In vino veritas

Lieber Max,

im Zweifel wirst Du das, was ich jetzt schreibe, nie zu lesen bekommen. Zu meiner Entschuldigung kann ich sagen, dass ich bereits einiges an Rotwein intus habe. Aber sagt man nicht auch „In vino veritas“? Egal…

Ich weiß nicht, ob ich ein Faible für Menschen habe, die genau wie ich nach außen stark und vielleicht auch manchmal hart wirken, aber einen weichen, sehr schönen Kern haben. Vielleicht, weil ich mich darin selber wieder erkenne.

Morgen ist mein letzter gemeinsamer Tag mit Dir im Büro. Danach werden wir uns nicht wiedersehen, außer Du willst es. Obwohl, heute habe ich uns ein Wiedersehen im Kalender eingetragen, in drei langen Monaten, die vermutlich nur so an uns vorbeifliegen. Ich frage mich, was in diesen Wochen passieren wird und wie unser Wiedersehen aussehen wird. Wo wir beide dann stehen. Was sich in unserem Leben bis dahin verändert hat. Ob ich dann immer noch das empfinde, was ich momentan fühle.

Ich habe manchmal Angst vor meinen Gefühlen und frage mich, warum ich bin, wie ich bin. Vielleicht wirke auch ich auf Dich unglaublich selbstbewusst und stark, aber eigentlich bin ich das nicht immer. Wie sehr brauche ich einen Menschen in meinem Leben, der mich akzeptiert, wie ich bin, der mir Liebe schenkt und mich in den Arm nimmt, wenn ich wieder an mir zweifle.

Das Kuriose ist, dass ich momentan so viele Parallelen erkenne zu der Zeit, als ich meinem Ex-Mann nach sieben Jahren gesagt habe, dass ich Gefühle für jemand anderen habe und mich trennen werde. Ich kenne mich mittlerweile so gut, dass ich weiß, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ich Christian verlassen werde. Das hat nichts damit zu tun, dass ich plötzlich gemerkt habe, dass mich jemand anders anzieht, verwirrt, Herzklopfen verursacht. Aber es hat mir die Augen geöffnet nach Jahren, in denen der Job mich abgelenkt hat. Auf und Abs, Sorgen, Ungewissheit. Seit einigen Wochen ist dieser Druck gewichen, denn ich habe zumindest beruflich das Gefühl, wieder auf der Spur zu sein, aber privat noch lange nicht.

Ich kann Dir nicht sagen, wann genau es passiert ist. Aber ich weiß noch genau wie es war, bei meinem Bewerbungsgespräch mit Dir, als ich von der Toilette kam und Du schon auf mich gewartet hast. Wir saßen in diesem Meetingraum und ich war das erste Mal während meiner gesamten Bewerbungszeit total gehemmt. Weil Du so anders warst, so total unkonventionell, männlich, der Lonesome Rider mit Tiefgang, aber auch einer traurigen Aura. Ich weiß es nicht. Aber das war zu diesem Zeitpunkt auch. Keine weiteren Gedanken daran.

Wir trafen uns freitags drauf zufällig wieder im Foyer, Du bist gleich zu mir gekommen und wir haben kurz miteinander gesprochen. An meinem ersten Arbeitstag hast Du mich herzlich begrüßt, doch danach hast Du mich komplett ausgeblendet. Du hast nicht mehr mit mir gesprochen, ich war Luft für Dich. Ich fand das mehr als verwirrend, und es hat mich wirklich genervt. Das erste Mal, dass wir zusammen zum Kunden gefahren sind, da hast Du Dich komplett eingeigelt und mit keinem von uns gesprochen. Hast im Flieger Reihen vor uns gesessen, kein Wort mit uns ausgetauscht.

Beim nächsten Mal dann war es noch seltsamer. Ich glaube, das war leider der Punkt, an dem mir klar wurde, dass ich beginne, Dich zu mögen. Mir Deine Nähe zu wünschen. Du bist aber während des Meetings auch immer näher an mich rangerutscht. Ach ja, bei der Vorbereitung darauf, im Office, da gab es diese Situation, als ich Dir etwas am iPad erklärt habe, da bist Du zu mir rübergerollt mit deinem Stuhl und wir standen plötzlich Arm an Arm an Deinem Platz. Ich habe das wirklich genossen, aber dann plötzlich gedacht, das geht doch nicht, dass wir uns so nahe kommen und bin weggerückt. Und dann in München. Du saßt so nah an mir dran mitten im Meeting, bist so nah an mir vorbeigegangen, als Du Dir etwas zu essen geholt hast, mein Herz klopfte wie wild. Du hast diese Erdbeer-Schokotaler gegessen und ich habe Dir einen abgeben wollen, aber mehr als eine Stunde mit mir gerungen, ob ich das wirklich machen sollte. Weil ich Angst hatte, Du merkst, was in mir vorgeht. Wenigstens hast Du Dich ehrlich gefreut, als ich Dir einen geschenkt habe. Endlich hast Du mal gezeigt, wie Du aussiehst, wenn Du lachst. Bis dahin kannte ich Dich nur grimmig schauend. Sorry. Aber so habe ich es empfunden.

Ich konnte Dich überhaupt nicht mehr einschätzen. Am Flughafen sind wir mit den Kollegen etwas essen gegangen und Du hast neben mir gesessen, aber nicht mal mit mir angestoßen, nur mit den anderen. Ich fühlte mich wie das dritte Rad am Wagen und war wirklich genervt. Auch von mir selbst und meinen Hemmungen und Gefühlen. Dann wollte ich Dich zur Rede stellen, als wir zurück im Büro waren. Ich hatte wahnsinniges Herzklopfen vor unserem „Rücksprache“-Termin und hatte vor, mit Dir einen Kaffee trinken zu gehen, damit wir endlich einmal unter uns waren. Aber Du hast leider meine Pläne durchkreuzt und Dich Lasagne essend mit mir an einen Tisch in der Lobby gesetzt, wo ein privates Gespräch gar nicht möglich war. Ich war wieder total gehemmt und habe nichts Vernünftiges herausbekommen.

Dann sind wir wieder zusammen zum Kunden geflogen. Das war der schlimmste Termin, den wir dort zusammen hatten. Du hattest Deine Buddies um Dich herum, ich war wieder nicht existent. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie wütend ich war. Doch, vielleicht schon. Abends gab es diese Party im Office. Eigentlich hatte ich vorgehabt, Dir im Flieger eine Whatsapp-Nachricht zu schicken und Dir anzubieten, dass ich ein Car2Go springen lasse und uns dort hinbringe. Zum Glück habe ich es nicht gemacht. Denn als wir aus dem Flieger stiegen, sollte ich erfahren, dass Du mit Sebastian gemeinsam dorthin fahren wolltest. Vorher noch schnell etwas essen. Ich hatte absolut keine Lust, mich anzuschließen, wenn Du mich nicht mal wahrnahmst. Doch dann versetzte mich Daniel. Also fuhr ich erst nach Hause, aß etwas, zog ein sexy Kleid an und hoffte, ich würde Dich noch sehen. Ja, das tat ich auch, aber zu diesem Zeitpunkt war ich so wütend, dass es mich nicht einmal mehr interessierte. Wenn ich etwas nicht mehr tue, dann ist es, dass ich mich anbiedere. Wer nicht will, der hat schon, dachte ich und verließ die Party kurze Zeit später. Ich hoffte, Du hattest mich wenigstens gesehen in meinem unwiderstehlichen Outfit. Ja, lach ruhig. Muss ich auch, während ich das hier schreibe.

Am nächsten Tag entschied ich dann aber doch, Dich endlich zur Rede zu stellen. Ich hoffte die ganze Zeit darauf, dass Du Dich deshalb so komisch verhältst, weil Du vielleicht auch irgendetwas für mich empfandest. Du schlugst vor, wir gehen in die Einfahrt nebenan. Mein Plan, doch leider sollte nicht viel mehr davon in der Realität passieren. Denn — ja, ich bin gerade in Redelaune — ich hatte Nächtelang davon geträumt, dass wir uns endlich näherkommen. Der Tag war sowieso nicht mein bester, deshalb entlud ich erst einmal meine gesamte Wut auf Kollegen an Dir. Als ich gerade anfangen wollte, über uns zu sprechen, kam dieser Kerl mit seiner Umfrage um die Ecke, und Du gingst auch noch darauf ein. Ich dachte, schlimmer kann das alles nicht mehr werden, es ist wie Comedy. Als wir ihn endlich losgeworden waren, konnte ich wenigstens noch sagen „Weißt Du, was allerdings lustig ist? Du redest endlich mit mir“. Du musstest schmunzeln und entschuldigtest Dich damit, dass das niemals böse gemeint war, Du aber manchmal so bist. Auch nicht das, was ich eigentlich hatte hören wollen.

Am nächsten Morgen trafen wir uns zufällig — Murphy`s Law- vor dem Büro, und Du legtest Deinen Arm um mich, lachtest mich an und sagtest, dass Du es wirklich schön fandest, dass ich so emotional war, weil Du auch manchmal so bist. Statt das zu genießen und darauf einzugehen, war ich stocksteif und konnte nicht einmal etwas Sinnvolles erwidern.

Ich glaube, kurze Zeit später schicktest Du mir deinen Kalender mit dem Eintrag „Ellen Geburtstag“. Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass ich zu diesem Zeitpunkt schon wusste, wer Ellen war. Oder zumindest gesehen hatte, dass Du ihr in einem Meeting eine Nachricht geschickt hattest. Da ihr auf Facebook befreundet seid, hatte ich eine Ahnung, wollte das aber natürlich nicht wahrhaben. Dazu die Gerüchte, Du hättest mit Anna auf einer After Work Party geknutscht, vielleicht sogar mehrfach, und außerdem wärst Du sowieso ein Hallodri. Irgendwie passte es ja auch perfekt ins Bild. Der Kerl, der immer die Nächte durchmacht mit seinen Kumpels und viel säuft. Dazu diese Coolness. Die harte Schale. Aber ich wußte tief in mir drinnen, dass Du eigentlich ganz anders bist. Dass Du eigentlich genau wie ich auf der Suche nach Liebe bist, auf der Suche nach jemandem, der Dich in den Arm nimmt und Dich bestätigt.

Dann flogen wir wieder zum Kunden. Dieses Mal warst Du wie ausgewechselt. Ich war ein vollwertiges Mitglied Deines Teams. Es war Dein Geburtstag. Ich war aufgeregt, weil ich wußte, ich hätte endlich die Chance, Dich in den Arm zu nehmen, was ich schon so oft vorher hatte tun wollen. Doch ich hatte immer gekniffen. Aus Angst. Aus Angst, Du würdest es anders sehen oder mich abweisen. Als der Flieger landete, schickte ich Dir eine Nachricht „Happy Birthday. Alles Liebe wünsche ich Dir. Umarmung gibt es später“. Dann rief Daniel an und fragte, ob ich eine Kopfschmerztablette habe. Nicht für ihn, für Dich. Klar, sagte ich. Und wünschte mir, dass Ihr unten wartet, damit ich Dich vor dem Meeting noch in den Arm nehmen könnte. Doch leider wart ihr schon oben. Der Raum voll mit Menschen, der Kunde, Du. Du sahst so toll aus an diesem Tag. Ich mag Deine Haare, wenn Du keine Mütze trägst, aber auch, wenn Du sie anhast. Ich mag Dich in Jacket, aber auch im Kapuzenpullover. Es ist egal, was Du trägst.

Ich sicherte mir den Platz Dir gegenüber. Bereits das zweite Meeting, in dem ich nicht neben Dir sitzen konnte. Aber auch Dir gegenüber ging es mir wie in der Achterbahn. Um mich konzentrieren zu können, konnte ich Dich nicht anschauen. Ich hatte auch keine Gelegenheit gehabt, Dir zu gratulieren. Nur die Tablette hatte ich Dir gekonnt über den Tisch geworfen. Mehr ging nicht, denn ich musste mich fokussieren, hatte ich doch gleich einen Redepart. Ich dachte daran, dass ich auch Dich anschauen musste, damit es nicht komisch wirkte, habe aber versucht, an etwas anderes zu denken. Nach dem Termin saßen wir in der Sonne und Du spendiertest ein Bier. Vorher hatte ich Dich endlich in den Arm nehmen dürfen, Du hast es eingefordert. Das einzige, an das ich mich erinnern kann, denn dieser Moment war so wahnsinnig schnell vorbei, war Deine Wange an meiner. Dann tranken wir Bier im sommerlichen München, und ich erhielt einen Telefonanruf: Die Zusage für die neue Stelle. Ich wollte es eigentlich mit Dir teilen, aber das wäre unfair gewesen, da es Dein Tag war. Also schwieg ich. Am Flughafen saßen wir uns wieder gegenüber. Aber ich war out-of-order. Dennoch hatte ich es geschafft, eine Nachricht an Dich vorzubereiten. Ich hatte Dich bereits am Wochenende zuvor gefragt, ob wir nicht mal ein Bier trinken gehen sollten. Doch da hattest Du gesagt, gerne nach dem Workshop, davor hättest Du soviel zu tun. Also, auf ein Neues „So. Der Workshop ist vorbei, die Woche auch. Eine Kopfschmerztablette zum Geburtstag kann es ja nicht gewesen sein. Ich lade Dich auf ein Bier/GT/Apfelsaft ein. Deal? Wann?“. Ich schickte Dir die Nachricht in der Schlange vor dem Flug. Als Du in sicherer Entfernung warst. Du hast geantwortet. Wir hatten ein Date. Zumindest dachte ICH das. Aber vielleicht auch nicht. Denn ich wusste doch eigentlich, dass es Ellen gibt und dass diese Gerüchte nur Gerüchte waren. Aber ich versuchte es zu verdrängen.

Dann kam unser gemeinsamer Abend. Ich hatte mir extra meine Lieblingsklamotten angezogen, nicht sexy, aber cool. Ich wollte mich wohlfühlen, nicht aufreizend sein, nicht ausstrahlen, was meine Intention war. Eigentlich war ich fest davon ausgegangen, Du würdest mich küssen. Doch je näher der Abend rückte, umso mehr hatte ich Angst, Du würdest kneifen oder aber es würde rein gar nichts laufen. Und so war es dann auch. Zudem ich irgendwann im Laufe des Abends erfuhr, dass Du zum einen eine Frau liebst, von der Du getrennt bist, und zum anderen eine neue Freundin hast. Ellen. Zu diesem Zeitpunkt war ich gerade dabei, mich wirklich in Dich zu verlieben. Denn Du hast Dich endlich wirklich geöffnet und mir einen Menschen gezeigt, der so liebenswert ist und so einen weichen Kern hat. Ich war wirklich beeindruckt, dass Du ein Patenkind hast, von Deiner App-Idee, davon, wie Du Dich plötzlich öffnen konntest. Als Du sagtest, Du hättest Anna nie geküsst, weil Du mit Kolleginnen nie etwas gehabt hast noch jemals anfangen würdest, war ich kurz davor zu sagen, „Aber wir sind ja quasi keine Kollegen mehr“. Doch irgendetwas hielt mich zurück, und das war gut so. Denn eine Minute später klärte sich auf, wer Ellen ist. Ja, es war absehbar, und ja, für mich war der Abend gelaufen. Spätestens hier. Denn bis dato hatte ich immer noch gehofft, wir würden uns doch noch näher kommen. Also tat ich so, als wäre nichts passiert und setzte mein Pokerface auf. Auf der anderen Seite was es ja auch egal, weil ich es auch sehr genossen habe, endlich mal wieder mit jemandem wirkliche Gespräche führen zu können. Total ehrlich, total offen.

Als wir uns verabschiedeten und Du mich umarmt hast, wußte ich, dass es hier endet. Keine Tage mehr, an denen ich mich freue, ins Büro zu kommen, weil Du da bist. Mir überlege, was ich anziehe. Mich auf jedes Meeting freue, das wir gemeinsam haben. In Deiner Nähe zu sein. Morgen ist es vorbei. Heute habe ich uns einen Termin in drei Monaten in den Kalender eingetragen. „What`s up“. Ich weiß, es ist der falsche Zeitpunkt. Für uns beide. Was auch immer Du eigentlich denkst, empfindest, Dir wünschst. Vielleicht hast Du Dich auch nur mit mir getroffen, weil Du mich nicht vor den Kopf stoßen wolltest, aber das kann und will ich eigentlich nicht glauben. Irgendein zartes Band ist da auch auf Deiner Seite.

Drei Monate. Eine lange Zeit. Aber vielleicht brauchen wir die. Vielleicht lache ich im Sommer über das, was ich hier gerade schreibe. Vielleicht treffen wir uns wieder, neutral, als Freunde. Was meinst Du? Was wünschst Du Dir? Wie geht es Dir damit? Was fühlst Du?

Goodbye, my friend….