Nicht nur meckern sondern machen

Wer privates Engagement in der Bildung kritisiert und auf Staatsprinzipien pocht, muss selber auch liefern

Wer mich kennt, der weiß, dass ich mich gerne mal in Rage schreibe. Und so ist es heute mal wieder so weit. Den Stein des Anstoßes lieferte heute dieser Tweet:

OK, da reißen sich Leute alles denkbare auf um was zu bewegen, und hier wird daraus eine Art Watergate gehäkelt? Ich gebe zu, dass das Team um @GescheJoost und @StephanNoller schneller voran preschte, als es die zuweilen träge Bürokratie der Schulpolitik gewohnt ist. Man könnte ihnen höchstens vorwerfen übereifrig gewesen zu sein. Verständlich, wenn man verzweifelt ist. Es muss etwas getan werden! Und da haben sie einfach gemacht, statt zu debattieren. Und ein Projekt gestartet, das sehr groß ist. Größer als sie dachten. Es tun sich bei der Produktion von Hardware und Bildungsmaterialien Probleme auf, die man vorher nicht kannte. Aber bange machen gilt nicht — also weiter kämpfen.

Selbstverständlich verstehe ich den Impuls gegen Werbung an der Schule zu sein und Lobby-Einflüsse zu bekämpfen. Es besteht aber für mich ein himmelweiter Unterschied zwischen Werbegeschenke auf dem Schulhof zu verteilen und der Produktion relevanter Ressourcen für Schulen. Diese werden immer von Firmen Produziert — und dabei ist mir eigentlich egal ob es sich hierbei um einen Schulbuchverlag oder den Anbieter von Online-Inhalten handelt. Schulbücher und andere Lehrmaterialien sind Produkte. Und so lange die Länder und Schulen nicht anfangen Spezialisten Einzustellen und zu bezahlen um diese selbst zu Produzieren, wird man immer mit Unternehmen zusammen arbeiten.

Bildung erstickt am Kooperationsverbot und Neutralitätsgebot

Natürlich kann man auf Neutralitätsgebot und Kooperationsverbot pochen. Aber dann muss man auch ordentlich abliefern:

Gibt es eine Staatliche Version der Google Suite um Dokumente und Lehrmaterialien zu verbreiten? Gibt es eine deutsche version des Raspberry Pi? Arbeitet die EU an einem so umfangreichen öffentlichen Atlas wie Google Earth? Kann ich ein Studium um digitaleVorlesungen anderer deutscher Universitäten ergänzen, wie bei iTunes U? Arbeitet der gebührengestützte Rundfunk so umfangreich wie die BBC an Bildungsangeboten? Gibt es als Schwester des BBC micro:bit das ARD Häckerchen? Arbeitet ein Heer von Programmierern und Designern als staatliche Angestellte an der Digitalisierung? Stellen die Länder sicher, dass alle Schullektüren und Lehrmaterialien offen digital vorliegen, damit sehbehinderte Schüler diese über Braille und Text to Speech einfach zugänglich haben? Kümmern sich die Kultusministerien nicht nur um Deutsch als Lautsprache sondern auch um die deutsche Gebärdensprache? Gibt es begleitende Bildungsmaterialien und Informationen der Schulen für Eltern, um sich selbst wieder fit in den Themen zu machen, die ihre Kinder in der Schule haben?

Wieviele dieser Fragen können Sie mit einem uneingeschränkten „Ja“ beantworten? Eine? Vielleicht Zwei? Gar keine? Das ist traurig, nervig und desaströs. Und daran ersticken die Zukunftsrelevanz der Bildung, die Inklusion und die Bildungsgerechtigkeit.

Die Staatlichen Schulen liegen am Boden. Und da ist das kaputte Klo nur das graphischste Beispiel. Die viel beschworenen Chancengleichheit geht damit den Bach runter. Denn Eltern, die es sich leisten können, schauen sich nach privaten Bildungsangeboten um. Von Privatschule, über Nachhilfe und so weiter. Die viel belächelten Helikoptereltern sind das Ergebnis dieser Entwicklung, denn sie managen, mit gewissem Übereifer, das was die Schulen eigentlich managen sollten.

Na ja, zumindest lernen engagierte Schüler gut Englisch. Denn auf Youtube finden sie Nachhilfe zu fast jedem Thema ausschließlich in dieser Sprache.

Lehrer haben kein Bildungs-Monopol

Ich ziehe meinen Hut vor allen Lehrern. Sie leisten jeden Tag großartige Arbeit. Auch unter politisch und infrastrukturell sehr schwierigen Bedingungen. Bildung ist aber keine One-Man-Show, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Sie hört auch nicht an der Schultür auf, sondern geht ein Leben lang weiter.

Lehrer sollen sich mit Schülern auf das Lernen konzentrieren können. Sie sollen ihre Arbeitskraft und ihr Engagement nicht in Nebenthemen verbrennen müssen. Das ist nicht ihr Job. Lehrer müssen keine Podcasts und Videos produzieren, die Lehrinhalte in vielen unterschiedlichen Kontexten aufarbeiten. Sie können nicht die Aufgabe stemmen, Eltern, die nicht die selben Bildungschancen hatten, mit ihren Kindern auf Stand zu bringen, damit sie ihren Kindern zur Seite stehen können. Das ist nämlich unser Job. Der Job jedes Bürgers, Unternehmens und Politikers. Wir haben heutzutage alle die Möglichkeit, solche Inhalte zu Produzieren, mit Kindern und Eltern auf der ganzen Welt über die Relevanz der Themen zu diskutieren und uns selbst kontinuierlich weiter zu bilden.

Bildung ist Aufgabe für jeden! Das humanistische Bildungsideal können wir nich bei Lehrern und Schulbuchverlagen abladen. Wir können selber aktiv werden aber auch Leute und Firmen unterstützen, die sich engagieren. Im Digitalen Zeitalter können und müssen ALLE ihren Teil beitragen. Und Unternehmen haben die finanziellen Ressourcen aber auch die Manpower um diesen Weg mitzugehen. Und sie haben ein starkes Interesse an gut ausgebildetem Nachwuchs. Und — guess what — Es gibt kein Magisches Ritual, das aus normalen, engagierten Menschen bösartige, kinderfressende Ungeheuer mit Führerkomplex macht, sobald sie ein Unternehmen gründen. Auch CEOs sind Menschen. Auch sie haben Ideale und Ziele und — auch wenn es manche nicht glauben wollen — Kinder, denen Sie eine bessere Welt hinterlassen wollen.

Macht Vorschläge statt auf Prinzipien zu hocken

Also meine Bitte an alle Kritiker: Nicht nur meckern, sondern auch liefern. Macht konstruktive Vorschläge, wie wir das breite Interesse und die Bereitschaft Bildungsressourcen zu schaffen, mit dem Prinzipien der neutralen Schule vereinigen können. Hockt nicht nur auf euren Prinzipien rum. Geht auf mögliche Partner zu und arbeitet mit ihnen. Und ja, diese Partner dürfen auch Firmennamen haben oder aus einer anderen politischen Partei kommen.