Wenn der Nomad Blues zuschlägt

Ich muss ein kleines Geständnis ablegen. Mich hat der Nomad Blues erwischt. Und es ist nicht das erste Mal. Schon im November, auf Gran Canaria und in Marrokko, hatte ich dieses Gefühl der Rastlosigkeit und Erschöpftheit. Und sehnte mich wieder nach einem stationären Leben mit fixen Bezugspunkten, Routinen und einem Zuhause. Und das schon nach nur zwei bzw. jetzt etwa sechs Monaten ortsunabhängigem Leben.

Die Symptome

Ich nenne hier mal Nomad Blues, was viele Daurreisende als Travel Blues kennen. Das Gefühl schleicht sich oft nach einer Zeit „on the road“ ein, vor allem, wenn man zu schnell reist. Die Symptome sind sicher vielfältig und variieren von Mensch zu Mensch. Für mich sind sie folgende:

  • Keine Lust mehr, die Stadt/den Ort zu erkunden, an dem ich gerade lebe
  • Keine Abenteuerlust mehr
  • Ich würde am liebsten den ganzen Tag in meiner Unterkunft bleiben
  • Ich empfinde einen regelrechtes Grauen davor, rauszugehen oder gar vor dem nächsten Ortswechsel
  • Ich wappne mich schon mental gegen die nervigen Leute, die mir alles mögliche verkaufen und mich womöglich abzocken wollen (bis ich dann einem überraschend netten und hilfsbereiten Local begegne, der mich daran erinnert, dass die allermeisten Menschen auf der Welt gutmütig, hilfsbereit und gastfreundlich sind)
  • Ich checke Flüge nach Hause und überlege, wie ich schneller zurück kommen könnte
  • Oder noch eine Stufe stärker: Ich checke Immobilieninserate potentieller Homebases
  • Ich esse zu viel und das Falsche, weil ich versuche Komfort im Essen zu finden statt in „echter“ Freizeit
  • Müdigkeit
  • mentale Erschöpftheit

Dazu muss gesagt werden: Eigentlich liebe ich das Reisen, also den tatsächlichen Transit, das Fliegen, den Flughafen-Wahnsinn, Zugfahren. Aber im Nomad Blues Zustand nervt es mich eher und erschöpft mich.

Die Ursachen

Ist das also das Ende des digitalen Nomadentums für mich oder für dich, wenn du dich ähnlich fühlst? Nein, ich glaube, das muss es nicht sein. Natürlich gibt es den Punkt, an dem du auf dein Herz hören und heimkehren solltest. Aber nur, weil es mal ein bisschen unangenehm ist, sollten wir doch diesen Traum nicht aufgeben, oder? Zuhause gibt es schließlich auch schlechte Tage. Wenn wir uns also die Ursachen für dieses Gefühl bewusst machen, können wir gegensteuern, ohne den Traum gleich aufzugeben:

Zu schnelles Reisen

Langzeitreisen und das Leben als digitaler Nomade sind zwei vollkommen unterschiedliche Situationen. Hier mal ein paar Tage, da mal eine Woche — das geht nicht lange gut, wenn man „nebenbei“ auch noch ein Einkommen verdienen muss und das ganze dauerhaft angelegt hat, ohne Rückkehrdatum und Homebase.

Falsche Auswahl der Orte

In den letzten Wochen habe ich meine Reiseziele und Aufenthaltsdauer hauptsächlich nach Lebenshaltungskosten, Flugpreisen und Visabestimmungen ausgewählt. Das brachte mich zuletzt nach einem knappen Monat Thailand eine Woche nach Malaysia und nun schließlich nach Bali. Versteh mich nicht falsch — Südostasien ist eine tolle Region, um günstig, gut und relativ unkompliziert zu leben. Aber auf Dauer ist es einfach nicht das richtige für mich — das Klima ist anstrengend und hält mich vom Laufen ab. Der Lebensstil entspricht nicht meinem favorisierten und es ist schwer bis unmöglich, sich in die lokale Kultur zu integrieren. Fazit: Ich persönlich brauche gemäßigtes Klima und „westliche“ Länder. Und nur, weil sich so viele Nomaden im Winter in SEA aufhalten, muss mir das ja noch lange nicht auf Dauer gefallen.

Fehlende Routinen

Durch zu schnelles Reisen und falsche Ortswahl wird es unter Umständen unmöglich, die eigenen Routinen aufrechtzuerhalten. Dabei sind gerade die essentiell, um einen gesunden Lebensstil, die eigene Produktivität und „Sanity“ aufrecht zu erhalten. Für mich ist es zunehmend anstrengender (ich sage nicht unmöglich ;)), mich vegan und ausgewogen zu ernähren, regelmäßig Sport und Yoga zu machen, Dankbarkeit zu praktizieren und zu meditieren. Dabei sind das genau die Routinen, die es mir auf Dauer gut gehen lassen.

Zu viel geplant

Wegen Einreisebestimmungen und auch der Angst vor steigenden Flugpreisen buche ich oft schon mindestens eine weitere Station im Voraus. So bin ich jetzt auch wieder bis Mitte April verbucht. Das schränkt natürlich spontane Planänderungen enorm ein. Spontan nach Europa fliegen? Heißt mindestens einen Flug verfallen lassen und eine AirBnB-Buchung stornieren.

Isolation

Ich reise alleine. Und zwar gerne und bewusst, denn Unabhängigkeit ist mir wichtig. Da ich nicht mehr als Backpacker in Hostels unterkomme, sondern meist in Hotels oder eigenen AirBnB-Wohnungen unterkomme, treffe ich aber manchmal kaum Menschen. Coliving- und Coworking-Spaces wie das KoHub auf Koh Lanta sind da ein echtes Paradies — viele Gleichgesinnte Freelancer und Online-Unternehmer mit ähnlichen Ambitionen und Problemen.

Die Lösung?

Manchmal muss ich mich daran erinnern, dass ich nach meinen eigenen Regeln leben kann. Freier und unabhängiger geht es kaum und dafür bin ich unglaublich dankbar — also sollte ich es auch nutzen. Und mir nicht vorschreiben lassen, wo ich mich aufhalte. Es gibt keinen Grund, so um die Welt zu eilen, nur um möglichst viele Länder abzuhaken und in Wirklichkeit keines von ihnen richtig kennengelernt zu haben.

Digitales Nomadentum heißt nicht non-stop Reisen, zumindest nicht für mich. Es ist viel eher Ortsunabhängigkeit — die Möglichkeit, überall zu leben, für Wochen, Monate oder auch Jahre.

Trau dich, deine eigene Version der Freiheit zu entwerfen!

Originally published at michelleretzlaff.com on March 2, 2016.