Doppeltes Spiel

Unser neunter Jahrestag. Der Anfang vom Ende?

Wir stoßen an, aber nicht auf uns, sondern nur auf unser Wohl. Dieser Abend besitzt eine seltsame Aura. Brüderchen und Schwesterchen. Ich fühle tief in mir drinnen, dass ich sicherlich noch einen Teil von ihm auf eine gewisse Art und Weise liebe, aber dass da auch Trauer ist. Abschiedsstimmung.

Das Wochenende war der erste Akt. Samstags morgens der Anruf von Saskia, dass Kim sich von ihr getrennt hat. Samstags Abend sitzen die beiden Händchen haltend in unserem Esszimmer, haben meine Alkoholvorräte weggetrunken und sind wieder zusammen. Stundenlanges Drama und Emotionsausbrüche, vergessen. Ich bin ausgelaugt, sie haben mir meine ganze Energie geraubt. Und das alles für nichts. Ich gehe mit Daniel und seinen Freunden auf diese Einweihungsparty, die aber nicht hält, was sie versprochen hat. Daher ist der Abend dann auch schnell vorbei.

Sonntags beim Joggen spreche ich Christian dann darauf an, dass ich mich frage, wann WIR uns denn eigentlich trennen. Ich sage ihm, dass ich momentan nicht weiß, ob ich noch mit ihm zusammen sein möchte. Er bleibt total gelassen, sagt, am Ende laufen doch nach ein paar Jahren alle Beziehungen wie unsere. Und wir haben doch wenigstens noch immer dieselben Ziele oder Lebenseinstellung. Ich frage ihn und mich, ob wir uns überhaupt gut tun, da wir beide so schnell aufbrausen und oft negativ sind. Er antwortet, mit seiner Ex-Frau hat es doch auch nicht geklappt, obwohl die der emotionale, nähesuchende Typ war. Das war dann unser Gespräch. Zurück bleibe ich mit zwei Erkenntnissen: Nummer eins, ich habe gerade dasselbe zu Christian gesagt wie vor zwölf Jahren zu meinem Ex-Mann, den ich kurz darauf verlassen habe, Nummer zwei, ich habe schon wieder eine Beziehung mit einem Mann, der nicht um mich kämpft, sondern alles nüchtern und emotionslos sieht. Aber so war er ja schon immer. Von der ersten Minute an.

Manchmal frage ich mich, ob ich solche Typen anziehe oder gezielt suche. Max ist da vielleicht auch nicht anders. Aber von vorne.

Gestern Abend war es endlich soweit — unser Date. Obwohl, Date habe ja nur ich es getauft. Offiziell war es ein „Auf ein Bierchen Schnack“. Ja, mein Bauch sagte mir, dass er entweder kneifen und es kurzfristig absagen würde oder — je später es an diesem Tag wurde — dass einfach nichts passieren würde. Rein gar nichts.

Er hatte sich unser Treffen in seinen Kalender eingetragen, was ich schon seltsam fand, da den schließlich die gesamte Abteilung einsehen kann. Dann kam er irgendwann am späten Nachmittag zu mir und fragte, ob es ok sei, wenn es erst um halb acht los geht. Zu diesem Zeitpunkt waren noch alle Kollegen an ihren Plätzen. Ob es jemand mitbekommen hat, weiß ich nicht.

Ich hatte mir kein sexy Outfit angezogen, weil ich nicht wollte, dass man mir ansieht, wie desperate ich war. Also lieber das Modell lässig: Schwarze Hose, Boots, Lederjacke. Sexy Understatement. Ich fühlte mich unwiderstehlich. Und ich war wahnsinnig aufgeregt. Und beunruhigt, er könne unser Treffen in letzter Sekunde doch noch absagen. Dabei war er schon morgens unglaublich gut drauf. Er strahlte geradezu. Wenn ich mich daran zurückerinnere, dass ich in den ersten Wochen dachte, er könne gar nicht lachen, ist er in der letzten Zeit total aufgeblüht. Er lacht mehr, steht zu dem, was er sagt, hat auch dichtgehalten, als ich ihm gesagt habe, dass ich kündigen werde. “Habe ich doch versprochen”, schrieb er damals, was mich irgendwie gerührt hat, weil es auch böse Stimmen gibt, die mir prophezeit hatten, dass er nichts für sich behält. Aber es sollten an diesem Abend noch mehr Gerüchte aus der Welt geschafft werden.

Um kurz vor halb acht stand er dann an meinem Schreibtisch. Ich war erst einmal wieder total neben der Spur. Konnte ihn kaum anschauen, wußte nicht, was ich sagen sollte. Er hatte vorgeschlagen, zu einem Lokal um die Ecke zu gehen. Also zogen wir zusammen los. Als wir draußen waren, fing er erst einmal an zu telefonieren, was mich noch mehr verwirrte. Nicht die feine Art, aber so ist er halt. Macht sich keinen Kopf über so etwas. Mich machte das nicht gerade lockerer. Ich fragte mich zu diesem Zeitpunkt, ob er sich verpflichtet fühlte, mit mir etwas zu unternehmen und eigentlich gar keine Lust dazu hatte.

Auf dem Weg zum Restaurant versuchte ich dann, nachdem er endlich aufgelegt hatte, Konversation zu machen. Leider schwenkte er das Thema sofort wieder von privat auf berufliches. Das sollte auch die erste Zeit so bleiben. Mein Herz klopfte, ich zitterte leicht und hatte keinen Plan, wie ich es schaffen sollte, ihm näher zu kommen. Wobei, ich wollte natürlich, dass ER MIR näher kam und nicht umgekehrt. Aber da wir uns am Tisch gegenüber saßen und der leider auch nicht von der kleinen Sorte war, gestaltete sich dieser Teil meines Plans als nicht realisierbar.

Es war eine seltsame Stimmung. Wir schwankten ständig zwischen Business und privat. Als ich erzählte, dass ich schon mal verheiratet gewesen bin, war er amüsiert und je länger der Abend dauerte, umso lockerer wurden wir beide. Wir lachten und diskutierten, etwas, das ich von meiner Beziehung nicht mehr kenne. Eigentlich haben wir nur in den ersten Monaten, als wir uns kennenlernten, tiefer gehende Gespräche geführt, die Jahre danach ging es immer nur um unseren Job. Wenn ich mal versuche, das Thema auf das Weltgeschehen zu lenken, kann ich auch mit mir selbst reden.

Aber so flüssig das Gespräch auch war, so traurig war ich plötzlich, denn ich spürte tief in mir drinnen: Das wird hier heute nicht das, was Du Dir ausgemalt hast. Kein Kuss, keine Umarmung. Eigentlich hatte ich es die ganzen letzten Wochen gewusst, seit ich neben ihm gesessen habe, als er einer Ellen eine Whatsapp-Nachricht geschickt hatte und ich diese Ellen im Web ausfindig gemacht hatte. Ihre beruflichen Stationen kreuzten sich. Außerdem waren sie auf Facebook befreundet. Und als er mir aus Versehen seinen privaten Kalender geschickt hatte, irritierte mich „Ellen Geburtstag“ als einziger privater Termin im Sommer mächtig.

Ich habe mich allerdings in einer Sache nicht getäuscht: Wenn er Vertrauen gefasst hat und einen hinter seine Schutzmauer blicken lässt, was er normalerweise nicht so schnell macht, wie er sagte, da dieses Treffen eine absolute Ausnahme sei, was ich ihm auch abnahm, dann findet man dahinter einen tollen Kerl mit Tiefgang und einem sehr weichen Kern. Er erzählte mir, dass er gerne Kinder hätte, aber irgendwie habe es noch nicht geklappt. Vielleicht in fünf Jahren. Ich merkte, dass ich recht hatte mit meiner Einschätzung, dass er den Job immer vor alles andere stellt und keine Zeit für ein Privatleben bleibt. Nie geblieben ist. Irgendwann wolle er mal raus aus der Stadt. Und er habe nie mit unserer Kollegin, nie mit überhaupt irgendeiner Kollegin geknutscht, wie ich aus anderer Quelle zuvor erfahren hatte. So etwas würde er nie machen. Zum Glück traute ich mich zu diesem Zeitpunkt nicht einzuwerfen “Naja, wir sind ja quasi keine Kollegen mehr”. Nachdem er mir nämlich von seinem Patenkind erzählt hatte und plötzlich soviel Wärme in seinen Erzählungen steckte, war mir klar, dass er ganz anders ist als man glauben mag, wenn man ihn nicht kennt. Das machte die Sache eigentlich nicht besser.

Und sie wurde nur noch schlimmer: Er verriet mir, dass er seine Ex-Freundin, mit der er sieben (!) Jahre zusammen gewesen ist, immer noch wahnsinnig liebt, sie aber leider heute am anderen Ende des Landes lebt. Anfangs wollten sie die Herausforderung einer Fernbeziehung auf sich nehmen, er hatte beruflich die Weichen dafür bereits gestellt. Doch dann kam alles anders. Er hatte gesundheitliche Probleme und merkte, dass er Job und Liebe nicht unter einen Hut bringt. Tja, und dann kam das, was mir kurzzeitig den Boden unter den Füßen wegzog, denn das war der Zeitpunkt unseres ersten gemeinsamen Abends, als ich gerade begann, mich in ihn zu verlieben: Ich fragte, wer Ellen sei. Hoffte und betete inständig, dass es sich bei Ellen um sein Patenkind handelt. Doch stattdessen erwiderte er, Ellen sei seine neue Freundin, das sei alles noch total frisch, aber Ellen sei cool.

Obwohl ich es doch irgendwie geahnt hatte, war ich wie vor den Kopf gestoßen und kurz davor, den Abend hier und jetzt zu beenden. Aber das wäre dann mehr als eindeutig gewesen. Also tat ich das, was ich schon so oft in meinem Leben getan habe: Aufstehen, Dreck abschütteln, Krone zurecht rücken und weitergehen. Wir bestellten noch etwas zu trinken, und ich begann zu begreifen, dass es wohl alles gut so ist wie es ist. Ich stehe kurz davor, einen neuen Job anzunehmen, bringe gerade etwas Konstanz in mein Leben. Ich habe genug um die Ohren, ein Umzug, eine neue Beziehung, es ist einfach nicht der richtige Zeitpunkt. Und Max liebt eine Frau, für die er aus irgendeinem Grund — hätte ich doch einfach gefragt — nicht mehr kämpft, obwohl er jetzt mit einer anderen zusammen ist. Keine Konstellation, in der ich stecken möchte.

Zum Abschied nahm er mich in den Arm, und als er zu Hause war, schickte er mir ein Foto von sich, schrieb dazu „Danke für den schönen Abend … Bleibt unter uns… Wir werden in 2 Jahren wissen, wo es besser ist…“. Was er mit dem letzten Satz meinte, ist mir nach wie vor nicht klar, aber der Schmerz in meinem Herzen heute morgen war groß.

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