
Kollege Roboter und Kollege Hammer
Ein Missverständnis rund um Automatisierung und BGE
Auf twitter weckte @how2expert vor kurzem mein Interesse an diesem Artikel im @tagesanzeiger:
In ihm stolperte ich über eine überraschende Aussage. Sybille Sachs, Leiterin des Instituts für strategisches Management der Hochschule für Wirtschaft HWZ, sagt hier etwas, das man in der Diskussion um das Bedingungslose Grundeinkommen und Automatisierung eher selten hört:
Gerade Menschen mit stark routinierten Arbeiten haben meist eine hohe Arbeitszufriedenheit und wollen sich nicht verändern.
Korrigiert mich, wenn ich falsch liege: Sind es nicht gerade diese stark Routinierten Arbeiten, die den Befürwortern des BGE ein Graus sind. Diese Art von Jobs, die die Toten Hosen so lieblich als »robotten« bezeichneten. Monoton und unmenschlich sind die Adjektive, die man oft hört, wenn diese Arbeit beschrieben wird. Diese Sklavenjobs, die man nur des Geldes wegen macht? Sind es nicht aussagen wie diese, die uns für das BGE erwärmen?
Und jetzt kommt da jemand und attestiert ihnen eine hohe Arbeitszufriedenheit? Da stimmt doch was nicht. Oder Doch?
A job well done
Das Bild der Arbeit, das der Diskussion zugrunde liegt, ist stark von kreativen und akademischen Berufsfeldern geprägt. Felder, in denen Arbeit im Extremfall mit Selbstverwirklichung gleich gesetzt wird. Symptomatisch sind dafür aussagen wie diese:
Den Vertretern dieser Denkart fällt es augenscheinlich schwer sich in eine Personen hinein zu versetzen, die Arbeit und Selbstwertgefühl voneinander trennen können. Die zufrieden sind, am Ende des Tages einen Strich unter die gemachte Arbeit zu ziehen, sich das Ergebnis anschauen, und mit dem Gefühl »A Job well done« nach Hause fahren. Menschen, die klare Struktur in ihrer Arbeit mögen. Eine Arbeit, die einen klaren Anfang und ein klares Ende hat. Die unter umständen sogar Tätigkeiten bevorzugen, die wenig mit ihrem persönlichen Ausdruck zu tun hat.
Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps.
Die »hohe Arbeitszufriedenheit«, die Sybille Sachs diesen Menschen attestiert, ist hier ein wichtiger Hinweis. Vergleichen wir diese mit anderen Tätigkeiten, fallen einige Besonderheiten auf. Wir beobachten in den letzten Jahren gerade in den Kreativ-Berufen einige Probleme. Eine wachsende Anspannung, die mit der engen Verflechtung von Job-Erfolg und Selbstwertgefühl zu tun hat. Diese führt dazu, dass Job-Verlust auch als persönliches Scheitern interpretiert wird. Strukrulosigkeit, die in diesen Tätigkeitsgeldern gerne als Flexibilität interpretiert wird, macht es nicht selten schwierig am Ende des Tages auch das Ende der Arbeit zu finden. Gerade in modernen Startups werden daher Programme zur Work-Life-Balance immer wichtiger.
Hier sehen wir einen krassen Unterschied der Arbeitskultur zwischen denen, die über die theoretische Basis des bedingungslosen Grundeinkommens nachdenken, und denen, die durch dieses Einkommen vom wahrgenommenen Zwang zur Arbeit befreit werden sollen.
So wird es schwierig, die Chancen der Automatisierung zum Wohl der Menschen zu entdecken. Wenn ein signifikanter Teil der kreativen Denkleistung in diesem Feld in einer subtilen Verachtung der einfachen und körperlichen Tätigkeit verhaftet ist, gibt sie sich keine Mühe, sich positiv mit ihr zu beschäftigen. Man freut sich geradezu darauf, wenn Kollege Roboter dieser Tätigkeit ganz übernimmt, und man die so befreite Arbeitskraft mit einem Taschengeld nach Hause schicken kann, damit sie sich jetzt mal endlich selbst verwirklichen kann.
Kollege Roboter
Dabei wird oft übersehen, dass Kollege Roboter keine Person ist. Genau so wenig wie Kollege Hammer. Beides sind Werkzeuge. Sie helfen dabei eine Tätigkeit zu vereinfachen. Schneller fertig zu werden. Weniger geistige oder Körperliche Kraft einzusetzen.
Ebenfalls übersehen wird, dass moderne Technologie nicht zwangsläufig alte Jobs in ihrer Aktuellen Form ersetzen muss. Sie kann auch Tätigkeiten übernehmen, die im Zuge der Industrialisierung komplett unter den Tisch gefallen sind. Oder auch Dinge tun, die schlicht und ergreifend niemand jemals getan hat.
Eine dieser Tätigkeiten, die in der Industrialisierung praktisch unter den Tisch fiel, ist das Anpassen eines Schnittmusters an die Körpermaße des Kunden und das passgenaue Zuschneiden der Stoffbahnen für ein Kleidungsstück. Vielleicht liegt es an der Zeitspanne, die seitdem Vergangen ist. Aber bis zur industriellen Produktion von Kleidung und der mit ihr einhergehenden Normierung der Maße, war es eigentlich undenkbar, bei einem Schneider ein Kleidungsstück zu kaufen, dass nicht perfekt passte. Wir haben uns bereits so sehr daran gewöhnt unsere Körper selbst der verfügbaren Kleidung anzupassen, dass wir so leicht übersehen, dass moderne Produktionstechnologie diesem Unfug, ohne massiver Verteuerung des Produktes selbst, ein Ende setzen könnte.
Ein Beispiel für eine Tätigkeit, die bislang schlicht und ergreifend niemand gemacht hat, ist das massenhafte Erfassen und Auswerten von Bodenproben in der Landwirtschaft. Ein 24/7-Monitoring der Felder eines Bauern, das ein schnelles und punktgenaues Düngen, Bewässern oder bekämpfen von Schädlingsbefall ermöglicht.
Beides sind bewusst Beispiele aus Branchen, in den Schwierige Arbeitsbedingungen herrschen. Hier kann Technologie nicht nur dazu eingesetzt werden, Arbeitskräfte einzusparen, sondern dazu mit gleichem Personalaufwand bessere Produkte mit weniger Einsatz von Material zu produzieren.
Dem BGE fehlt was
Den aktuell diskutierten Konzepten des BGE fehlt etwas Entscheidendes: Ein Gespür dafür, dass es auch außerhalb der kreativen oder akademischen Selbstverwirklichung noch Potenzial für gute und befriedigende Arbeit gibt. Es fehlt ein Mechanismus, der Arbeitgeber anspornt, Technologie zu nutzen um gute Arbeit zu ermöglichen. Im Zweifel geht der Schuss nach hinten los, wenn Unternehmen sich durch das Einzahlen in den BGE-Topf moralisch freikaufen, Arbeit durch Automatisierung ersetzen, oder einfach ins Ausland auslagern. Eigentlich bliebe alles wie bisher. Und wer nicht ins idealisierte Bild des kreativen, flexiblen, dynamischen und glücklichen Arbeitnehmers passt, hat weiterhin das Nachsehen.
