Interview mit Emily über die Hürden und Erfahrungen im Alltag einer Transfrau

Emily (23)

arbeitet als Software-Entwicklerin bei der mediaman GmbH, Mainz, an der Schnittstelle zwischen Mensch und Computer. Die ausgebildete Fachinformatikerin für Anwendungsentwicklung engagiert sich privat in einem Sportverein als Ansprechpartnerin für Diversity-/LGBTQ-Themen. Das Wichtigste in ihrem Leben: viel Zeit mit Freunden, Familie und ihrer Partnerin zu verbringen. Seit vielen Jahren begeistert Emily sich für Musik, hat sich selbst Schlagzeug, Piano, Gitarre, Bass und Ukulele beigebracht. Für einige Zeit spielte sie als Bassistin in einer Stoner/Progressiv-Rockband. Emily hat viel Spaß daran, Dinge auszuprobieren und ist online in einigen Spielen anzutreffen.

„Toll, dass es immer weniger wichtig wird, welches Geschlecht man hat!“

Hi Emily, wann hast du gemerkt, dass du dich dem dir bei deiner Geburt zugeordneten Geschlecht nicht zugehörig fühlst bzw., dass du transsexuell bist?

Angefangen zu spüren, dass ich irgendwie „anders“ bin, habe ich bereits sehr früh — so mit 11, 12 Jahren. Da wurde mir bewusst, dass ich im Sportunterricht nach den Jungs benotet wurde, ich aber eher mit den Mädchen Sport machen wollte. Woher dieser Wunsch kam, wusste ich aber lange nicht. Gemerkt, wer ich wirklich bin und verstanden, was genau der Grund für mein Unwohlsein ist, habe ich erst mit 17, 18. Und erst mit zwanzig habe ich den Mut gefasst, das erste Mal darüber zu sprechen. Heute möchte ich als Frau oder Transfrau angesprochen werden.

Was hat das mit dir gemacht? Ich habe Freunde und Bekannte, die beispielsweise mit ihrer Homosexualität zunächst gehadert haben, nicht so sein wollten. Wie erging es dir?

Dazu muss ich sagen: Ich bin in einem Dorf groß geworden. Hier wurde alles, was von der Norm abweicht, sehr schnell verurteilt. Man konnte nicht mehr das Haus verlassen, ohne angestarrt zu werden. Dementsprechend hab ich das Thema ganz lange geheim gehalten und im Schatten gelebt. Ich hab nie ein Wort zu dem Thema verloren und mir selbst eingeredet, dass das alles mit der Zeit vergeht, und wenn ich mal erwachsen bin, ist alles wieder „normal“.

Die letzten drei Jahre habe ich nie mein Ziel aus den Augen verloren, um heute hier als die Person zu stehen, die ich bin. Ich bin überglücklich, diesen Weg gegangen zu sein! Das ändert nichts an meinem Wunsch, als Frau geboren worden zu sein — einfach um eine Kindheit und Jugend als die Person gehabt zu haben, die ich schon immer war.

Wir bei mediaman haben dich noch mit deinem Deadname und deiner dir bei deiner Geburt zugeordneten geschlechtlichen Identität kennengelernt. Wie lief deine offizielle Transition, dein Coming Out bei uns im Unternehmen ab?

Die Bürokratie rund um meine Transition war ganz schön anstrengend. Weil es keinen Leitfaden „Wie ändere ich meinen Geschlechtseintrag und meinen Namen?“ gibt, muss man Vieles leider selbst herausfinden. Der Weg, um am Ende genau die erforderlichen Schritte zu kennen, läuft über Telefonieren, Halbwahrheiten und Google.

Angefangen hat der Prozess im Dezember 2018 mit einem Besuch beim Therapeuten: Es ging darum, ein Indikationsschreiben zu bekommen, dass ich wirklich transsexuell bin. Neben diesem Schreiben sind für den Antrag zur Namens- und Personenstandsänderung beim Amtsgericht noch ein „Transsexueller Lebenslauf“ und der Personalausweis sowie die Geburtsurkunde beizulegen. Der Lebenslauf ist nichts anderes als ein sehr intimes Schreiben: Darin muss man alles auflisten, was darauf schließen lässt, das man transsexuell ist — egal wie intim das ist. Aus diesem Schreiben muss hervorgehen, dass man schon länger als drei Jahre den Wunsch hat, in dem angegebenen Geschlecht zu leben.

Nachdem der Antrag eingegangen ist, wird ein Verfahren eröffnet bei dem man die Kosten für Gutachten, Richter etc. vorstrecken muss. Das machte bei mir 1.400 Euro aus. Man bekommt am Ende des Prozesses aber einen Rest zurück. Danach dauerte alles ungefähr ein Dreivierteljahr: In dieser Zeit wurden zwei gerichtlich angeordnete Gutachten von Therapeuten erstellt. Sie prüfen im Grund nochmal genau nach, ob man auch ja nicht lügt.

Sobald diese Gutachten beim Amtsgericht eingegangen sind, bekommt man dann hoffentlich einen Gerichtstermin, bei dem dann schlussendlich entschieden wird, ob man den gewünschten Namen und Geschlechtseintrag erhalten darf. Anschließend kann dann mit dem Beschluss des Amtsgerichts die neue Geburtsurkunde abgeholt werden. Und damit können dann alle Ausweispapiere etc. angepasst werden, was bei mir noch einmal ungefähr ein halbes Jahr gedauert hat.

Mein Coming Out im Unternehmen selbst war total super — und dafür bin ich unserer tollen HR-Abteilung sowie unserer Geschäftsführung nach wie vor sehr dankbar. Sie haben mir das alles wirklich leicht gemacht. Ich hatte nicht mal einen Monat nach meiner Einstellung mit der HR-Abteilung gesprochen, dass ich gerne den Schritt zum Coming Out gehen möchte und wie das am besten möglich ist. Nach nicht mal einer Stunde stand der Plan fest und mir wurde von Seitens GF und HR zugesprochen, dass ich volle Unterstützung habe.

Ich habe an einem Freitag in unserem Entwicklerkreis angekündigt, dass ich nun als Emily und Frau in dieser Firma arbeiten möchte. Direkt danach wurde eine E-Mail von Geschäftsführung und HR-Abteilung an alle Kollegen geschickt, in der das offiziell kommuniziert wurde und alle darauf hingewiesen wurde, dass ich ihre volle Unterstützung habe. Direkt am Montag waren schon alle meine Konten angepasst und nirgends war mehr mein Deadname zu finden, obwohl mein Ausweis noch lange nicht geändert war: Mein Coming Out im Unternehmen war am 26. Oktober 2019, und der richterliche Beschluss erging erst am 15. Juni 2020.

Welche Reaktionen hast du im Kollegenkreis erlebt?

Mir wurde von ein paar Kollegen eine E-Mail oder im Chat geschrieben: Sie fanden es toll, dass ich den Mut hatte, diesen Schritt zu gehen, und wünschten mir alles Gute für meinen weiteren Weg.

Welche Rolle spielen prominente Transpersonen, wie etwa etwa Caitlyn Jenner, Balian Buschbaum, Laverne Cox, Elliot Page oder zuletzt Alex Mariah Peter für dich?

Tatsächlich relativ wenig, ich interessiere mich generell nicht wirklich viel für prominente Personen. Was ich daran toll finde ist, dass es immer weniger wichtig wird, welches Geschlecht man hat oder wen man liebt — egal ob Promi oder Softwareentwicklerin in einer Agentur in Mainz. Niemand braucht sich zu verstecken, und wir können alle stolz darauf sein, wer wir sind, und das zeigt, dass jeder Mensch auf seine Weise einzigartig ist.

Mit Prince Charming und Princess Charming findet queere Liebe immer mehr Aufmerksamkeit im Entertainment. Wie stehst du dazu?

Ich finde das gut und glaube, dass man mit solchem „TrashTV“ auch Menschen erreicht, die sonst eher kaum Kontakt mit queeren Themen haben. Dadurch lässt sich vielleicht eine Art Akzeptanz bzw. Normalität für das Thema herstellen. Dahin würde ich gerne kommen: Kein Mensch, der zur LGBTQ-Gemeinde gehört, soll wegen dieser Eigenschaft als ein völlig anderer Mensch gesehen oder gar bedroht werden. Denn letztlich ist diese Eigenschaft doch nur eine von vielen!

Was ist deine allgemeine Erfahrung im Alltag. Fühlst du dich akzeptiert?

Ich habe selten irgendwelche Konfrontationen damit, da ich das Glück habe, relativ gut zu passen — abgesehen von meiner Stimme, über die sich viele aber nicht so einen Kopf machen wie ich selbst das manchmal tue. Dementsprechend habe ich auch kein Problem mit Akzeptanz. Wenn ich aber mal mit jemanden darüber spreche, ob privat oder bei der Arbeit, war es bisher durchgehend positiv.

Hast du Tipps für Menschen, die sich ähnlich erleben oder fühlen wie du? Gibt es in Deutschland mittlerweile offizielle Anlaufstellen für Betroffene oder Angehörige?

Anlaufstellen in Deutschland kenne ich direkt nur wenige. Was immer sehr hilft, sind solche Events wie der Christopher Street Day, der in Deutschland in eigentlich jeder großen Stadt veranstaltet wird, mit sehr vielen Infoständen. In Mainz findet der CSD am 7. August statt. Abgesehen davon gibt es die „BarJederSicht“ in Mainz, die eine kostenlose Beratungsstelle haben. Und natürlich sehr viele Social-Media-Kanäle, bei denen man Hilfe bekommen kann. Eine gute Startseite dafür ist Reddit, bei der viele Nutzer sich austauschen und man schnell eine Antwort bekommen kann, die einem weiterhilft.

Ich habe in den letzten Jahren viel über LGBTQ gelernt und freue mich, heute auch von dir noch mehr lernen zu dürfen. Ich habe gelernt, dass ich ein maximal privilegierter cis white male bin und dadurch eine gewisse Verantwortung habe, meine Rolle ist die eines Ally*. Hast du Tipps für mich, um meinen LGBTQ-Freunden und -Kollegen ein guter Ally zu sein?*

Es ist sehr wichtig zu akzeptieren, dass jeder Mensch individuell ist. Also am besten fragen, was für eine „betroffene“ Person okay ist und generell einfach Offenheit anbieten. Ich zum Beispiel empfinde es störend, wenn man mich wie ein Kind behandelt und verzweifelt probiert, so zu sprechen, dass ich mich ja nicht angegriffen fühle. So als ob ich eine ganz zarte Schneeflocke wäre.

Wenn ich etwas nicht okay finde, dann werde ich das sagen. Andere wiederum fühlen sich dann vielleicht schnell angegriffen. Es ist einfach sehr individuell, und das Beste ist, sich mit der Materie zu beschäftigen. Vieles von dem, was vielleicht böse rüberkommt, aber nicht so gemeint ist, hat oft mit Unwissenheit zu tun.

Der Anlass, weshalb ich dich um dieses Gespräch gebeten habe, ist der Pride Month. Was bedeutet der Pride Month für dich?

Ich finde den Pride Month wirklich schön! Gerade, dass viele nicht-betroffene Menschen anfangen, sich auch mal zu dem Thema zu äußern und somit Solidarität zu zeigen, macht mich froh. Denn viele Menschen, die noch vor ihrem Coming Out stehen, haben es damit deutlich einfacher, weil sie nicht fürchten müssen, auf Ignoranz zu stoßen.

Das Interview führte René Porth

Linktipps von Emily für Menschen, die sich weiter informieren möchten:

*https://queer-lexikon.net/2017/06/15/ally/

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