Technologie-Trends 2020 für B2B

mediaman //
Jan 29 · 9 min read
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Die digitale Transformation nimmt weiter an Fahrt auf. Um den Anschluss nicht zu verlieren, ist es notwendig, die wichtigsten Entwicklungen aufmerksam zu verfolgen. Welche Trends die B2B-Branche in diesem Jahr im Auge behalten muss und welche Implikationen sich für Wirtschaft und Gesellschaft daraus ergeben, verrät dieser Artikel.

Von SMAC zu DARQ?

Kein Trend entsteht aus dem Nichts. Die Anwendung von Technologien entwickelt und konkretisiert sich über Jahre hinweg, bevor neue Ideen produktiv einsetzbar werden — Gartner hat das in seinem „Hype Cycle“ auf die global gültige Formel gebracht. In ihren Trendstudien ist es allen großen Beratungshäusern wichtig, die langen Entwicklungslinien in den Blick zu nehmen: Accenture ruft für 2019 den Beginn der post-digitalen Ära aus, Deloitte denkt bereits „Beyond the digital frontier“, und PwC hebt vor diesem Hintergrund „The Importance of Trust“ hervor.

Bei aller Herausforderung, in technisch rasant bewegten Zeiten die Zukunft vorherzusagen, lässt sich eines mit Sicherheit feststellen: Der Kampf unter den Trendforschern um Aufmerksamkeit wird auch im kommenden Jahr nicht an Intensität verlieren. Und dieser Kampf hat immer etwas damit zu tun, wer für die komplexen Entwicklungen die prägnantesten Begriffe prägt. 2019 hat in dieser Hinsicht nach unserer Einschätzung Accenture die Nase vorn, indem sie „SMAC“ zu Basistechnologien erklären und nun das Zeitalter von „DARQ“ heraufziehen sehen. Die Kürzel stehen für Social, Mobile, Analytics und Cloud (SMAC) beziehungsweise Distributed Ledger, Artificial Intelligence, Extended Realities und Quantencomputing (DARQ).

In der Klangfarbe passend ist an ganz anderer Stelle von „G-MAFIA“ und „BAT“ die Rede: Das Future Today Institute fasst mit diesen beiden Akronymen die Namen der neun (!) großen Technologie-Unternehmen zusammen, die maßgeblich die Forschung zu Künstlicher Intelligenz vorantreiben: Das sind in den USA Google, Microsoft, Amazon, Facebook, IBM und Apple (G-MAFIA) sowie die drei chinesischen Firmen Baidu, Alibaba, Tencent (BAT). Auch wenn neben KI bei allen Beratungshäusern Themen wie Cyber-Sicherheit, Privatsphäre, Datenschutz auf der Liste aktueller Trends stehen: Man muss bei der Einschätzung künftiger technologischer Entwicklungen nicht düster gestimmt sein. Ganz im Gegenteil ist der Tenor der Trendstudien durchaus optimistisch und erwartungsvoll: In technologischer Hinsicht sehen wir 2020 aufregenden Zeiten (und Chancen!) entgegen.

Für deutsche B2B-Unternehmen bleibt wichtig festzuhalten: Es gibt neben den oben genannten großen Neun aus den USA und China durchaus weitere innovative Technologie-Anbieter, die sich — weil in der EU angesiedelt — zur Einhaltung regionaler Regelungen und Standards verpflichtet haben. Eine Auswahlmöglichkeit ist in Zeiten von DSGVO u.a. mit Blick auf Datenhaltung und Datenschutz wichtig. Es ist zu hoffen, dass den B2B-Firmen auch in Zukunft diese Optionen erhalten bleiben, wenn es vor allem um die Anwendung von KI-Technologien gehen wird.

Fünf Leitfragen zur Trendbewertung

  1. Wie wirkt sich der Trend auf meine Branche, meine gewohnten Geschäftspraktiken aus?
  2. Wie verändern sich Bedürfnisse, Erwartungen, Wünsche meiner Kunden?
  3. Wo drängen potentielle Wettbewerber auf den Markt und lassen sich neue Allianzen bilden?
  4. Welche Folgen hat es, wenn ich diesen Trend ignoriere?
  5. Inspiriert mich dieser Trend, über Innovationen und die Zukunft meines Unternehmens nachzudenken?

Unternehmen wandeln sich zu Daten-intelligenten Organisationen

Photo by Stephen Dawson on Unsplash

Der Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) ist an sich kein Trend, sondern steht für ein neues Paradigma in der Informationstechnologie: Fundamental geht es darum, dass Unternehmen mit KI und Daten ihr IT-Ökosystem sowie ihre Geschäftsprozesse nachhaltig transformieren. Vieles von dem, was Menschen an Rechnern tun, lässt sich mit KI automatisieren. Und dort, wo Algorithmen heute schon (teil)autonom Entscheidungen übernehmen, geht es bereits über eine Digitalisierung von Prozessen hinaus. Beispiel: KI als Filtermechanismus im Recruiting. Das Future Today Institute listet in seinem umfangreichen 2019er Report 44 (!) Trends, die mit KI in Verbindung stehen — von „Bots“ bis „Ubiquitous Digital Assistants“.

Es zeigt sich, dass KI nicht „nur“ die Produktivität im Unternehmen zu steigern vermag: Weil Daten zunehmend maschinell erzeugt werden, wächst das Datenvolumen weltweit seit Jahren exponentiell. Mittels KI ist der Mensch in der Lage, diese Massendaten zu analysieren, darin Muster zu erkennen — und potentiell disruptive Schlussfolgerungen für das Geschäftsmodell zu ziehen. Unternehmen, die auf diese Weise handeln, nennt Deloitte „AI-fueled Organisations“.

Dieser Trend ist nicht auf Großkonzerne beschränkt: Mit Cloud-Services wie Amazon SageMaker, Google Cloud Platform oder IBM Watson nutzen heute selbst kleine Betriebe KI-Funktionen. „Data is the new application“ sagt Frank Bien, CEO des gerade von Google übernommenen Unternehmens Looker. Und in dem IDC-Bericht „The Digitization of the World — From Edge to Core“ heißt es: „ Die datengetriebene Welt wird jederzeit präsent und auf dem Laufenden sein, immer überwachen, immer zuhören und immer beobachten — denn sie wird permanent lernen.“

An Unternehmen, die diese datengetriebene Welt bereits beherrschen, mangelt es nicht. Mary Meeker zeigt beeindruckende Beispiele und führt vor Augen, wie viele Vorteile sich aus der Verbindung von KI und Daten ergeben:

Daten sammeln

  • Kundenwünsche verstehen
  • Geschäftsprozesse verbessern
  • Kundeninput erhöhen
  • Produkte verbessern
  • Kundenbeziehungen verbessern
  • Konsumentenentscheidungen verbessern

Verbindungen verwalten

  • Organisation der internen & externen Kommunikation
  • Kundenkommunikation über mehrere Kanäle
  • Kundendaten über IT-Systeme hinweg organisieren

Daten optimieren

  • Analysen, Empfehlungen & Personalisierung verbessern
  • Skalierbar auf Kundenereignisse reagieren
  • Einblicke in geschäftliche Zusammenhänge gewinnen
  • Fulfillment-Management optimieren
  • Datenwachstum im Griff behalten
  • Ineffizienzen beseitigen

B2B-Unternehmen, die sich davon inspirieren lassen und loslegen wollen, starten am besten mit einem sogenannten Data Sprint: Innerhalb von nur 2–3 Tagen können Datenspezialisten relevante Fragen in Bezug auf im Unternehmen vorhandene Daten formulieren und beantworten. Dabei kommen statistische bis KI-basierte Analysemethoden zum Einsatz, es werden Ansatzpunkte für Machine Learning bewertet und durch Datenvisualisierung wertvolle Erkenntnisse für das Business gewonnen. Ein Data Sprint ist der kostengünstige Einstieg in intelligente Datennutzung und die Entwicklung von Smart Services.

Multi-Experience kommt, Privatsphäre schrumpft

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Von PC zu Smartphone, von Smartwatch zu digitalen Assistenten haben Menschen gelernt, mit immer neuen, ausgefeilteren Endgeräten umzugehen. Allerdings: Folgt man der Einschätzung des amerikanischen Wissenschaftlers und Autors Astro Teller, so läuft die Veränderungsgeschwindigkeit von Technologien dieser Anpassungsfähigkeit seit kurzem deutlich davon. In Zukunft wird sich Technologie sehr viel schneller entwickeln als wir Menschen uns darauf einstellen können.

Gartner prognostiziert, dass dies eine deutliche Veränderung in der Beziehung von Mensch und Computer bewirken wird. Das Modell kehrt sich um: Bislang musste der Mensch begreifen, wie ein Interface zu bedienen ist — die klassische Herausforderung der Mensch-Computer-Interaktion. Sie verliert an Bedeutung. In Zukunft werden Computer die Verantwortung dafür tragen (müssen), dass sie unsere Intentionen verstehen, unsere natürliche Sprache, Gesten, Mimik richtig interpretieren. Deloitte spricht von kommenden „Smart Interfaces“ — aus der Kombination einer ganzen Reihe von Trendtechnologien wie Contextual Awareness, Machine Learning, IoT und Robotics.

Alle digitalen Assistenten und Wearables, mit denen wir uns ausrüsten, in die wir eingebettet sein werden — sie spielen in Zukunft immer besser zusammen und liefern uns eine alle Sinne ansprechende Ambient bzw. Multi-Experience. Wir selbst müssen nicht mehr „immersiv“ sein und aktiv in eine virtuelle Welt eintauchen, der „Smart Space“ umgibt uns immer und überall wie die Datenwolke im Hintergrund. Die „synthetische Generation“ der Zukunft „kann nicht mehr differenzieren, was das wirkliche Leben und was das digitale Leben auszeichnet“. Technologisch wird dafür neben 5G-Netzwerk und Edge Computing das volle Set an Sensorik zum Einsatz kommen, angetrieben durch immer größere Rechenleistung und — erneut — KI. Bereits kurzfristig für B2B-Unternehmen interessant: Garnter nennt im Zusammenhang mit Multi-Experience auch Low-Code-Plattformen, mit denen sich neue Anwendungen und Assistenten schneller, ohne tiefgreifende Programmierkenntnisse entwickeln lassen.

Um diese digitale Realität bespielen zu können, steht eine neue Generation an Systemen bereit, so Deloitte: Eine personalisierte, kontextualisierte und dynamische Ende-zu-Ende-Erfahrung individuell für jeden Kunden wird mit solchen Marketing-Technologien möglich. Und die Privatsphäre? „Privacy is dead“ stellt lapidar das Future Today Institute fest. Die Masse der Menschen habe sich damit abgefunden und ziehe Nutzen daraus, kontinuierlich private Daten zu teilen. Laut Accenture ließe sich die Zufriedenheit von Kunden im Handel bereits heute deutlich steigern, wenn Unternehmen konsequent auf Personalisierung setzen. Für ein besseres Einkaufserlebnis, so das Schlüsselergebnis einer Befragung von 8.000 Konsumenten in Europa, Kanada und den USA, ist die große Mehrzahl der Kunden bereit, persönliche Daten zu teilen.

Die Offenheit der Kunden darf keinesfalls so gedeutet werden, es sei egal, was mit persönlichen Daten passiere. Die Skandale der letzten Jahre insbesondere rund um Facebook und Cambridge Analytica haben gezeigt, dass die Gelassenheit der Menschen schnell in Wut umschlagen kann, die sich gegen nachlässige Unternehmen richtet. In noch viel größerem Maß gilt das für persönliche Geschäftsbeziehungen zwischen B2B-Unternehmen. Was also kann die Industrie tun? Wichtige Stichworte hier sind sauberes Identitätsmanagement, Transparenz der Datenverwendung, Datentransferierbarkeit, den Kunden einfache Kontrolle an die Hand geben.

DevSecOps, PDRs und das Ende der Social-Media-Logins

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Mit der zunehmenden Verbreitung vernetzter und datengesättigter geschäftskritischer Systeme steigt die Gefahr von Cyberangriffen. Gerade die Trends zu IoT, Cloud Computing, Microservices und Smart Spaces, so u.a. Gartner, wird die Zahl möglicher Angriffspunkte massiv erhöhen. Das bedeutet auch: Da die Mehrzahl der Nutzer grundsätzlich bereit ist, bei seriösen Anbietern ihre Daten gegen Vorteile einzutauschen, kommt den mit Datenverarbeitung betrauten Mitarbeitern große Verantwortung zu — im Interesse des eigenen Unternehmens und dem der Kunden. Mit Blick auf Technologietrends werden daraus zwei unterschiedliche Schlüsse gezogen.

Ein neuer organisatorischer Ansatz, der beschriebenen Verantwortung gerecht zu werden, ist die Einführung von sogenannten DevSecOps: Dieser Ansatz stammt aus der agilen Software-Entwicklung und hieß ursprünglich nur „DevOps“ — für die Verbindung aus Software Development und Information Technology Operations. Mit der neuen Erweiterung rücken das Thema IT-Sicherheit, damit verbundene Prozesse und Tools in den Fokus der Entwickler. DevSecOps soll durch Automatisierung sicherer Praktiken gewährleisten, dass jede ausgelieferte Applikation nicht nur funktional getestet und zuverlässig, sondern auch sicher ist.

Auch in diesem Kontext werden Künstliche Intelligenz (KI) und Machine Learning (ML) zunehmend wichtige Rollen spielen: Sie werden genutzt werden, um das Verhalten von potentiellen Angreifern vorherzusagen und so möglichen Angriffen vorzubeugen. Experten erwarten, dass dadurch eine deutlich schnellere und kostengünstigere Antwort auf Attacken möglich sein wird. Man muss allerdings hinzusetzen: Auch Angreifer haben diese Tools zur Verfügung.

Das Kürzel PDR steht für Risikovermeidung aus Perspektive der Nutzer: „Personal Data Records“ sollen nach Ansicht des Future Today Institute (FTI) in Zukunft den eigenverantwortlichen Umgang jedes Einzelnen mit den persönlichen Daten ermöglichen. Was steckt dahinter? Ein universelles Datenkonto, eingerichtet womöglich bei einem staatlichen Anbieter, der Interessenneutralität garantiert. Es soll alle Daten enthalten, die wir bei unserer Online-Nutzung erzeugen. Das betrifft nicht nur Internet und Mobiltelefon, sondern auch andere Quellen wie Schule, Arbeit, Behörden, Gesundheit usw. Wir selbst gewähren oder verweigern Unternehmen den Zugriff auf einzelne Daten, wir verwalten diese unsere digitale Identität, wir hinterlassen diese Daten irgendwann unseren Erben, und vorher gehören sie allein uns.

Das FTI sieht mit Personal Data Records den Beginn eines Übergangs weg von E-Mail, Passwörtern und Social-Media-Logins. Marktführer Facebook hat durch die Datenschutz-Skandale der vergangenen Jahre massiv an Vertrauen verloren. Auch Gartner unterstreicht, dass Nutzer inzwischen den Wert ihrer persönlichen Daten kennen und zunehmend erwarten, dass allein sie die Verwendung dieser Daten kontrollieren. Unternehmen werden, so Gartner, vor diesem Hintergrund hart an der Einhaltung von Datenschutzpflichten und eigener Transparenzregeln arbeiten. Am Ende stehe womöglich so etwas wie eine digitale Ethik, die auch die Anwendung von KI und ML durch Unternehmen einschließt.

Für Entscheider in Unternehmen wird es in Zukunft immer wichtiger sein, wie sie ihre Technologieprojekte aufsetzen: Interne Kompetenz ist wichtig, die Zeit von Behelfslösungen ist definitiv vorbei. Bei der Vergabe von Aufträgen nach außen zählen aufseiten des Dienstleisters Erfahrung und aktuelles Knowhow, insbesondere in Sachen KI und angrenzender Technologien wie Machine Learning und Datenanalyse. Auch in der agilen Steuerung eines Projekts sollte der Partner Erfahrung mitbringen. Natürlich bleibt der Tagessatz wichtig bei der Klärung des Budgets, angesichts wachsender Komplexität der Projekte kann dies aber letztlich nur ein Faktor sein im magischen Dreieck aus Kosten, Zeit und Qualität.

Quellen

Accenture: Technology Vision 2019: The post-digital era is upon us
Deloitte: Tech Trends 2019. Beyond the digital frontier
Future Today Institute: 2019 TechTrends Report. 12th Annual Edition
Gartner: Top 10 Strategic Technology Trends for 2020
IBM tech predictions for 2019
IDC: The Digitization of the World — From Edge to Core
Mary Meeker: Internet Trends 2019

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