Zweimal Zukunft in Belgien

“Hello, Robot” und “2030 werde ich 20 sein”

Letztes Wochenende habe ich Freunde in Brüssel getroffen, und diese Gelegenheit genutzt, in Belgien zwei Ausstellungen zu besuchen, die in diesem Frühjahr auslaufen.

“Hello, Robot.” (Gent)

Das Designmuseum in Gent widmet sich normalerweise historischem Design-Kulturerbe, momentan wirft es mit der Ausstellung “Hello, Robot. Design between Human and Machine” aber einen Blick in die Zukunft. In der Ausstellung geht es vor allem um größtenteils philosophische Fragen, die sich zukünftig aus der Beziehung zwischen Menschen und Robotern ergeben werden, was einen netten Kontrast zur Roboterausstellung im Manchester Museum of Science and Industry bietet, die ich vor einem Monat besucht habe und die eher den technischen Fortschritt in der Robotik bis zum heutigen Zeitpunkt beleuchtet.

Ähnlich wie in Manchester gab es auch eine Ecke mit Robotern aus Film und Fernsehen, Spielzeug, Comics und Büchern. Aber es geht hier weniger um den (fortschrittsgetriebenen) Wandel in der Darstellung, als um die persönliche (aber für unsere Beziehung sehr wichtige) Frage: “What was your first experience with a robot?” Meine Freunde aus Uruguay finden bei Rosie, the Robot Maid aus den Jetsons eine Kindheitserinnerung wieder, und fragen sich, was diese Darstellung eines Roboters als weibliche Haushaltshilfe wohl angerichtet hat. Robin, ein Transgender-Roboter vom belgischen Designer Jan de Coster der ganz am Anfang der Ausstellung steht, ist ein Kommentar zu dieser Debatte.

Ich habe als Kind nicht die Jetsons geguckt, sondern die Sendung mit der Maus. Beim Nachdenken darüber stelle ich fest, dass ich — auf Grund ihrer modifizierbaren Körperteile und dem lauten Klappern der Augenlider (und entsprechender anderer Geräusche) — implizit wohl immer angenommen habe, dass auch die Maus irgendwie ein mechanisches Lebewesen ist. Tatsächlich konstatiert Armin Maiwald, Miterfinder und Ober-Erklärer der Sendung:

“Es ist eine geschlechtlose technische Maus, die in ihrem Bauch einen Wecker oder alles mögliche Werkzeug hat, die ihre Beine nach Belieben verlängern, die mit dem ausgerissenen Schwanz Seilchen springen, oder auch mit einem ausgerupften Ohr Suppe löffeln kann.”

Darüber hinaus müsste ich in alten Kindheitsbüchern und -comics wühlen, um der Antwort näher zu kommen, was meine erste Begegnung mit Robotern war. Vielleicht Schlupp vom grünen Stern? Die Roboter meiner Kindheit waren sicherlich alle nett und freundlich. Erst in meiner Jugend kamen interessante Roboter dazu, wie Bender aus Futurama oder Sonny aus iRobot.

Die Maus wirft jedenfalls wieder die Frage auf, die wir auch auf dem Weg zur Ausstellung diskutiert haben: “Was ist eigentlich ein Roboter?” (bzw. “Have you ever met a robot?”). Zu dieser Frage findet man der Ausstellung eine Art Verständnis-Mindmap an der Wand des ersten Raums; diese liest sich allerdings eher wie ein Who is Who verwandter Technologien, ohne dabei eine klare Antwort zu geben:

Unter der Frage “Do we really need robots?” geht es interessanterweise nicht direkt um Roboter, sondern vielmehr in einer Analogie um Technologien wie Smartphones und Voice Assistants, die bereits jetzt eine bedenkenswerte Form der Abhängigkeit, ja Unterwerfung geschaffen haben, die in Exponaten wie Eric Pickersgill’s Removed oder in Curious Rituals: A Digital Tomorrow vom Near Future Laboratory, von dem ich einen Auszug schon letztes Jahr auf der meConvention sehen konnte, gezeigt werden. Eine allgemeine Einordnung des Einzugs von Technologie in unseren Alltag bietet die Pyramid of Technology des Next Nature Networks.

“Call Gere-Air-Do”

Ein ähnlich ambivalentes Verhältnis werfen die restlichen beiden Fragen im gleichen Raum auf: “Are robots our friends or our enemies?” und “Do you trust robots?” Neben Flugdrohnen, Minenräum-Robotern, Verkehrsrobotern und selbstfahrenden Autos, die bereits existierende positive Seiten aufzeigen, sind es vor allem die eher künstlerischen Exponate, die unsere Beziehung zu Robotern in Frage stellen. “When the Home Stops” von Joseph Popper zeigt in einer Reihe von Kurzfilmen, wie hilflos wir aussehen können, wenn wir alle täglichen Aufgaben an Roboter ausgelagert haben, und diese plötzlich ausfallen. Highlight dieses Bereichs war aber der (nicht mehr funktionale) Knife.Hand.Chop.Bot, der mit Präzision eine Klinge zwischen unsere Finger sausen lässt, wenn wir die Hand hineinstecken. Aber bloß nicht nervös werden: Schweiß auf den Dioden könnte die Präzision einschränken. Wer traut sich?

Außer diesem Raum zu unserem persönlichen Verhältnis zu Robotern im Allgemeinen gibt es noch eine Reihe von Themenräumen. Im Raum “Programmed to Work” sieht man mehrere Roboter, die einfache, wiederkehrende Aufgaben erledigen oder uns dabei unterstützen können — und die Ergebnisse dieser Arbeit. Schon von der Code_N in Karlsruhe vorletztes Jahr kannte ich manifest von Kuka, einen Roboterarm, der mit einem Stift am laufenden Band zufällig generierte Manifeste verfasst. Aus Karlsruhe haben wir damals schon eine englische und eine deutsche Version mitgenommen, in Belgien war das Manifest auf französisch (obwohl sich das Museum ja in Gent, also im flämischen Teil Belgiens , befindet).

Manifeste

Besonders faszinierend fand ich das Exponat “Teacher of Algorithms”: Die Prämisse: Smarte Geräte müssen erst smart gemacht werden, durch Training, indem sie für das richtige Verhalten belohnt und das falsche bestraft werden.

Auch wenn dies nicht ganz der momentanen Realität künstlicher Intelligenz entspricht, ist die Grundidee doch nahe an der iterativen Optimierung von Nutzenfunktionen künstlicher Intelligenzen beim Machine Learning. Für Menschen wie mich, der ich mit meinem Drucker schimpfe, wenn er das falsche druckt, und sich bei Alexa bedankt, wenn sie mal erfolgreich das Licht ausschaltet, ist dieser Prozess dabei gleichzeitig intuitiv verständlicher. Und es ist gar nicht unwahrscheinlich, dass im Zuge der weiteren Entwicklung von Robotern neue Rollen für menschliche Trainer anfallen, wie es Google X-Chef Nick Foster kürzlich tweetete:

Im dritten Raum, “Friend and Helper” ging es zunächst um die Frage, ob wir wollen, dass sich Roboter um uns kümmern. Es ging aber nicht nur um Pflegeroboter, sondern auch um Roboter die mit Kleinkindern spielen, Sexroboter und, besonders interessant, den Headgasmatron, ein Roboter der einem mit einer Kopfmassagespinne aus Draht den Skalp massiert — also ein nicht sexuelles, aber dennoch sehr angenehmes Gefühl bietet.

Headgasmatron

Weiterhin stellte dieser Teil der Ausstellung unter anderem dar, wie Roboter durch die Auswahl der Sensoren auch eine gewisse Persönlichkeit bekommen — und möglicherweise auch Gefühle ausdrücken können. Einige Exponate beschäftigten sich damit, wie wir mit den “sterblichen Überresten” kaputter Roboter umgehen, und nahm dabei unter anderem Bezug auf das dafür wohl bekannteste Beispiel, den inzwischen nicht mehr gehandelten japanischen Roboterhund Aibo.

er letzte Raum der Ausstellung, “Becoming One” befasste sich mit der Vereinigung von Robotern und Menschen auf zweierlei Weise: einmal (naheliegender) indem Teile der Natur oder des menschlichen Körpers durch Roboter ersetzt oder ergänzt werden, zum anderen (futuristischer) aber auch dadurch, dass Menschen anfangen, in Robotern zu leben — also in stark automatisierten, sich selbsttätig bewegenden Häusern oder gar Städten.

Insgesamt hat die Ausstellung einen sehr umfassenden Überblick zu den Fragen geboten, die unsere Zukunft mit Robotern mit sich bringt, und in der Regel beide Seiten der jeweiligen Debatte fair und dennoch plakativ beleuchtet. Ein Besuch ist auf jeden Fall empfehlenswert, die Ausstellung läuft noch bis zum 25. April 2018. Wir waren nach etwa 2 Stunden einmal durch, wer sich gerne noch tiefer in die Details einlesen will, kann sich sicher auch länger dort vergnügen, es gibt aber auch ein sehr ausführliches und gut gemachtes, wenn auch nicht ganz billiges, Begleitbuch.

“2030 werde ich 20 sein” (Lüttich)

Noch bis zum 3. Juni 2018 läuft die Ausstellung zur Welt 2030 in der Europa Expo des TGV-Bahnhof Liège-Guillemes in Lüttich, die im Rahmen der 200-Jahrfeier der Universität Lüttich letzten Herbst eröffnet wurde.

Die Ausstellung gliedert sich nach Aussage der Veranstalter in vier Teile: unterstützer, vernetzter, verantwortungsbewusster und veränderter Mensch. Davon ist in den Ausstellungsräumen allerdings nicht viel zu merken, stattdessen widmet sich jeder Raum einfach einem anderen Bereich der Lebenswelt 2030.

Nach einem allgemeinen Eingangsbereich mit Gedanken zu Mensch, Maschine und Gehirn widmet sich der erste große Raum dem technischen Fortschritt. Von Da Vinci, Gutenberg und Mercator zu Volta, Pasteur und Edison, mit einer Prise weniger bekannter belgischer Wissenschaftler dazwischen werden bedeutende wissenschaftliche und technologische Fortschritte und ihre Entdecker dargestellt. Etwas unscheinbar neben jeder Entdeckung wird mit einem Exponat oder einem kurzen Film aber auch darauf verwiesen, welche modernsten Technologien auf diesen jeweiligen Entdeckungen basieren, und so der Bezug zur Zukunft hergestellt: “standing on the shoulders of giants.”

Der erste echte “Raum 2030” entführt in eine angedeutete Wohnung der Zukunft, komplett mit smartem Kühlschrank, hydroponischem Kräuterschrank, intelligenter Stromanalyse, Videokonferenz-Touchbildschirmen, ein Kochroboter (?) und Rezeptprojektionen auf der Herdplatte.

… das muss dann wohl ein Kochroboter sein. Sowas hängt 2030 in meiner Wohnung?

Im Raum danach geht es kulinarisch weiter, allerdings stellt sich hier eher die Frage danach, was wir in Zukunft essen werden, statt wie es dann zubereitet wird. Darum ging es — mit den üblichen Verdächtigen Aquaponik, Insekten, Algen etc — allerdings vorwiegend an den Schauwänden, zentrales Ausstellungsstück war hingegen eine lange U-förmige Tafel, auf der über jeweils etwa 1m Breite eine typische Mahlzeit verschiedener Epochen der Geschichte dargestellt wurde. Vom Essen auf dem Boden in der Steinzeit mit Beeren und später über dem Feuer gegrilltem Fisch zu frühem Getreideanbau geht es zu den Liegetischen in Eisenzeit und Römischem Reich, von dort geht es auf normale Sitzhöhe im Mittelalter, Renaissance, 18., 19. und frühen 20. Jahrhundert, zu einem McDonald’s der 50er Jahre, ein Sushi-Restaurant in 2017 und von da geht interessanter die Tischplatte noch einmal auf Stehtischniveau hoch zu Molekularküche, Insektensalat und einer nur mit einer Roboterhand angedeuteten allgemeinen “Küche der Zukunft”. Stehen wir also in Zukunft beim Essen?

Mittelalter, Römisches Reich, Eisenzeit

Der nächste Raum wirft die Frage auf, ob wir in Zukunft überhaupt noch genug zu Essen haben werden: es geht um die großen Herausforderungen: Klimawandel, Überschwemmungen, Dürren, Überbevölkerung, Abgase, Müll. Diese werden jedoch nur mit Symbolfoto-Stelen, politischen Graffiti-Kunstwerken und kurzen Erklärungstexten aufgegriffen.

Von dort geht es weiter zur Mobilität 2030. Interessanterweise legt die Ausstellung einen viel größeren Fokus auf den (innerstädtischen) Transport auf dem Wasser als es mir anderswo in Überlegungen zum Thema bisher untergekommen ist. Das mag daran liegen, dass Lüttich an der Maas den größten belgischen (und drittgrößten europäischen) Binnenhafen beherbergt. Wenn man bedenkt, wie viele große Städte an Flüssen errichtet wurden, und wie wenig fortschrittlich der Personentransport auf dem Wasser selbst in Städten wie Hamburg, London, New York oder Singapur (im Vergleich zum Verkehr auf dem Land) noch ist, erschien mir das Bestehen zumindest eines großen Alternativpotentials plausibel.

Die nächsten beiden Räume widmen sich der Stadt 2030, allerdings nur mit großen Illustrationen und einigen Modellen innovativer Gebäude in Frankreich und Belgien, sowie einem größeren Modell einer Stadt, in das auf Augmented Reality-Screens auch der Verkehr mit eingeblendet wird — ohne umfangreiche Zusatzinformationen.

Von der Stadt geht es ins Weltall in Form einer Raumstation mit Blick auf die Marsoberfläche. Ähnlich wie in den ersten Räumen kann man sich hier wieder mehr in eine zukünftige Welt einfühlen, statt nur darüber zu lesen oder Videos anzusehen. Dafür ist die Information zur Zukunft etwas dünn, es geht primär um den Beitrag Belgiens zur europäischen Raumfahrt.

Ein guter Tag für diesen Pullover. Das TARDIS lässt grüßen.

Die letzten 3 bis 4 Räume befassen sich allesamt mit Medizin und dem menschlichen Körper. Los geht es wieder mit Biohacking, Prothesen, implantierten Chips und Roboter-Körperteilen die mit Schaufensterpuppen ausgestellt werden. Etwas abseits in der Ecke findet sich eine Reihe künstlicher Uteri.

irgendwie gruselig

Ironischerweise versagt in diesem Teil der Ausstellung mein Audiogerät, das nach Eingabe des entsprechenden Codes jeweils Erklärungen zu den Räumen bietet, und ich denke darüber nach, wie es sich anfühlen wird, wenn elektronische Prothesen zwischendurch auch mal so ihre Aussetzer haben. Bei einem künstlichen Uterus kann man sich das wohl nicht mehr erlauben.

Es geht weiter in ein Krankenhaus der Zukunft, in dem wieder vor allem eine belgische Medizintechnik-Initiative Gelegenheit hat, zu zeigen, was mit Ambient Assisted Care-Systemen und smarten Textilien in Zukunft alles möglich sein wird. Vom Krankenhaus geht es über ein kleines Genlabor dann auch direkt weiter zum Thema Sterben und den menschlichen Wunsch, dieses in Zukunft zu verhindern. Ich bin froh, endlich eine schöne Illustration für Kryokonservierung und Transhumanismus gefunden zu haben und spiele brav mit, als mit einem Projektor ein Clone-to-the-Cloud-Prozess meines Körpers simuliert wird.

Krykonservierung: Bofrost x Dixi-Klo => Unsterblichkeit

Kurz vor dem Ausgang gibt es noch einen von mehreren Fernsehsendern gesponsorten Blick in die Zukunft des Fernsehens, mit einem kinogroßen Breitbildfernseher, der ein augmented Reality-unterstützes Fußballspiel zeigt.

Der Museumsshop ist klein und alle Materialien sind, wie auch ein Großteil der Ausstellungs-Infotafeln, leider nur auf niederländisch und französisch zu erhalten. Aber es gibt sowohl Insekten-Snacks als auch regionale Nudeln auf Insektenmehl-Basis!

Insgesamt war auch dieser Museumsbesuch sehr lohnend und ist für Zukunftsinteressierte mit rudimentären Französisch- oder Niederländischkenntnissen sehr empfehlenswert. Mindestens 2 Stunden sollte man auch hier einplanen.