Ein zeitgemässer Service Public in (vorerst) 13 Punkten (Radio & TV sind nicht dabei)

Bevor ich diesen Beitrag starte, möchte ich einigen Menschen danken, ohne deren Teilgabe dieser Artikel nicht (so) entstanden wäre: Vor allem und allen stefan m. seydel/sms ;-) — und dann natürlich auch allen, die an unserem #ServicePublic-Stammtisch Platz genommen und teilgegeben haben
Darüber hinaus bedanke ich mich auch noch bei Bieler Larissa, Sarah Stiefel, Dirk von Gehlen, Christian Strickler und David Schäfer für den steten Austausch zu diesen oder ähnlichen Themen.

Es ist wirklich erstaunlich, wie ich mich immer öfters zurück erinnere, wie es damals war, als das Web gross wurde.

anstelle von youtube hätte ich video podcast (o.s.ä.) schreiben sollen 🙄

Das ist insofern ungewohnt, weil ich meist intensiv in der Gegenwart lebe und vor allem viel lieber neugierig im Nebel der Zukunft stochere, als in die olle Vergangenheit zurückzuschauen. Deshalb versuchte ich es zu ignorieren, wenn stefan jeweils zitierte, dass das Neue das noch ältere sei.

Aber dieser Tage verstehe ich es (wie ich es will;)

Denn: Was ist aus den damaligen Visionen von Demokratisierung, Netzwerk, Graswurzelbewegung, Intelligenz der Masse, Teilhabe und Allmende geworden?

Die Einen würden nun antworten — was im Moment total angesagt ist und womit sich neue Journi-Projekte und innovative Forschungsinstitute üppig finanzieren lassen — dass es das böse Silicon Valley sei, das sich das freie Internet unter sich aufgeteilt und durchökonomisiert habe.

Die Anderen würden konstatieren — zu denen ich mich eher zählen würde — dass irgendwann die Branding-, PR- und Kommunikationsprofis und die Medienleute kamen und aus den offenen Kommunikations-Plattformen simple Distributionskanäle machten.

Letztendlich ist wohl beides zutreffend — denn im Zusammenspiel wirkten alle diese Kräfte darauf hin, aus Social Media gigantische Datensilos entstehen zu lassen, in denen quasi Interaktionen gezüchtet werden.

Wenn wir uns nun also heute über Service Public auf der Höhe der Zeit unterhalten, dann sollten wir uns nochmals kurz darauf besinnen, wie das Web entstanden ist.

Denn alles, wofür wir damals das Web schätzen lernten, würde einem Service Public auf der Höhe der Zeit gut anstehen:

  • Demokratisierung
  • Netzwerk
  • Graswurzelbewegung
  • Intelligenz der Masse
  • Teilhabe
  • Allmende

Dieser Ansatz ist insofern heute besonders anspruchsvoll, weil sich die kommenden Generationen anschicken, sich in die Privatsphären der Chat-Apps und Messenger zurückzuziehen. Dort können sie sich nämlich der oben erwähnten Ökonomisierung und Distribuierung einfacher entziehen.

Was wären denn nun konkrete Ansätze eines Service Public auf der Höhe der Zeit?

Die nachfolgende Liste ist nicht vollständig und entsteht in Form von Work in progress — was heisst, dass ich sie laufend ergänze und bei bedarf korrigiere — Inputs sind sehr willkommen!

  1. Schnelles Internet für Alle
    Im Web gibt es ganz viele Infos und der Staat dient der Gesellschaft auf diversen Ebenen mit dem Erstellen von relevanter Infrastruktur — von der Wasserversorgung bis zum Strassenbau.
    Schnelles Internet für Alle erübrigt die Vergabe von Frequenzen und andere Diskussionen bezüglich Infrastruktur. Alle hätten dieselben einfachen Voraussetzungen, Informationen zu teilen und zu nutzen.
    Ergänzung via Twitter: 
    Wie sieht es mit #netzneutralität aus? Genügt der heutige freiwillige Ansatz um die Spannungen zwischen Content- und Imfrastrukturanbietern zu lösen oder braucht es weitere Regeln?
    Es braucht wohl auch neue Regeln, vor allem aber kooperative und kollaborative Lösungen. Sie müssen Content-Herstellern und auch Usern Data-Ownership garantieren. Dürfen aber auch nicht eigennützig sein. Dezentral, OpenSource, Gemeinnützig. @WePublish_media
  2. Publikationsplattform für Alle 
    Wenn über schnelles Internet hinaus noch eine weitere Infrastruktur gefragt sein könnte, dann wäre dies wohl eine Publikationsplattforn, wie we_publish angedacht zu sein scheint. 
    Es ist zwar fraglich, ob es neben vielen bereits bestehenden Angeboten — von Wordpress bis Medium — eine weitere solche Publikationsplattform braucht. Und: Sollte eine solche Plattform nationalstaatlich orientiert sein, dann wirkt es schon fast anachronistisch.
    Aber: Viele der bestehenden Publikations-Plattformen kommen und gehen und deren Anwendung ist nicht immer genug niederschwellig. Deshalb könnten Staat und Gesellschaft Interesse daran haben, einen demokratierelevanten Debattenraum entstehen zu lassen und vor allem auch nachhaltig zu sichern. 
    Zu einer solchen Schweizer Publikationsplattform sollten jedoch alle Zugang erhalten, die etwas publizieren möchten. Die Zentralisierung in thematisch und/oder ökonomische Publikationseinheiten («Redaktionen») soll zwar möglich sein — diese Infrastruktur soll jedoch auch den heterogenen und vielschichtigen Debattenraum fern von klassischen Gatekeeper-Konglomeraten sichtbar machen.
  3. Kuratieren und Moderieren
    In einer Zeit, in der sich alle öffentlich äussern können — von Experten in Nischenthemen bis zu allwissenden Querdenkerinnen — ginge es eigentlich nur noch darum, Diskurse zu kuratieren und moderieren. Da stellt sich unter anderem die Frage, wie in einem Meinungsbildungsprozess — zum Beispiel zu einer Abstimmung — alle Stimmen zur Geltung kommen und auch eine Grundsatz-Debatte fern der oft nicht wahnsinnig konstruktiven Ja- und Nein-Polen stattfinden kann. Als wirkungsvolle Instrumente zum Sammeln, zur Steuerung und zum Filtern könnten hierbei Hashtags dienen.
  4. Bots im Dienste der Allgemeinheit
    Die ersten Gehversuche wirken noch etwas spröde. Es ist jedoch absehbar, dass Bots aus unzähligen und grossen Datenbanken gezielt nachgefragte Informationen abrufen und zum Beispiel im Chat-Format vermitteln können. Der inhaltliche Spielraum ist beinahe unerschöpflich. So könnten zum Beispiel in Archiven historische Dokumente oder in aktuellen Datenbanken Hintergrundinformationen und Argumente zu Abstimmungen abgerufen werden.
  5. Ein öffentlich-rechtlicher RSS-Reader
    «Unsere Rundfunkanstalten sollten nicht mit Verlegern über Textlängen diskutieren müssen, sondern eine öffentlich-rechtliche Plattform anbieten, in der Leser*innen RSS-Feeds abonnieren können — ohne dass diese gefiltert und gewichtet werden — sozusagen als technologische Grundversorgung eines freien Web. Inhalteanbieter müssten dann nur noch RSS-Feeds bereitstellen.»
  6. Wikipedia stärken
    Was stefan m. seydel/sms ;-) schon länger propagiert, dringt nun langsam aber sicher in eine breitere Debatte:
    «… Wikipedia ist ein soziales Netz, dessen Inhalte von den Bürgern selbst erstellt werden. Es ist gemeinnützig, nicht durch Profit getrieben und nicht den Shareholdern … verpflichtet.

    Lenkt man den Blick zurück auf die öffentlich-rechtlichen Anstalten, wird man einsehen, dass die Form ihrer Information jenseits der Tagesaktualität nicht mehr zeitgemäß ist. Wer etwas über ein aktuelles Thema jenseits von Breaking News wissen will, wird zunächst im Internet suchen und häufig genug bei Wikipedia landen. Es bündelt besser als alle Mediatheken oder Zeitungsarchive, schon weil die sich als aktuell verstehenden Medien diese Tiefendimension der Information vernachlässigen.
    »
    Keine Frage, Wikipedia hat einige Haken. Die Einträge können trotz der so genannten «Weisheit der Masse» verzerrt sein. Dies, weil diverse Kräfte auf sie einwirken können — und auch, weil viel zu viele privilegierte weisse Männer mitschreiben (die Zahl aller Wikipedia-Autor*innen aus dem ganzen Kontinent Afrika soll in etwa derjenigen entsprechen, die aus Schweden mitschreiben). 
    Mit einem konkreten Fokus auf Wikipedia, könnte der Service Public dieses gemeinnützige Wissensnetzwerk nicht nur ganz allgemein fördern und ausbauen, sondern auch die vorgenannten Schwachpunkte angehen.
  7. Aufbau von Wikitribune
    Zum Terror-Anschlag in Paris ist fast zeitgleich ein Wikipedia-Eintrag entstanden. Das ist insofern bemerkenswert, weil das Format ursprünglich eigentlich nicht dafür gedacht war, Ereignisse quasi in Echtzeit zu erfassen. Dies sei jedoch nur am Rande erwähnt. Denn bei Wikitribune geht es um die Idee, dass Journalist*innen und User*innen gemeinsam Beiträge erstellen sollen. Auch wenn hier immer noch die Struktur «hier die Redaktion» und «dort die Community» aufrechterhalten bleibt, so arbeitet Wikitribune intensiv an der Nähe zur und dem Involvieren der Community — alleine schon dadurch, dass die Redaktionssitzungen via Livestream übertragen werden und die User dabei Feedbacks und Inputs geben können.
  8. Bildung auf allen Ebenen
    Wenn die Infrastruktur des Webs es ermöglicht, dass sich alle Bürgerinnen und Bürger informieren und äussern können, dann ginge es einzig nur noch darum, dass alle befähigt werden, sich kritisch, reflektiert, souverän und spielerisch durchs Web zu navigieren.
    Die Annahme wäre jedoch völlig falsch, dass hier nur die Schulen und andere Ausbildungsstätten gefordert sind. Wenn wir sehen, wie ignorant bis zögerlich scheinbar systemrelevante Branchen (ihr könnt euch denken, welche ich u.a. anspreche;) auf den Medienwechsel reagieren, dann sehe ich hier genauso dringlichen Bildungsbedarf.
  9. Datensicherheit und Datenhoheit
    Wer soll eigentlich für die Hoheit der Bürgerinnen und Bürger über ihre Daten einstehen?
    Ergänzung via Twitter: Zu “9. Datensicherheit und Datenhoheit” gibt es etliche Konzepte, z.B. rund um dezentrale, föderierte Dienste. Wie Datenaustausch und -bearbeitung mit #Nextcloud oder Chat mit #XMPP. Background und Selbstbauanleitung mit z.B. #RaspberryPi unter
  10. Kulturförderung auf der Höhe der Zeit
    Es ist sinnvoll, wenn ein TV-Sender im Rahmen von Service Public für einen so kleinen Markt wie die Schweiz einer ist, die Produktion von Spielfilmen fördert. Wie müsste jedoch ein Fördermodell aussehen, wenn es die gesamte Webproduktion betriff? Es gibt zum Beispiel längst schweizerdeutsche Memes. Sollen solche kuratiert und dokumentiert werden? Könnte diese lokale Meme-Produktion zur Informationsvermittlung und als Meinungsbildungsformate gefördert werden? Wie müsste die Förderung von digitalen Bewegtbildformaten organisiert werden? Welche Rollen sollten Games in einem Service Public auf den Höhe der Zeit übernehmen?
  11. Wissenschaft befreien
    Die Universitäten und Hochschulen sollten vom Druck befreit werden, sich insbesondere gegenüber den Politik zu legitimieren. Aber auch der Einfluss der Wirtschaft sollte kritisch hinterfragt werden. 
    Es war für die Wissenschaft nie einfacher, sich direkt an die Gesellschaft zu wenden. Gleichzeitig ist die Gefahr gross, dass die Abhängigkeit von den Geldgebern den kommunikativen Output massgeblich beeinflusst. Das erweist der Gesellschaft letztendlich einen Bärendienst. 
    Ergänzung via Twitter: Herzlichen Dank! Unter “11. Wissenschaft befreien” erwartete ich aber auch sowas wie die Forderung nach Open Access für öffentlich geförderte Resultate.
  12. Netzwerk stärken
    In der konkreten Anwendung ist noch kaum erforscht, wie sich in einer Netzwerkgesellschaft Informationen bilden und verbreiten. Es könnte jedoch eine Schlüsselfrage von Service Public auf der Höhe der Zeit sein, wie Informationen möglichst hierarchiefrei entstehen und sich verbreiten.
  13. Hacker garantieren den Service Public
    Als agiler und subversiver Dienst an der Allgemeinheit könnte mit diesem Service informationelle Monokulturen und verkrustete Infrastrukturen unterwandert und aufgebrochen werden. Er könnte überall dort auftauchen, wo Hierarchien entstehen und Knoten im Netzwerk zerschlagen, die zu gross geworden sind.

Was in dieser Liste gefühlt aussen vor bleibt ist nicht nur die Forderung, dass ein Service Public auf der Höhe der Zeit zwingend der Forschung und Innovation verpflichtet sein sollte — sondern auch das Herstellen von Inhalten.

Ich gehe jedoch davon aus, dass zuerst die Technologie, die Aufgaben und die Instrumente definiert werden sollten, um danach festzustellen, wo, wie und von wem allenfalls noch genuine Inhalte produziert werden müssten.

Und wie angekündigt habe ich nicht nur nachträglich das Listicle teilweise ergänzt, sondern ich erweitere es hier:

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