Eine nicht sehr wissenschaftliche Abhandlung über Eier, Tauben und Zähneputzen.

Max Lübbe
Jul 25, 2017 · 6 min read

Er hatte den restlichen Tag und die dazugehörige Nacht größtenteils im Bett verbracht und abwechselnd nachgedacht und geschlafen. Jetzt war ein anderer Tag, er war nicht zur Arbeit gegangen und mit jedem neuen Tag kommt auch der Hunger. Der Blick in den Kühlschrank ernüchterte ihn.

„Thorben, sind das deine Eier im Kühlschrank?“

„Ja.“

„Darf ich eins?“

„Nein, die brauche ich noch.“

Er nahm die Eier, zerschlug sie über einem Plastikgefäß, gab eine Prise Salz und ein wenig Pfeffer hinzu und rührte. Aufgrund eines fehlenden Schneebesens benutzte er dafür eine einfache Gabel. Er fügte dem Gerührten einen Schuss Milch hinzu und erhitzte parallel ein wenig Olivenöl in einer Pfanne. Plötzlich stand Thorben hinter ihm und war doch reichlich böse.

„Ich brauche die noch.“

„Auch in diesem Zustand?“

„Nein. Ich hab es satt mit so nem Bedürfnisorientierten zusammenzuleben.“

„Na, ja satt wirst du jetzt nicht mehr. Kaum mehr was da im Kühlschrank. Aber du weißt, dass ich ein Verfechter des Kühlschrankkommunismus bin. Alles ist für alle. Du kannst gerne was von meinen Sachen nehmen.“

„Aber ich will meine Eier.“

„Im Kühlschrankkommunismus gibt es kein Deins und Meins. Nur ein Unser.“

„Digga. Ich hab die Eier von meinem Scheißgeld bezahlt und will sie morgen essen.“

Das Öl in der Pfanne wurde sehr heiß. Noch war es nicht zu heiß, aber es würde nicht mehr lange dauern, bis es nicht mehr zu gebrauchen wäre.

„Ich kauf dir morgen früh Neue. Ist das okay?“

„Eigentlich nicht.“

Das Öl hatte längst den Siedepunkt erreicht und begann Blasen zu schlagen.

„Okay. Sorry nochmal.“

Thorben verschwand wieder in seinem Zimmer.

Er wusch das verbrannte Öl aus der Pfanne und startete die ganze Prozedur von Neuem. Pfanne auf die Herdplatte. Öl in die Pfanne. Warten. Er hielt inne, während er wartete. Dann hatte er einen Entschluss gefasst. Er hatte nun endlich die Eier, um sich auf den Weg zu machen. Er nahm eben diese, ging in Thorbens Zimmer und kippte sie ihm wortlos über den Kopf. „Ich ziehe aus.“ Sein Mitbewohner war etwas überrascht und sagte gar nichts. wartete noch einen Moment auf eine Erwiderung oder ein Kommentar, drehte um und fing an zu packen. Er schmiss wahllos alles in einen Handgepäckkoffer, was er für wichtig erachtete. Die Socken wollten dabei keine Paare ergeben und es war egal, ob sie es taten. Die größte Rebellion seines bisherigen Lebens war wohl, dass er nie gleiche Socken trug. Er sah es als Emanzipation von einer Gesellschaft, in der die Paarwerdung von Socken einen recht hohen Stellenwert hatte. Alles musste immer zwei sein. Und wenn es zwei war, sollte es am besten auch noch sehr gleich sein. Das funktioniert genauso bei der Beurteilung von menschlichen Beziehungen: „Ihr passt voll gut zusammen,“ sagt da die wohlwollende Bekannte. „Ja, wir haben auch die gleichen Interessen und so. Zum Beispiel mögen wir beide die Nasenlöcher von Pferden. Wusstest du, dass die Nüstern heißen? Was ein witziges Wort,“ antwortet die glücklich Vergebene und nach Nüstern lüsterne Dame. Neben den alleinstehenden Socken fanden andere Klamotten, ein Notizbuch, eine alte Pfeife, ein Taschenmesser und eine Handvoll Bücher Platz in dem Koffer. Außerdem die in West- und Mitteleuropa gängigen Hygieneprodukte und eine Unterwasserkamera. Auf dem Weg zur Tür meldete sich der Feuermelder.

„Alter, was stimmt mit dir nicht?“ schrie Thorben, als er an ihm vorbei in die Küche stürmte. Thorben war in der Zwischenzeit wohl duschen gewesen oder hatte sich zumindest gewaschen, denn von dem Rührei war nichts mehr zu sehen. Er nahm seinen Mantel, atmete tief ein und öffnete die Tür. Unten auf der Straße fiel ihm der Hunger wieder ein und er bedauerte die wohl für immer verlorenen Eier. Er und sein Handgepäckkoffer und rollten nach Überwindung der Trauer durch die wohlständigen Straßen Eppendorfs. Er dachte an all die Millionäre und Ärzte und auch sonst sehr reichen Menschen, die hier ein Leben gefunden hatten und verschiedene Sorten Olivenöl Zuhause hatten. Sein Koffer machte das rollkoffertypische Geräusch, das eine Mischung aus Rauschen und Rattern war. Ratarauschratarauschratarausch. Das Geräusch der Tüchtigen und Geschäftigen. Er war unzufrieden mit dem Bild, dass er abgab. Schwarzer Mantel, der Koffer mit seinem umtriebigen Ratterrauschen und die allgemein gepflegte Erscheinung, die er hatte. Er war nun ein Reisender. Aber keiner dieser Jet-Set-Reisenden, die tagtäglich von Hamburg nach Frankfurt flogen, um Präsentationen vor Investoren zu halten und das Geld, dass ihnen Gott geworden war, zu vermehren. Keiner von denen, die mit Headsets durch Straßen liefen und verlernt hatten zu denken, weil ihnen dafür keine Zeit blieb. Er war ein Reisender aus freiem Willen. Vielleicht auch ein Suchender, wobei der Gegenstand der Suche noch verschwommen hinter dem nebligen Altbauwohnungs-Horizont lag. Er wollte ein gedankenvoller Landstreicher sein, der rastlos war der Neugierde wegen. Da war irgendwo Magie in der Welt, die sich versteckte in dem Unaussprechbarem, weit jenseits unserer Sprache. Und sie wollte gefunden werden. So konnte er nicht auftreten, wenn er sich auf diese Reise begab. Ein Obdachloser mit Krücken fragte ihn nach Kleingeld. Ein schlechter Bekannter hatte ihn vor einiger Zeit über die Bettlerbanden aus Rumänien aufgeklärt und dass man jene an Krücken erkennt. „Gib denen auf keinen Fall irgendwas. Das geht alles an die Mafiabosse da im Hintergrund,“ hatte der Bekannte gemahnt. Er hielt an, zog seinen Mantel aus und legte ihn neben den Handgepäckkoffer, dessen Geräusch er nicht mehr ertragen konnte. Er öffnete den Koffer und nahm aus irgendeinem Grund die Unterwasserkamera, ein nicht zusammenpassendes Paar Socken und die Pfeife. Er lächelte den Obdachlosen an, machte einen Knicks und ging ohne Mantel und ohne Rollkoffergeräusch weiter. Er fühlte sich befreit, begann zu singen und sogar zu tanzen. Es war egal, wohin es ihn nun trieb, das Leben würde ihm den Weg schon zeigen. Er erreichte freudetrunken die U-Bahn Station, schritt erhaben an all den armen materiell gebundenen Teufeln vorbei und setzte sich auf eine der Bänke. War das nun Freiheit, auf einer ungemütlichen U-Bahn Bank sitzen, warten auf einen Zug, der einen an ein nicht bestimmtes Ziel bringt? Er steckte sich eine Zigarette an. Vor ihm landete eine Taube und begann friedlich zu gurren. „Siehst du mich?“ fragte die Taube. „Ja, aber du solltest nicht reden können.“ „Ich rede auch nicht, ich gurre. Wie alle Tauben. Du möchtest aber, dass ich rede, also rede ich.“ „So einfach ist das? Nur weil man etwas möchte, geschieht es?“ „Naja, es geschieht nicht wirklich. Und irgendwie geschieht es doch. Das Schöne an der Wirklichkeit ist ja, dass du selbst entscheiden kannst, wie sie aussieht. Schwierig wird es nur, wenn du diese Wirklichkeit mit anderen teilen möchtest. Die haben natürlich eine andere Wirklichkeit und halten dann deine Wirklichkeit für falsch. Wir haben uns über die Jahre halt auf eine Konsens-Wirklichkeit geeinigt. Und in der reden Tauben nicht.“ „Ich verstehe. Und warum verlasse ich diese allgemeingültige Wirklichkeit erst jetzt? Ich meine, damit wäre doch einiges möglich gewesen, mit dieser eigenen Wirklichkeit.“ „Das kann ich dir nicht beantworten. Ich bin nur hier, um dich zu warnen. Geh zurück in das Wirkliche, das Materielle. Bleib bei dem, was alle sehen können. Ansonsten wirst du bald einsam und traurig durch diese Welt spazieren. Falls du aber den Mut hast, dich für den Weg der Möglichkeiten zu entscheiden, so warte ich auf dich. Nicht hier, aber an einem Ort, der dir nicht fremd ist.“ Die Taube flog davon und ließ ihn alleine. Getrieben von einer undefinierbaren Panik rannte er zurück zu der Stelle, an dem er seinen Mantel und den Rollkoffer zurückgelassen hatte. Beides war verschwunden, mit ihm der Obdachlose. Auf dem brüchigen Asphalt vor ihm fand er nur seine Zahnpasta und einen Zettel. ‚3 Minuten Zähne putzen jeden Morgen. Drei Minuten jeden Abend. Das sind, solltest du 80 Jahre alt werden, 175200 Minuten Zähneputzen in einem Leben. Wenn du die Taube siehst, frag sie nach der Zeit und ihren Tücken‘ stand dort in krakeliger Handschrift. Er drehte den Zettel um, der auf dieser Seite deutlich länger und größer war als auf der Vorderseite. In leuchtenden Lettern sprang ihm die erste Aufgabe entgegen: „Schritt 1: Gebe der Stadt ohne Gesicht ihr Lächeln zurück.“

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