Life logging oder — will ich mich immer an alles erinnern können?

Dieses Bild erschien in den letzten Tagen ein paar mal in meinem Facebook Newsfeed. Gepostet von Bekannten in deren “Sturm- und Drangzeit” soziale Netzwerke tatsächlich noch keine große Rolle gespielt haben. Wenn wir davon ausgehen dass damit ungefähr der Zeitraum im Alter von ca. 16 bis irgendwo Anfang 20 gemeint sein dürfte, eine seltsame Vorstellung. Schließlich waren sie bei uns doch schon ab 14 oder 15, vielleicht sogar schon früher eine „Selbstverständlichkeit“ und spätestens ab dem Zeitalter des Smartphones allgegenwärtig. Egal wo du bist, Facebook, Twitter, Instagram und co. sind dabei. Selbst der Urlaub im Ausland verschafft einem spätestens ab diesen Sommer durch die Abschaffung der Roaming-Gebühren keine „Auszeit“ mehr es sei denn man legt es bewusst darauf an. Geheiligt sei der Flugmodus. 
Aber “Lifelogging” ist viel mehr, als nur das neuste Bild oder den neusten Spruch auf den sozialen Netzwerken zu posten. Jeder Schritt, jede Kalorie, alles kann getrackt und protokolliert werden. Lifelogging ist „das sammeln und Auswerten von Lebensdaten (…) ständig und ohne Pause“ oder wie Focus es ausdrückt „Lifelogging ist (…) die Vermessung des gesamten Lebens“
 
 Wenn ich das möchte, erinnert mein Handy mich also daran, dass ich heute, mal wieder, nicht genug getrunken, die „Mindestschrittzahl“ gerade so erreicht und heute Nacht eindeutig zu kurz und zu wenig erholsam geschlafen habe. Fakten, die tatsächlich interessant und auch hilfreich sein können. Allerdings geht es, zumindest für mein Verständnis, manchmal zu weit. Ich möchte abends spontan mit Freunden etwas essen gehen können, auch wenn die Kalorienanzahl meiner bisherigen Mahlzeiten heute schon so hoch ist, dass ich mir allerhöchstens noch einen Salat gönnen dürfte. Und ich möchte auch mal einen Sonntag auf der Couch liegen bleiben, ohne dass mir abends ein schlechtes Gewissen gemacht wird, weil ich mich zu wenig bewegt habe. Zum Glück bleibt es letztendlich jedem Nutzer selbst überlassen in wie weit er sich tatsächlich “trackt” bzw. sich von seinen „Tracking Apps“ diktieren lässt. Wie bei so vielen Dingen denke ich persönlich, dass man mit der goldenen Mitte am besten fährt. Der alljährliche gute Vorsatz an Silvester lässt sich mit diesen „Hilfsmitteln“ bestimmt besser umsetzen, zumindest wenn man sich nicht selbst in die Tasche — oder in diesem Fall eben ins Handy lügt. Andererseits hat noch keiner einen Preis dafür gewonnen der gesündeste auf dem Friedhof zu sein und das Leben ist eindeutig zu kurz um sich nicht auch hin und wieder etwas zu gönnen. 
 
Aber beim reinen „tracken“ ist noch lange nicht Schluss. Mittlerweile gibt es kleine Kameras, die am Körper getragen alle drei Sekunden ein Bild schießen — bis zu 2880 an einem Tag , egal wo, egal wann. Abschalten? Nicht möglich; die einzige Option die Fotos zu verhindern ist das zuhalten der Linse. Quasi die moderne Form des Tagebuchs, dauernd, immer, überall. Per Zeitstempel und Koordinaten lässt sich später nachempfinden wann und wo das jeweilige Foto entstanden ist. 
Einerseits eine super Idee. Schließlich vergisst man leider vieles wieder, jeden Tag prasseln die verschiedensten Eindrücke auf uns nieder, eine Flut aus Informationen, vor denen uns unser Gehirn schützt in dem es im Nachhinein eben nicht mehr alles an uns heran lässt. Es gibt Momente, da ist das Handy oder die Kamera einfach nicht schnell genug zur Hand um sie in Bildern festzuhalten. Momente, in denen diese winzige Kamera am Hemdkragen vielleicht Sinn machen könnte; einmal kurz dagegen getippt, schon schießt sie ein Foto. Und ansonsten eben alle drei Sekunden. Ein Zeitraffer deines Lebens.
Auf der anderen Seite gibt es aber auch einige Punkte, die ich als bedenklich empfinde. Schließlich dokumentiere ich nicht nur meinen Tag und wo ich mich aufgehalten habe, sondern ganz nebenbei auch noch den meiner Freunde und Bekannten um mich herum und höchst wahrscheinlich auch noch den von unzähligen weiteren, mir fremden Menschen, die mir an diesem Tag zufällig begegnet sind. Zumindest ihre Gesichter — und damit quasi alles, was sie in sozialen Netzwerken über sich preis geben.
 
 „Your Face is Big Data“
 
Vor einiger Zeit machte der russische Fotograf Egor Tsvetkow mit einer Aktion zum Thema Gesichtserkennung auf sich aufmerksam. Sechs Wochen lang fotografierte er wildfremde Personen in der U-Bahn und machte sich mithilfe einer russischen Gesichtserkennungs-App auf die Suche nach ihnen. Bei 70% war er erfolgreich, konnte den bis dato fremden Menschen Name, Alter und oft noch vieles mehr zuordnen ohne überhaupt jemals mit der jeweiligen Person gesprochen zu haben. Ein Projekt, das auf schockierende Weise deutlich macht, wie leicht es ist sich Hintergrundinformationen zu einer Person zu verschaffen. Mit diesem Wissen finde ich den Gedanken, es könnte bald jeder mit seiner eigenen kleinen „Lifelogging“-Kamera herum laufen mehr als nur ein bisschen bedenklich. Kommen diese Bilddateien in „falsche“ Hände, kann man bald nicht mehr durch die Fußgängerzonen laufen ohne permanent„getrackt“ zu werden. Dieser Gedanke macht mir Angst, den das wäre keiner der Vorteile des Lifeloggings wert. Auch jetzt wird schon viel fotografiert und dadurch werden schon genug Daten gesammelt. Ich möchte nicht wissen auf wie vielen Urlaubsbildern oder sonstigen Schnappschüssen ich selbst der „random stranger“ im Hintergrund bin. Doch immerhin sind Kameras und Handys noch so groß, dass man eine Chance hat rechtzeitig wahrzunehmen dass man gerade im Bild eines anderen herum springt. Bei der Größe der neuen Kameras wird das kaum noch möglich sein. Trotz der Vorteile, der ein oder anderen „gewonnenen Erinnerung“, denke ich, dass wir aufpassen müssen. Solange die Bilder bei dem jeweiligen “Besitzer” bleiben eine nette kleine Spielerei. Sobald es aber darüber hinaus geht wird es kritisch. Privatsphäre ist schon seit Jahren ein wichtiges Thema, trotzdem werden die Grenzen durch neue Technologien und Lebensstile immer wieder weiter herab gesetzt. Lifelogging ist der nächste Schritt. 
 
 
 Quellen:
 http://www.focus.de/kultur/buecher/literatur-die-vermessung-des-lebens-lifelogging_id_3959544.html
 https://www.prosieben.de/tv/galileo/videos/201482-trendcheck-lifelogging-clip
 http://www.stern.de/digital/online/big-data-kunstprojekt--zeig-mir-dein-gesicht-und-ich-finde-dich-egal-wo-du-bist-7238158.html

One clap, two clap, three clap, forty?

By clapping more or less, you can signal to us which stories really stand out.