Atlantis Forscher”). Eines seiner Lieder ,,Universalgenie” zeigt lyrische Gewandtheit, die man schon für Tod erklärt hat und nur noch aus Zeiten eines Rainer Maria Rilkes kennt.
http://genius.com/Kollegah-universalgenie-lyrics
Fabian Römer widerrum zeigt auch einen hohen lyrischen Anspruch in seinem Album ,,Kalenderblätter”. Auch er versteht es seine lyrischen Elemente hervorragend mit seiner Musik verschmelzen zu lassen, wie beispielsweise in seinem Lied ,,Zimmer ohne Zeit”. Hierbei klingt die musikalische Begleitung stehts wie eine tickende Uhr und unterstreicht Zitate wie dieses umso mehr und zeugt von wahrer Kunst: ,,Nachbarn drohen mit Polizei. ‘Was fällt ihrem Sohn nur ein so laut zu sein?’
Ich weiß, Mittagsruhe zwölf bis drei — Tut mir leid! Das einzuhalten ist nicht leicht in so einem Zimmer ohne Zeit!”
http://www.magistrix.de/lyrics/fabian-roemer-f-r/Zimmer-Ohne-Zeit-1223151.html
Rap ist das wohl am meisten unterschätzte Musikgenre Deutschlands, doch ist die Szene im Begriff zu wachsen. Der Schein, die Texte seien nur von Assozialen für Assoziale geschrieben, ist ein schwerer Irrtum, denn nirgendwo in der deutschen Musikbranche lassen sich so viele herausragende und intelligente Vergleiche, Metaphern und Wortspiele finden, wie im Rap. Es lohnt sich also ganz bestimmt mal über den ersten Eindruck hinweg zu sehen und genauer hinter die Fassade dieses Genre zu schauen.