Die Mutter aller Probleme

Mayrhofer Walther
Sep 6, 2018 · 4 min read

Jetzt hat der deutsche Innenminister endlich den Grund ausgemacht für die innenpolitischen Probleme in Deutschland, von denen er so tut, als gäbe es die erst seit dem Jahr 2015. Natürlich, es ist die Migration, die das Volk spaltet.

Damit versucht er gleich von mehreren anderen Problemen abzulenken und schürt weiter den aufkeimenden Ausländerhass in Deutschland und gleich auch im benachbarten Österreich, wo er ja in Minister Kickl einen kongenialen Partner vorfindet.

Dabei kommt es nicht von ungefähr, dass ausgerechnet dort, wo sich die wenigsten Ausländer aufhalten, der Hass am größten ist. Es sind die immer noch „neuen“ Bundesländer wie eben Sachsen, wo seit Jahren unzufriedene Bürger ihrem Unmut Luft machen. Erst haben sie die PDS gewählt, dann die Linke, nun eben die AfD und zum Schluss gehen sie auf die Straße. Die Ausländer sind nur ein willkommener Aufhänger für eine tiefe Unzufriedenheit, die ihre Ursachen noch immer in der Wende hat, in der Zeit, als die Wessis in Siegermanier über die Ossis drübergefahren sind.

Damals hat man den „befreiten“ Menschen vom ersten Tag an das Gefühl gegeben, dass sie Loser sind, hat sie mit „Begrüßungsgeld“ zu Bettlern gemacht und erniedrigt.

Niemand machte sich jemals die Mühe, ein bisschen tiefer in die Seelen der plötzlich in den Kapitalismus Entlassenen zu blicken. Man dachte, es reicht, neue Autobahnen zu bauen und blitzende Tankstellen. In perfekter Gründlichkeit verwischte man in unglaublicher Geschwindigkeit alles, was an die DDR-Zeit erinnerte, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken, dass da auch viel Liebgewonnenes dabei war, was den Heimatlosen auch ein wenig Sicherheit gegeben hätte. Man trichterte den ehemaligen DDR-Bürgern ein, dass alles Scheiße gewesen war, dass sie in einem widerlichen, verabscheuungswürdigen Land gelebt hatten und stempelte sie dementsprechend ab.

Dann kam die Gauckbehörde und die unzähligen Menschen, die man aus ihren Ämtern entfernte, weil sie IMs gewesen waren. Dass es dabei wirkliche Denunzianten gab, aber auch viele Mitläufer, darüber dachte man ebenso wenig nach, wie über die Tragödien, die man damit auslöste, als man alle über einen Kamm scherte. Ich kann mich noch gut an den Förster erinnern, über den es eine Akte gab, weil er einmal in Westdeutschland zur Jagd eingeladen war und darüber einen Bericht geschrieben hatte. Das kostete ihn 8 Jahre nach der Wende nicht nur seinen Job, sondern auch Bleibe, Reputation und Freunde.

Dann kamen die Betriebsstilllegungen und das Kappen sämtlicher Geschäftsbeziehungen in den Osten. Abertausende Arbeits — und Perspektivenlose lebten von der Stütze und konnten sich nichts, aber auch gar nichts leisten von den Segnungen des Westens, die in rasch hochgezogenen Supereinkaufszentren feilgeboten wurden.

Unzufriedenheit keimte auf, die auch nicht besser wurde, als Heerscharen von Westdeutschen sämtliche Behörden in Beschlag nahmen, die Landratsämter, die Landesbehörden, Gerichte und und und.

Dass die dafür die sogenannte „Buschzulage“ kassierten, machte das Verhältnis zwischen Ost und West nicht besser und dass dies auch oftmals nicht die allererste Wahl an Spitzenbeamten war, kam noch dazu.

Schon in den späten Neunzigern entwickelte sich in Städten wie Magdeburg, Dessau, Dresden, Chemnitz und vielen anderen eine Subkultur von jungen, unzufriedenen Menschen, die für sich keine Zukunft sahen in dem Land, in das man sie gestoßen hatte. Und natürlich gab es die Alten, die Wendeverlierer, die auf vermeintlich sicheren Posten gesessen waren, die es sich gerichtet hatten, genauso wie überall anders auch, wie zum Beispiel auch in Bayern, Herr Seehofer. Heerscharen von denen saßen nun zuhause und sinnierten, wie ihnen das hatte passieren können.

Wenn man Anfang des 21. Jahrhunderts. z.B. in Eisenhüttenstadt war, überkam einen das kalte Grauen — leere Fabrikhallen, öde Chausseen, Rudel von herumlungernden Halbstarken und nichts, keine Arbeit, kein Tourismus, keine Perspektive.

Es gab ein Potential an Verlierern, das unglaublich groß war und dauernd mussten die sich auch noch anhören, wie gut es ihnen denn jetzt ging, dauernd wurde im Westen gemeckert über den Solidaritätszuschlag und die gigantischen Kosten für den Aufbau Ost.

Dass der Westen der Profiteur war, hat man schon 2010 gewusst: „Wenn man genauer hinschaut, dann erkennt man, dass Ostdeutschland zu einem Großteil die Kosten der Einheit selbst getragen hat — und immer noch trägt“, sagt Ulrich Blum, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) in der „Welt am Sonntag“ und „Zwar hätten die alten Länder netto 1,4 Billionen Euro in den Osten transferiert. Berücksichtigt man jedoch alle gesamtwirtschaftlichen Effekte, werden die Lasten der Wiedervereinigung überwiegend im Osten geschultert“, sagt auch Thomas Lenk von der Universität Leipzig. (an selber Stelle).

Unzufriedenheit sucht sich ein Ventil und nicht umsonst hat die AfD ihren größten Zulauf in den neuen Bundesländern. Unzufriedenheit sucht sich auch einen Sündenbock und das sind vordergründig die Ausländer, in Wirklichkeit sind aber die Politiker gemeint, die diese Frage nicht in den Griff kriegen, so wie auch Herr Seehofer.

Und genau diese Politiker machen es den Chemnitzer Raufbolden nach und stellen die Migranten an den Pranger, machen Flüchtlinge und Asylwerber für ihre eigenen Fehler verantwortlich und schüren so weiter den Hass und die Spaltung.

Natürlich werden sie sich nicht eingestehen, versagt zu haben, auch Frau Merkel nicht, die ja einen erheblichen Teil der Misere zu verantworten hat, aber nicht, weil sie in einem seltenen Anfall von Menschenfreundlichkeit eine Million Ausländer ins Land gelassen, sondern weil sie ihre ehemaligen Landsleute verraten hat.

Die jetzt alle als Nazis abzustempeln, ist übrigens genauso unfair, wie alle Migranten als Mörder und Vergewaltiger dazustellen.

Mayrhofer Walther

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geb. 1960 in Wien, Gymnasium, Uni, erst angestellt, dann selbständig. Seit 2014 viel auf Reisen in Europa. Kann es nicht mehr mitansehen, muss Stellung nehmen