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Die grauen Herren, die unsere Zeit rauchen, sind stets unter uns. Und oft sind wir es selbst, die uns unsere Zeit rauben.

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben! Ist das so?
Bestraft einen das Leben? Oder der, der gewartet hat?
Oder man sich selbst?

Ist jede Sekunde in unserem Leben kontrolliert vom Schicksal?
Von der Zeit, die unermüdlich tickt, rieselt, rinnt und fließt?
Oder ist unser Leben nur eine Aneinanderreihung von Zufällen, Möglichkeiten? Von verpassten oder ergriffenen Chancen?
Ist Timing alles?

Wenn ich nicht immer 15 Minuten zu spät wäre, hätte ich dann meine
Ex-Freunde nicht getroffen? Wo wäre ich dann jetzt? Welche Richtung hätte ich eingeschlagen?

Aber ich habe auch gelernt — zumindest versuche ich es — bei Treffen pünktlich zu sein, denn die Zeit des Gegenüber ist mir wichtig. Und ich respektiere die Zeit des Anderen.

Ist also Timing wirklich alles?
Das Schlimmste ist, dass unser ganzes Leben aus Timing besteht. Unser Leben ist verplant, terminiert und reglementiert. Von klein auf werden wir in zeitliche Raster gepresst. Wir hasten durch das Leben. Es gibt zeitliche Schablonen, die über uns gelegt werden und wir malen sie in unserem Rhythmus aus. Im Idealfall. Ansonsten schnürt uns das Zeitkorsett ein und nimmt uns die Luft zum Atmen. …saugen Sekunden, Minuten, Stunden ein!
Nur manchmal brechen wir aus dem Zeitfenster aus. Atmen Unendlichkeit im Urlaub ein und in unserer Freizeit aus. Freizeit — freie Zeit, aber auch da geben Sportkurse, Treffen, Anfangszeiten, Öffnungs- und Schließzeiten von Geschäften, Restaurants, Bars und Kinos die Zeit vor. Ob wir noch in den Kinosaal gelassen werden, ob wir noch etwas Warmens zu essen bekommen oder ob wir noch die Hemden aus der Reinigung abholen können.

Und auch die “schönste Zeit des Jahres” — der Urlaub, ist terminiert. Frühstück gibt es nur bis 9.00. Nicht mal am Wochenende Zuhause würde ich in den kühnsten Träumen auf die Idee kommen, bis 9.00 zu frühstücken. Meine innere Uhr ist da noch in der Tiefschlafphase.

Die richtigen Dinge passieren zur falschen Zeit oder die falschen Dinge zur richtigen Zeit. Geht das? Kann etwas Falsches zur richtigen Zeit passieren? Gibt es für “Falsches” eine richtige Zeit? Oder für das Richtige die “falsche Zeit”? Kehren sich nicht die “falschen Dinge” oder die “falsche Zeit” ins Positive? Ergibt nicht “Minus Minus Plus”? Braucht “gut Ding Weile”? Müssen Dinge reifen? Aber die Zeit kommt…für jeden und für alles! Alles im Leben hat seine Zeit und sein Timing.

Zeit beeinflusst unser ganzes Leben und es ist das Einzige, auf was wir keinen Einfluss haben. So sehr wir uns auch bemühen.
Ist Timing also doch alles?

Meine Vergangenheit kommt zu schnell zurück! Und meine Zukunft braucht zulange, um nach Hause zu kommen.

Zeit–
Sie rinnt durch unsere Finger.
Sie vergeht wie im Flug.
Sie rieselt durch die Sanduhr.
Machmal steht sie still. Manchmal rennen wir ihr hinterher. Und manchmal wird sie uns geklaut und der Dieb wird nicht mal bestraft, obwohl sie unersetzlich ist. Man sollte aber nie so viel zu tun haben, dass man zum Nachdenken keine Zeit mehr hat. Und für die wirklich wichtigen Dinge im Leben! Wie oft fällt der Satz, wie ein fauler Apfel vom Baum, “dafür habe ich jetzt keine Zeit”. Und irgendwann haben wir wirklich keine Zeit mehr.
Wir stehen schon lange nicht mehr mit dem Sonnenaufgang auf und gehen nicht mit dem Sonnenuntergang ins Bett. Oft machen wir die Nacht zum Tag. Und für viele kommt das Morgengrauen vom Grauen an sich. Für andere hat die Morgenstund wirklich Gold im Mund. Für wieder andere fängt der “frühe Vogel den Wurm” — aber auch nur, wenn es einen “frühen” Wurm gibt. Der “frühe Vogel kann mich mal”, denken wieder andere.
Mir ist der “frühe Vogel” egal, solange er meinen Kaffee nicht trinkt.

Und trotzdem müssen wir oft gegen unseren Rhythmus leben und arbeiten.
Hat nicht schon Julia Romeo in der Nacht zum Bleiben überredet, weil sie ihm sagte, es sei der Gesang der Nachtigall und nicht der Lerche?

Ich wünschte mein Wecker würde mir dies morgens manchmal ins Ohr zwitschern, wenn er wieder einmal viel zu früh klingelt.
Während ich mich morgens am Kaffee festhalte, der so schwarz wie meine Augenringe ist, zwitschern, trällern und flattern die Lerchen-Mitmenschen um mich herum. Aber das Schöne an der Zeit ist, sie dreht sich um. Sie vergeht unermüdlich. Nach dem Tag kommt die Nacht. Nach dem Morgen der Mittag. Nach dem Mittag der Nachmittag. Und mach dem Nachmittag der Abend.

Im Laufe des Tages werden die Lerchen stiller und die Stunde der Nachtigallen und Eulen bricht an. Wie viel leichter wäre es, wenn wir unser Leben nach unserem Biorhythmus gestalten könnten. Wie viele Eulenkinder quälen sich in der 1.Stunde bei Klausuren und wie oft stehen Nachtigallen morgens um 8.00 bei einer Konferenz, bei einem Seminar oder einem Meeting noch neben sich und versuchen Ihre Synapsen mit Kaffee kurzschließen. Und viele Lerchen mühen sich ab nachmittags durch den restlichen Tag und die Minuten ziehen sich wie Kaugummi.
Zeit — kostbares Gut, unbezahlbar. Wer hätte gedacht, dass Zeit im 21.Jahrhundert wertvoller als Salz im Mittelalter sein wird. Denn wir können sie nicht verlängern, nicht strecken, nicht verdünnen, nicht aufladen. Wenn unsere Zeit abgelaufen ist, perlt das letzte Sandkorn durch die Uhr unseres Seins. Und der Zyklus des Lebens beginnt von Neuem.
Man muss sich Zeit nehmen, denn keiner schenkt sie uns.
Jemand hat mal gesagt, die Zeit würde uns wie ein Raubtier ein Leben lang verfolgen. Ich möchte viel lieber glauben, dass die Zeit unser Gefährte ist, der uns auf unserer Reise begleitet und uns daran erinnert, jeden Moment zu genießen, denn er wird nicht wiederkommen. Was wir hinterlassen ist nicht so wichtig wie die Art, wie wir gelebt haben.
Die Zeit kann eine treue Gefährtin sein, aber unerbittlich, wenn man gegen sie ankämpft.
Die Zeit heilt alle Wunden — heißt es. Aber ist sie wirklich eine solch schreckliche Kosmetikerin wie Mark Twain einst behauptete?

Kaum ein Wort ist so dehnbar wie Z E I T und doch so begrenzt. Manchmal fühlt sie sich unendlich an, wenn man im Glücksrausch taumelt. Für die Unsterblichen quälend, wenn sie alles schon gesehen, gefühlt, geschmeckt, gerochen und erlebt haben. Ab und an unerträglich, wenn das Herz in tausend, abertausend Scherben, blutend zersprungen ist.
Hilft es auf Zeit zu spielen? Kann man etwas konservieren und bei Bedarf wieder beleben? Oder es solange überall Konfusionen hinweg heben bis die rechte Zeit ist?

Kommst Du nicht zur rechten Zeit. ..kann alles planen vergebens sein! Gut Ding braucht Weile, aber was, wenn jemand anders eilt als zu verweilen? Dann ist alles Warten sinnlos. Dann ist man den Sinn des Wartens los und hat vielleicht etwas Wertvolles verloren.

Und trotzdem setzen wir Menschen immer auf Zeit!
Kein Lexem, das so viele Umschreibungen und Synonyme hat…die mal mehr, mal weniger präzise den Terminus charakterisieren — Zeitraum, Zeitspanne, Abschnitt, Epoche, Ära, Periode, Augenblick, Sekunden, Minuten, Stunden, Tage, Wochen, Jahre, bald, später, früher, einst, irgendwann.
Sag mir bloß,
wann ist irgendwann -
und schafft es mein tonnenschweres Herz wohl bis dahin?

#missnailsflame

Alexandra L. Nagel
über Fashion, Literature, Art, Museum und Events.

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