Tik Tok ist so was wie die UNO des neuen Jahrhunderts

philipp meier

Noch nie in der Menschheitsgeschichte gab es 1 grössere globale Völkerverständigung als auf Tik Tok.

Was vor zehn Jahren mit dem Meme “Planking” gefühlt Monate brauchte, um in verschiedenen Teilen der Welt Nachahmer’innen zu finden, überschlägt sich heute Tag für Tag auf Tik Tok.

Hier vollzieht sich auf Witz- und Meme-Ebene, was Wolfgang Blau auf Sprach- und Textebene durch automatische Übersetzung erwartet: Im Prinzip wird das Netz erst dann als World Wide Web seine Wirkung entfalten können, wenn sich alle verstehen.

Natürlich gibt es auf Tik Tok auch nationalistische Tendenzen oder Challenges, die die Herkunft oder den Nationalstaat betonen. Aber in den letzten Jahren haben solche Inhalte eh schon überdurchschnittlich viel Aufmerksamkeit erhalten. Zeit also, wieder das Verbindende ins Zentrum zu rücken — das übrigens immer Teil des Webs war und ist.

Falls du nicht weisst, was Tik Tok ist: Hier kannst du die App im App Store oder im Play Store runterladen und es gibt längst unzählige Beiträge, die Beschreiben, was Tik Tok ist oder sein könnte. Zum Beispiel diesen hier in der New York Times oder diese Übersicht im social media watchblog oder dieser Artikel auf medium.com.

Bevor Tik Tok Tik Tok war, war Tik Tok Musical.ly. Und bereits als Musical.ly funktionierte die App sehr ähnlich, wie das heutige Tik Tok. Als ich damals das erste Mal in 1 Musical.ly-Clip der Tochter 1 kurze Rolle spielen durfte, war ich sehr stolz.

Auch wenn ich mich nicht mehr erinnern kann, ob diese Lip Sync Sequenz beliebt war, so blitzt in diesem kurze Clip trotzdem etwas von dem auf, was ich mit der Völkerverständigung auf Tik Tok in Verbindung bringe: Auffallend viele Reime, Gesten, Wortspiele, Gesänge und Witze funktionieren über die unterschiedlichsten Kulturen hinweg.

Und 1 ist im Vergleich zu den bisherigen Social Media Plattformen auch ganz anders: Wer in die Welt von Tik Tok 1taucht muss niemandem aktiv folgen – die Clips spült es automatisch in 1 Stream, der alleine nur dadurch zusammengestellt wird, was bei der Person auf Interesse stösst, die sich die Videos anschaut.

Hier nun 1 paar Beispiele (Nummer 6 hat bei mir diesen Gedankengang ausgelöst):

1. Liebelei am Telefon 💓

Von der Tonspur, respektive vom Slang her würde ich hier auf Nordafrika tippen. Es wird zwar französisch gesprochen, aber das akustische Setting von „Frau ruft an und Mann schmilzt dahin“ ist universell verständlich.

Gemäss Challenge-Page ist das das ‘Original‘:

Hier 1 Version, die der ‘Original-Situation‘ wohl am nächsten kommt:

Und hier 1 sehr erfolgreiche Interpretation aus dem mittleren, respektive fernen Osten:

Wie in diesen Beispielen zu sehen war, ermöglicht Tik Tok, auf Clips von anderen zu reagieren. Solche so genannte ‘Duette‘ sind sehr beliebt und bieten wildfremden Menschen 1 inszenierte Interaktion. Hierzu werden weitere Beispiele folgen.

2. „Wotsch en Biss?“ 🤔

Tonspuren mit Kinderstimmen sind natürlich sehr beliebt und oft mit sehr wenig bis keinen Sprachkenntnissen verständlich.

Und hier in 2 sehr gelungenen Duetten:

3. Hast du alles verstandik? 🤷‍♂️

1 Sprachspiel mit viel (Selbst-)Ironie

4. Definiere ‘scintillating‘ ✨

Was auch faszinierend ist: Gut gespielt sind Stimmen nicht einfach den Menschen zuzuordnen – sprich: sie könnten zu unterschiedlichen Personen passen. Nachfolgend zwei Beispiele aus derselben Challenge.

Zuerst sah ich diese „Immitation“ (sie ist super gemacht! einzig 1 Lichtwechsel kurz vor Schluss zeigt, dass es nicht in 1 Take klappte)

In der Übersicht der Challenge fand ich dann diese Version (sie ist zwar nicht perfekt synchronisiert, aber die Mimik kompensiert es):

Und selbstbewusste/-ironische/-überschätzende Männer wagen hier natürlich 1 Duett:

Aber natürlich gibt es auch hierzu schräge Interpretationen – die oft genauso erfolgreich sind wie die situativ perfekt eingespielten (für alle, die Video-Memes noch nicht kennen: Frauen werden von Männern oft mit Kleidungsstücken oder Tüchern auf dem Kopf gespielt und Spielkarten oder abruptes ins Gesicht zoomen dienen als Verstärkung einer aussage):

5. Oder einfach zusammen tanzen 💃🏽🕺🏽

6. Du kannst nicht rechnen 😱 😂

Bei dieser Challenge ist mir erstmals aufgefallen, wie universell die spielerischen Inszenierungen auf Tik Tok sind. Die Tonspur stammt offensichtlich aus 1 „afrikanischen“ Kontext (i know, heikle Definition).

Für 1mal verlinke ich direkt in die gesamte Challenge, da kannst du dir ganz oben links 1fach mal nur die Tonspur anhören.

Darunter findest du dann alle 640‘000(!) Interpretationen und Duette – nach der Anzahl Views geordnet.

Vorsicht: Suchtgefahr!

In dieser Liste sind nicht die Neu-Interpretationen zu finden, die auch ne neue Tonspur haben – wie z.B. diese Version in 🇨🇭-deutsch:

7. Duett + Duett + Duett + … 👫👭

Bis jetzt habe ich dir nur quasi klassische Duette gezeigt. Meines Wissens können jedoch unendlich viele Duette aneinander gehängt werden – es macht irgendwann nicht mehr viel Sinn, weil die ersten Duette nicht mehr erkennbar sind (die Grenze von hochkant;)

8. Ein Grund, wegzuziehen? 🎹

Genial: Die Treppenstufen als Klaviertasten. Respektive: Was den Einen Spass bereitet, nervt die Anderen. Quasi der Nachbarschaftsklassiker schlechthin.

Hier „das Original“:

Und hier 2 Intepretationen:

9. Man* nehme das Intro zu 1 Welthit mit 6 Mrd.(!) aufrufen auf Youtube 🎸

Witzige Interpretation des Intros eines Welthits, den eh schon sehr, sehr, sehr viele Menschen kennen.

In den folgenden Beispielen ist auch zu sehen, dass vor allem die Idee gut sein muss und die Missgeschicke richtiggehend überinszeniert „gefaked“ sein können:

10. Bonus-Clips 💕

Und wenn ich schon dabei bin, dann teile ich hier einfach noch 1 paar Clips, die mir besonders gut gefallen:

Das wars (fürs Erste). Tik Tok kann süchtig machen. Und neben dem Stream mit den Kurz-Clips wirken die bisherigen Social Media Plattformen sehr statisch und in einer gewissen Weise fast ein Bisschen veraltet.

philipp meier

Written by

community developer @swissinfo.ch, ehem. SM editor/curator @watson.ch, NachtStadtrat Zürich, mentor/dozent zhdk (style&design), ex-direktor cabaret voltaire

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