Tanzende Würmer.

“Ich habe die Deutungshoheit über meine Erinnerungen verloren. Meine Realität ist Fiktion geworden und meine Fiktion Realität. Meine Entscheidungen dienen der Plotentwicklung. Ich verlaufe mich in einem unvollkommenen Drehbuch mit unzähligen leeren Seiten. Der Arbeitstitel dieses Stücks ist immer noch Leben, aber ich stehe kurz vor der endgültigen romantischen Verklärung des Seins.”

Ein Teil von ihm hatte Angst vor dieser letzten Grenzüberschreitung, vor dem Verlust einer klaren Realität. Ein anderer Teil — der, der ihn in diese Lage gebracht hatte — flüsterte: ‘Wenn du und dein Wesen und dein Verhalten sowieso von deinen Umständen konstruiert bist, ist es dann nicht verheißungsvoll, Konstrukteur der eigenen Umstände zu werden? Ist der Verlust der sogenannten Realität nicht nur der entscheidende Schritt Richtung Selbstbestimmtheit? Beschrifte dein Leben selbst, gib ihm immer neue Namen und entdecke die Möglichkeiten der seelischen Architektur. Erfinde die Statik neu, werde zum Leuchtturmwärter deines Luftschlosses.’

Die blumige Sprache dieser Stimme verzauberte ihn. Eben noch wusste er, dass sich hinter schönen Worten immer die Lüge verbirgt, dann wurde er unwissend und tanzte eine Nacht und einen Morgen.

Vor der Kathedrale, zu der die Menschen pilgerten, weil sie glauben wollten, fand er sich in den Armen einer Frau wieder. Auf den Stufen einer Treppe, die zu Gott führen sollte. Das Leben leistete ihnen Gesellschaft, ohne viele Worte zu verlieren. Sie war Architektin. Ihre Realität war aus Stein und Holz und greifbar. Seine Realität kannte keine Materialien, sie war flüchtig und schwebte. Die Frau wusste, wie man Gebäude baut, die für die Ewigkeit bestimmt sind. Er wusste nur, wie man Häuser aus Geschichten errichtet, die Ewigkeit heucheln sollen. Sie waren Architekten in verschiedenen Sinnen, doch mit dem gleichen Ziel: Nur einmal die Ewigkeit zu erahnen.

Das Leben, es hatte lange geschwiegen, sprach nun mit spanischem Akzent:

“Ihr habt euch also auf dieses Leben beworben. Ihr seid zwei Wenige von Vielen, was macht euch geeigneter als die Vielen?”

Die spitzen und makellosen Gesichtszüge des Leben zeigten keinerlei Anzeichen von Sympathie. Seine Augen ruhten auf ihnen, sanft und streng.

Um zu beweisen, wie sehr sie dieses Leben wollten, tanzten sie über den Platz vor der Kathedrale, berauscht von der eigenen Lebenslust und von der Angst, es zu verschwenden. Sie waren Sünder und doch Gläubige, denn sie glaubten an das Leben. Wenn dies ein Gott gesehen hätte, so müsste er gelächelt haben. Wenn es ein Gott gegeben hätte, so hätte er gewusst, dass es richtig war, den Menschen Musik zu geben und auch Platz zum Tanzen. Doch war Gott nur ein Gebäude, dass Nichts sah und auch nicht hörte. So war die Sünde keine Sünde und der Glaube nur Sklave des Wunsches nach Ewigkeit.

Das Leben saß stillschweigend auf der Treppe vor der Kathedrale und betrachtete die Tanzenden.

“Stop.”

Das Leben erhob sich und schritt auf sie zu. Majestätisch und unantastbar. Dieses Leben hatte keine Gestalt. Es war all das, was außerhalb des Denkens und der Vorstellung lag. So überragte es die eben noch Tanzenden und nun Erstarrten um Längen und blickte mitleidig zu ihnen herab.

“Ihr seid Würmer. Glühende Würmer zwar, aber doch nur Würmer. Würmer bekommen kein ganzes Leben, sie bekommen bloß ein wenig Zeit, um zu glühen und zu tanzen. Verglüht und tanzt, bis eure Zeit abgelaufen ist.”

Das Leben ging mit hochgezogenen Augenbrauen, ohne sich noch einmal umzudrehen.

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