Schall, Rauch, Jahreszahl

Eine Psychologie von Jahreszahlen und der zukünftigen Zukunft

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Jetzt ist es da, das Jahr 2018, und damit sind wir der Zukunft wieder ein Jahr näher gekommen. Oder etwa nicht?

Ich stelle diese Frage nicht in dem Sinne, ob 2017 Fortschritte mit sich gebracht hat, die die Welt besser gemacht haben. Ich bin Zukunftsoptimist, und glaube an (hoffe auf, arbeite für…?) eine Zukunft, die besser ist als die Gegenwart — was immer das genau heißen mag, denn was ich gut finde, mag anderen gehörig gegen den Strich gehen. Ich glaube auch, dass die Menschheit in den letzten Jahren Fortschritte gemacht hat, die diesen Optimismus generell rechtfertigen, obwohl es auch gute Gründe für Pessimismus gibt. Aber wenn wir allen technischen und gesellschaftlichen Fortschritt als Beitrag für eine bessere Zukunft betrachten, übersehen wir, dass diese Fortschritte uns bereits jetzt eine bessere Gegenwart ermöglichen.

Schon gar nicht geht es mir um den (nahezu tautologischen) Sinn, dass die Zeit vorangeschritten ist und wir dementsprechend jetzt mehr in der Zukunft sind als vorher, oder in dem Sinn, dass die Zukunft ja immer schon fast da ist, alles bis zu diesem Zeitpunkt vergangen, und die Gegenwart ein “blink and you’ll miss it”-Moment ist. Und das, obwohl alle Ereignisse in der Gegenwart stattfinden. Über so etwas sollen sich gerne Philosophen den Kopf zerbrechen (und wie immer sind sie bereits seit Jahrhunderten lebhaft dabei).

Blink and you’ll miss it.

Für diese beiden Arten, sich der Zukunft zuzubewegen, spielt es zudem keine Rolle, dass ein Jahreswechsel stattgefunden hat, denn vom 31. Dezember bis zum 1. Januar sind wir der Zukunft genau so viel oder wenig näher gekommen wie vom 30. Dezember bis zum 31. Dezember.

Es geht mir hier um die Psychologie von Jahreszahlen.

Jahreszahlen sind, genauso wie der Zeitpunkt des Jahreswechsels, historisch gewachsen und somit ziemlich willkürlich. Jesus Christus wurde nach besten historischen Schätzungen irgendwann zwischen den Jahren 6 bis 4 vor Christus geboren. Der September ist bereits seit 45 v. Chr. der neunte Monat im Jahr. Im jüdischen Kalender schreiben wir seit letztem September das Jahr 5778. Im hinduistischen Kali-Yuga-Kalender sind wir bereits seit März im Jahr 5119, nach Zählung der Vikrama-Samvat-Ära hingegen im Jahr 2074. Im 15. Jahrhundert befinden wir uns sowohl nach dem armenischen (1466 seit Juli), dem islamischen (1439 seit September) als auch dem bengalischen Kalender (1424 seit April).

Aus organisatorischen Gründen ist es sinnvoll, sich möglichst weiträumig auf einen Termin für den Jahreswechsel und eine Zählung zu einigen, es ist aber unerheblich, welcher Ursprungspunkt dabei gewählt wird. Kulturell-religiös spielt dieser hingegen natürlich eine Rolle, und einmal festgelegt, entwickeln die Zahlen und Daten psychologisch Bedeutung: obwohl ich eben nur den heutigen Tag beschrieben habe, erwecken die letzten drei beschriebenen Kalender bei westlich geprägten Menschen wie mir intuitiv dennoch den Eindruck, dass sich diese Kulturen in der Vergangenheit befinden (im 15. Jahrhundert!). Noch deutlicher wird dies mit dem indischen Nationalkalender, der uns im Jahr 1939 sieht (uh-oh!), und dem äthiopischen, bei dem wir seit kurzem im Jahr 2010 sind (Inception, iPads & Instagram!). Vikrama-Samvats 2074 wirkt hingegen nach Science Fiction, das buddhistische 2561 nach abgefahrener Science Fiction. Bei 5119 und 5778 ist offenkundig, dass mit der Kalender-App irgendetwas schief gelaufen ist, und unser Hirn springt vom automatischen, emotionalen System 1 auf das bewusste, logische System 2, um die Information rational statt intuitiv zu verarbeiten.

Zu bestimmten Jahreszahlen haben wir automatische (System 1) Assoziationen: 1492, 1871, 1939, 1945, 1989, 2001 sind für uns kollektiv mit großen Ereignissen verbunden. Auch persönliche Erinnerung oder Relevanz erleichtert uns die Orientierung: 1986 ist mein Geburtsjahr, 1992 war die Geburt meines Bruders und unser Umzug, 1996 ist Dreh- und Angelpunkt meines Musikwissens dank einer Bravo Hits-CD, 2003 war ich auf USA-Austausch.

Für die Zukunft haben wir solche Orientierungspunkte nicht. Jahreszahlen sind größtenteils assoziationslos. Nur wenige zukünftige Ereignisse sind bereits mit einem fixen Datum verknüpft. Im Mai 2019 werde ich mir aller Voraussicht nach den vierten Avengers-Film im Kino ansehen — Marvel ist mit seinen Prognosen relativ spezifisch und meistens korrekt. Für 2020-2021 verspricht eine Reihe von Automobilherstellern selbstfahrende Autos im Angebot zu haben — wobei einige diese Pläne leider schon den gegenwärtigen Tatsachen angepasst werden mussten. Würde ich mich für Sportereignisse begeistern, könnte ich mich auch auf Tokyo 2020 oder die Fußball-WM 2022 in Katar freuen (dass diese im Dezember stattfinden soll, finde ich zumindest als Weihnachtsfan spannend).

Hier kommt die Zukunft in Form von konkreten Fortschritten also tatsächlich näher (sind Avengers-Filme so bahnbrechend wie selbstfahrende Autos? Warten wir es ab!). Diese Nähe wächst aber wie gesagt stetig, auch wenn wir im Kopf beim Überschlagsrechnen jetzt ein Jahr weniger “bis dahin” rausbekommen.

Die bereits geplante Zukunft kommt also näher. Wie aber steht es um die noch zu planende, die zukünftige Zukunft?

Als wir 2016 unseren “Workshop in a Box”, Design Thinking The Future, entwickelten, kam der Punkt, wo wir uns auf eine Jahreszahl festlegen mussten. Wer mit der Box ein Produkt entwickeln will, das Zukunftskunden begeistern soll, sollte wissen, über welche Zukunft es konkret geht. Außerdem beinhaltet die Box konkrete Szenarien mit möglichen spezifischen Zukunftswelten, und da spielt es eine Rolle, ob die beschriebene Welt im Jahr 2020 oder 2050 stattfindet — selbst wenn die Zukunftswelt je nach Fokus mal mehr oder weniger futuristisch aussieht.

Wir haben uns damals (als grobe Richtung) auf das Jahr 2025 festgelegt. Neun Jahre sind noch überschaubar, die Welt wird wahrscheinlich noch grob so aussehen wie jetzt; gleichzeitig sind weitreichende Änderungen möglich, wie sich am Beispiel des iPhones zeigen lässt, das 2016 gerade neun Jahre alt war.

Illustration aus Design Thinking The Future, Peter Ederer

Ich schreibe “als grobe Richtung”, weil — der sehr konkreten Kalenderillustration links zum Trotz — 2025 als symbolisch, als Platzhalter, als eine gefühlte Zukunft verstanden werden kann. Eben ein bisschen weiter als 2020, aber doch nicht so weit wie 2030, das ja eigentlich gleich für die ganze 2030er Dekade steht. 2025, als schöne, runde Zahl, kann dieses etwas vage Gefühl vermitteln, 2024 wirkt hingegen viel zu spezifisch, um diese Funktion zu erfüllen. Man kann sich hierbei gut an Preispsychologie orientieren, die, nicht überraschend, viel besser erforscht ist als die Psychologie von Jahreszahlen.

Dieses Argument betrifft auch, obwohl weniger stark, 2026, das ebenso schöne, runde 10 Jahre entfernt gewesen wäre. Im Jahr 2016 hätte jeder verstanden, warum es bei “Zukunft” um das Jahr 2026 geht. So wie die Zeitreisen in Zurück in die Zukunft vom Jahr 1985 aus in die Jahre 1955 (-30 Jahre), 2015 (+30 Jahre) und 1885 gingen (-100 Jahre). Oder wie der neue Edeka-Weihnachtsspot uns von “Weihnachten 2117” erzählt (die Roboter-Apokalypse verortet Edeka allerdings bereits im nahen 2027).

Ein “Design Thinking The Future 2026” hätte aber nur ein paar Monate später genau so wie ein “Design Thinking The Future 2024” Skepsis ausgelöst, was denn so besonders an diesem Jahr ist. Weil wir, wenn die Zukunft nicht an einem vagen, aber runden, schönen Fixpunkt wie 2025 oder 2030 orientiert wird, eben die aktuelle Jahreszahl als Referenzfixpunkt nutzen.

Wenn Menschen Pläne oder Prognosen machen, wollen sie sich gerne nicht allzu genau festlegen, insbesondere je weiter es in die Zukunft geht. Das ist vermutlich auch ganz vernünftig so. Und Menschen mögen gerne “runde” Zahlen.

Die Zukunft, ja, das ist 2019, aber wenn es weiter als nur nächstes Jahr sein soll, dann ist es eben 2020, 2025, 2030 oder sogar 2040.

2003 wurde die Agenda 2010, nicht die Agenda 2013 verkündet. Wikipedia hat 2017 (nach 16jährigem Bestehen) Pläne für Wiki 2030 erarbeitet, nicht für 2027 oder 2031. Nach den Millenium Development Goals, die im Jahr 2000 für das Jahr 2015 beschlossen wurden, verfolgt UN nun die Agenda 2030 für Sustainable Development. Europa hat eine Europe 2020 Strategie. Andererseits hatte Volkswagen 2008 eine “Strategie 2018” formuliert, die allerdings inzwischen für eine neue Strategie 2025 einkassiert wurde (zufriedene Kunden sind wichtiger, als “größter Autobauer” zu sein).

Das ist nicht nur ein punktueller Eindruck. Sucht man auf Google nach Visionen, Plänen und Strategien für die nächsten 12 Jahre, spricht die Anzahl der Suchergebnisse eine ziemlich eindeutige Sprache:

Google wollte von mir mehrfach wissen, dass da auch wirklich ein Mensch manuell all diese Suchanfragen tätigt…

Das Ganze sieht im deutschsprachigen Raum sehr ähnlich aus, wobei durch die insgesamt sehr viel niedrigeren Zahlen Ausreißer wie die 845 Treffer zu “Pläne für 2024” der Hamburger Olympia-Bewerbung stärker ins Gewicht fallen, und der allgemeine Abwärtstrend zwischen den Extremwerten von 2020 und 2030 (und 2025) wird nicht so deutlich: je weiter wir in die Zukunft gehen, desto weniger Pläne, Strategien und Visionen werden schon heute entwickelt — abgesehen, natürlich, von 2030, und sogar von 2040, das offenbar schon besser durchdacht ist als das Jahr 2023.

Deutschland hat für 2029 keine Strategie, nicht mal einen Plan. Aber 198 Visionen!

Das neue Jahr wird zu einer Verschiebung der Zukunft führen.

Zunächst der intuitive Teil: “Die Zukunft” 2025 war bis gestern psychologisch noch 8 Jahre weg, heute sind es nur noch 7 Jahre. “Die Zukunft” 2030 war 13 Jahre entfernt, jetzt sind es nur noch 12. Diskrete Sprünge. So kommt die Zukunft in der Tat mit dem Jahreswechsel plötzlich ein ganzes Stück näher.

Aber: Ab heute müssen wir uns nicht nur daran gewöhnen, statt 2017 jetzt immer 2018 zu schreiben, wir verlieren auch die Assoziation 2018 = nächstes Jahr = Zukunft. 2018 wird zur Gegenwart und 2019 zum “nächsten Jahr” 2019 bleibt zwar ein “Jahr in der Zukunft”, wird aber in Form von Terminankündigungen und Planungen immer häufiger in unsere alltägliche Gegenwart einziehen. Und nach dem Takt “1, 2, viele” geht es noch weiter: 2020 ist nicht mehr aufregend (oder beruhigend) weit weg, nicht mehr futuristische Sci-Fi-Phantasie, sondern schon Teil des Dreijahresplans. 2020 ist übernächstes Jahr! Spätestens mit diesem Jahr wird deshalb kaum jemand mehr eine “Vision für 2020” entwerfen.

2020: Quasi übermorgen.

Wer für die Zukunft, die “richtige” Zukunft, planen will, plant jetzt für 2025. Mindestens. In 7 Jahren kann schließlich sicher einiges passieren. Andererseits, vor 7 Jahren sah die Welt doch größtenteils schon so aus wie heute. Unsere Normalität ist nicht wesentlich anders als die Normalität 2011 — was vielleicht auch daran liegt, dass die einschneidenden Ereignisse Trump und Brexit es dankenswerterweise bisher nicht geschafft haben, eine neue Normalität zu etablieren, an die wir uns alle gewöhnt haben. Wenn’s also etwas größer werden soll, dann vielleicht doch besser gleich Zukunft 2030?

Die Zukunft ist noch da, sie wird nur anders verteilt.

Während letztes Jahr die zu planende “Zukunft” also manchmal nur noch 3 Jahre weg war, sind es ab heute — psychologisch — eher 7 Jahre. Die nur noch zwei Jahre bis 2020 haben die Mindestlaufzeit für frische Zukunft unterschritten. Zeit, die Vision 2040 in die Strategie 2020 aufzunehmen.

Frohes Neues Jahr!

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