Was ist Minimalismus?

In der aktuellen ZEIT No.6 vom 2. Februar 2017 äußerte sich die Autorin Linda Tutmann zum Thema Minimalismus. Dabei fällt auf, dass sie sich offenbar nur sehr peripher mit der Essenz dieses Lebensstils beschäftigt hat. Die Autorin reduziert den minimalistischen Lebensstil auf “Es gilt als schick, so gut wie nichts zu haben” und beschreibt Minimalisten als “Anhänger der leeren Lehre”. Leider verpasst Frau Tutmann hier die Chance, sich tiefer damit auseinanderzusetzen, wofür Minimalismus tatsächlich steht, denn wie man aus dem Artikel herausliest, scheint sie der wahren Grundidee in keinster Weise abgeneigt zu sein.

Minimalismus stellt den Menschen in den Mittelpunkt.

Zu allererst sei gesagt, dass Minimalismus als Begriff keine fixe Definition hat. Stattdessen bietet es eine Hand voll Grundwerten, aus denen sich jeder frei bedienen kann. Einer dieser Grundwerte besagt: “Liebe Menschen, benutze Dinge. Das Gegenteil kann nie funktionieren”.

Quelle

Im Wesentlichen geht es darum zu reflektieren, in welchem Verhältnis man zu seinen eigenen Besitztümern steht. Minimalismus kritisiert den gesellschaftlichen Fokus auf den Besitz von Objekten, von Dingen, als Definition von Erfolg und sozialem Aufstieg. Sich den Porsche mit 40 endlich leisten zu können und es damit “endlich geschafft zu haben”, das ist das Lebensmodell, dem sich der Minimalismus entgegenstellt. Er mahnt an, sich nicht über den Besitz von Objekten zu definieren, sondern stattdessen über Erlebnisse und Erinnerungen.

Dr. Travis Bradberry hat diese Idee in einem Artikel in der Huffington Post (oben verlinkt) einmal wunderbar auf den Punkt gebracht:

Buying an Apple Watch isn’t going to change who you are; taking a break from work to hike the Appalachian Trail from start to finish most certainly will.

Definiere dich über all das, was du erlebt und gelernt hast und über die Menschen, mit denen du dein Leben teilst. Definiere dich nicht darüber, ob du eine teurere Uhr am Handgelenk trägst als dein Gegenüber. Um nichts anderes geht es.

Wie extrem sich diese Lehre jedoch in der Praxis äußert, ist jedem selbst überlassen. Es gibt Minimalisten wie Andrew Hyde, die nur 15 Dinge besitzen, und es gibt “Minimalisten”, die lediglich beschlossen haben, bewusstere, langfristigere Kaufentscheidungen zu treffen und weniger verschwenderisch zu leben.

In unserer Gesellschaft wird viel Geld für Krams ausgegeben.

Ein zweiter Grundwert des Minimalismus besagt, Objekte danach zu beurteilen, ob sie das eigene Leben erfüllter machen, und sich von all dem Clutter zu trennen, der zur Belastung wird. Die Autorin Linda Tutmann missversteht diesen Grundwert schon in der Überschrift ihres Artikels. Sie fragt: “Wie soll jemand, der nicht mal bereit ist, ein altes T-Shirt aufzubewahren, Menschen die Treue halten?”. Unabhängig davon, dass sich dieser Zusammenhang grundsätzlich nicht erschließt, ist diese Frage auch eine bösartige Unterstellung: Du trennst dich von unnützem Zeug? Dann bist du mit Sicherheit auch ein untreuer Mensch. Das ist ganz offensichtlich Blödsinn.

Der Minimalismus mahnt an, es mit dem Konsum nicht zu übertreiben. Und dafür hat er gute Gründe, wie sich anhand von wenigen Zahlen belegen lässt:

  • In einem durchschnittlichen amerikanischen Haushalt befinden sich 300.000 Objekte (Quelle).
  • Jeder zehnte Amerikaner mietet sich Platz zum Lagern von Objekten an, die nicht mehr in den eigenen Haushalt passen (Quelle).
  • Im Schnitt besitzen 10-jährige Kinder in Großbritannien 238 Spielsachen, nutzen davon aber nur 12 pro Tag (Quelle).
  • 47% der amerikanischen Haushalte sparen nichts an (Quelle).
  • Amerikaner geben mehr für Schmuck, Schuhe und Uhren aus als für private Bildung (Quelle).

Diese Liste lässt sich noch deutlich weiterführen. Und nicht nur theoretisch, auf praktisch lässt sich jedes Jahr z.B. am Black Friday beobachten, was passiert, wenn Menschen um die besten Schnäppchen streiten.

Miste aus!

Minimalismus lehrt, nicht nur ungehemmtem Konsum zu widerstehen, sondern sich zusätzlich auch von Dingen zu trennen. Während die ZEIT-Autorin Linda Tutmann jedoch Angst hat, jemand wolle ihr ihr Lieblingsbild über dem Bett wegnehmen, weil es keine Funktion erfüllt, ist vielmehr das Gegenteil der Fall. Minimalismus sagt: Investiere in Dinge (Objekte, Erlebnisse), die dich glücklich machen und trenne dich von Dingen, die dich belasten. Zahlreiche Bilder, riesige Vinyl-Sammlungen, nichts davon wird verurteilt. Dass angeblich jeglicher Besitz wegrationalisiert wird und nur noch Spotify und digitale Fotos erlaubt sind, wie Frau Tutmann behauptet, ist Quatsch. Es geht nicht um den funktionalen Wert, sondern um den Emotionalen.

Sich von Dingen zu trennen, sie zu spenden, zu verkaufen oder im Notfall auch wegzuschmeißen, macht die emotionale Bindung erst sichtbar. Sich zu sagen “Ich besitze 5 verschiedene Pullover. Mehr brauche ich nicht. Wenn also ein neuer hinzukommt, gebe ich einen Alten weg.” erhöht die Wertschätzung für das einzelne Objekt. Es macht den Kauf von Dingen bewusster, weil er Konsequenzen hat. Ist man bereit, für diesen neuen Pullover einen alten wegzugeben? Brauche ich überhaupt einen Neuen? Nur weil er billig ist, ist das wirklich ein Grund, ihn zu kaufen? Es geht nicht darum, Bilder wegzuschmeißen, weil sie keinen funktionalen Wert erfüllen. Es geht darum, das Wert zu schätzen, was man besitzt, anstatt sich ständig auf das zu fokussieren, was man besitzen könnte.

You have this thing that you were obsessed about. But then the new version comes out and now you no longer care about the one you have. In fact, the one you have is a source of dissatisfaction.
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